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Bad Brückenau
Interview

Bad Brückenau: "Die Bürger sind aufgewacht"

Die Initiative, die Fußgängerzone zu öffnen, hat die Stadt tief gespalten. Wie sieht Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks das Sterben der Innenstadt?
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Nicht nur die Stadt, sondern alle seien gefragt, wenn es um die Belebung der Innenstadt geht. Davon ist Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks überzeugt -  hier nur wenige Stunden vor der Beerdigung von Wolfgang Back. Foto: Steffen Hildenbrand
Nicht nur die Stadt, sondern alle seien gefragt, wenn es um die Belebung der Innenstadt geht. Davon ist Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks überzeugt - hier nur wenige Stunden vor der Beerdigung von Wolfgang Back. Foto: Steffen Hildenbrand
Seit dem Jahr 2010 ist Brigitte Meyerdierks (CSU) Bürgermeisterin von Bad Brückenau. Die 63-Jährige hat zwei Töchter, die mittlerweile in München leben. Im Interview spricht sie über die Fußgängerzone, die Stadtratswahl 2020 und ihre persönliche Handschrift im Stadtgeschehen.


Frau Meyerdierks, Sie sind im achten Jahr Bürgermeisterin der Stadt. Macht Ihnen die Arbeit noch Freude?
Na klar! Wenn man die Zeit dazu zählt, in der ich meinen Vorgänger vertreten habe, sind es sogar zehn Jahre. Spaß macht mir zum Beispiel das gemeinsame Abwasserkonzept der Rhönallianz, wo man gemeinsam etwas Zukunftsorientiertes und Nachhaltiges schaffen kann. Das sind diese Momente, wo ich mir sage: Mensch, du kannst wirklich etwas bewegen in deinem Amt.

Gibt es auch andere Momente, in denen sie sagen: Hier komme ich nicht weiter?
Ja, immer wieder.

Nennen Sie doch ein paar Beispiele.
Warum kriegen wir es nicht gebacken, dass wir Akteure - ich rede jetzt noch nicht einmal von den Einzelhändlern - zusammenbringen, die gemeinsam versuchen, etwas auf die Beine zu stellen im Hinblick auf die Innenstadt? Wir haben Leute, die erfolgreich arbeiten. Aber wir haben auch ganz viele Leute, die desinteressiert sind. Da bin ich so machtlos, auch wenn diese großen Diskussionen auf Facebook stattfinden. Wissen Sie, was meine Hasswörter sind, seitdem ich Bürgermeisterin bin? Man könnte, man sollte, man müsste. Ich frage dann immer: Wer ist "man"? Ist da nur die Stadt gemeint oder sind alle gemeint?

Einige Bürger sind unzufrieden. Sie empfinden einen kommunalpolitischen Stillstand in der Stadt. Woran liegt das?
Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich könnte Ihnen jetzt aufzählen, was kommunalpolitisch alles passiert: Die Generalsanierung der Mittelschule, wir bauen zwei Kindergärten. Wir haben Möglichkeiten geschaffen, um die Wartelisten für die Kindergärten zu reduzieren. Oder die Vermarktung der Heilquellen ... Vielleicht streiten wir zu wenig. Vielleicht ist so der Eindruck entstanden, dass der Stadtrat zu harmonisch ist. Das einzige, was mir fehlt, sind Bauplätze für junge Familien.

Viele sind enttäuscht und zutiefst ernüchtert, weil die Initiative zur Belebung der Innenstadt vom vergangenen Herbst im Sande verlaufen ist. Haben Sie eine Antwort auf die große Resignation?
Nein, das habe ich nicht. Wir haben ja einiges versucht. Denken Sie an die Veranstaltungen im vergangenen Herbst, wo wir die Hauseigentümer ins Boot holen wollten. Das war eine Reaktion auf das Cima-Gutachten, das unter anderem gezeigt hat, dass von 24 Leerständen 12 aufgrund des Zustandes nicht vermietbar waren. Aber sofort wurde das Thema Fußgängerzone vorgebracht. Unser Ansinnen, dass erst einmal die Immobilien auf Vordermann gebracht werden müssten, ist völlig unter den Tisch gefallen.

Bei einem zweiten Treffen wurde inhaltlich weiter gedacht. Es sollten Arbeitskreise gebildet werden, um die Innenstadt nicht nur durch Fahrzeuge zu beleben. Warum ist es nie dazu gekommen?
Wir haben dazu aufgefordert, dass sich Leute zusammenfinden. Aber es hat sich niemand gemeldet. Und da sind wir wieder beim Thema: Wir brauchen Akteure. Und ich sage auch immer wieder, dass die Resignation bei der Fußgängerzonen nichts Brückenauspezifisches ist. Viele Städte unserer Größenordnung kämpfen damit. Wir waren als Stadt sogar in der "Süddeutschen". Da ging es um die Befahrbarkeit der Fußgängerzone als ein Mosaikstein für die Wiederbelebung der Innenstadt.

Wer wird die Verantwortung dafür übernehmen, dass auch die anderen Mosaiksteine angepackt werden?
Wir tun, was wir können. Seitdem der Stadtrat mit der Befahrbarkeit der Fußgängerzone ein Zeichen gesetzt hat, ist die Resignation nicht mehr so stark. Ich habe auch das Gefühl, dass ein Zusammenrücken in der Werbegemeinschaft stattfindet. Es gibt neue Akteure, es setzen sich mehr Frauen ein. Das sehe ich absolut positiv. Wir hatten noch nie so viele Besucher beim Maibaumaufstellen. Ich denke, das ganze Thema im Stadtrat öffentlich auszutragen und auch zu streiten, hat die Bürger aufwachen lassen.

In Ihrem Jahresrückblick in den Bürgerversammlungen ging es um Baustellen, Ehrungen und regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen. Ein echter Impuls, der Ihre persönliche Handschrift trägt, fehlte. Täuscht dieser Eindruck?

Ich glaube, alles ist meine Handschrift. Jemand muss es anleiern.

Wenn Franz Zang vom Bundespräsidenten ausgezeichnet wird, ist das nicht Ihre Handschrift. Wenn eine Straße vom Freistaat Bayern saniert wird, ist das auch nicht Ihre Handschrift. Und wenn ein Heilquellenprojekt seit drei Jahren kontinuierlich läuft, dann ist das schön. Aber besonders individuell ist das auch nicht.
Ich arbeite sehr viel und sehr intensiv. Ich kann die Arbeit auch nur deshalb so machen, weil ich keine Familien hinten dran habe. Ein Fahrradweg wäre ohne meine Handschrift nicht denkbar. Wir hätten keinen Rossmann hier, wenn ich nicht die Grundstücksverhandlungen vorangetrieben hätte. Oder die Verhandlungen über Fördergelder für die Mittelschule, das sind ja meine Kontakte zur Regierung. Sicher, bei der Kissinger Straße sind wir nur mit den Gehwegen beteiligt. Aber auch da versuchen wir, das Beste für unsere Bürger herauszuholen.

Bei der Kommunalwahl in zwei Jahren wird wohl mindestens die Hälfte der Stadträte nicht mehr kandidieren. Bewerten Sie diese Situation als Chance für die Stadt oder eher als Risiko?
Beides. Zum einen wird uns die Erfahrung fehlen, die dann plötzlich auf einen Schlag weg ist. Zum anderen haben wir einige aktive Bürger in der Stadt, wo ich mir gut vorstellen könnte, dass sie mit ihren neuen Ideen in den Stadtrat Impulse bringen. Bei vielen sind die Gleise festgefahren, das merkt man bei einigen schon.

Der Stadtrat steckt insgesamt fest?
Nein, das darf er ja gar nicht. Wir haben so vieles in Arbeit.

Sie selbst sind noch bis zum Jahr 2022 im Amt. Würden Sie aber - mit der Unterstützung des Stadtrats - die Bürgermeisterwahl auf die Kommunalwahl vorziehen, könnten Sie nochmals kandidieren, denn die Altersbeschränkung für berufsmäßige Bürgermeister wurde auf 67 Jahre angehoben. Werden Sie das tun?
Ich bin bis 2022 gewählt und wenn es meine Gesundheit erlaubt, werde ich das auch machen. Im Moment fühle ich mich fit. Eine Möglichkeit wäre natürlich, wenn sich ein Nachfolger finden würde - egal aus welchem Bereich, das muss kein CSUler sein. Das wäre für mich ein Grund, früher aufzuhören, weil ich das Amt in gute Hände übergeben könnte.

Sie haben im Leben viel erreicht. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen, heute besitzen Sie eine Immobilie im Staatsbad. Sie haben in eine traditionsreiche PWG-Familie eingeheiratet und gewannen als erster CSU-Kandidat seit dem Krieg die Bürgermeisterwahl - und als erste Frau überhaupt in Bad Brückenau. Gibt es etwas, das Sie noch erreichen möchten?
Materiell bestimmt nicht. Aber was ich eingangs schon gesagt habe, man kann etwas bewegen und es gibt schon noch einige Dinge, die wir unbedingt angehen müssen. Unser Schwimmbad zum Beispiel, das müssen wir sanieren. Wir haben ja ursprünglich geplant, erst die Georgi-Halle zu sanieren und dann das Umfeld zu machen. Ich denke, wir sollten das vorziehen. Auch unsere Quellen plätschern so vor sich hin. Da brauchen wir auch noch mehr Akteure...

Die Frage war eher persönlich gemeint.
Ach so. Sehen Sie, so wie andere Frauen zu Aerobic gehen, so stelle ich mich gerne vor 300 Menschen und rede. Eines meiner Highlights des Jahres ist immer der Mundartabend in Sandberg. Den moderiere ich nun schon seit 18 Jahren. Ich denke schon, dass ich gewisse rhetorische Fähigkeiten besitze. Die kann man ja weiter einbringen. Aber nicht als Stadträtin, das kann ich garantieren. Es muss ja nicht in der Politik sein. Ich könnte mir gut ein Ehrenamt im sozialen oder kulturellen Bereich vorstellen.

Gibt es zum Abschluss des Gesprächs noch ein Thema, das Sie ansprechen möchten?
Ich denke, dass ich oft verkannt werde. Dass viele Leute mich ganz anders einschätzen, als ich in Wirklichkeit bin. Aber ich glaube, das liegt an meinem Amt als Bürgermeisterin. Als Bürgermeister hast du es etwas leichter. Aber ich bin ein zufriedener Mensch. Bürgermeisterin zu sein ist mein Leben. Ich mach's gern, alles. Immer noch.

Das Gespräch führte Ulrike Müller.

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