Bad Brückenau
Aufführung

Bad Brückenau: Das schräge Spiel mit Klischees

Die Theatergruppe Kompass des Franz Miltenberger Gymnasiums spielt "Was ihr wollt" von Shakespeare und bricht mit Konventionen und Rollenbildern.
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Die Theatergruppe des Franz Miltenberger Gymnasiums spielte "Was ihr wollt" von William Shakespeare. Fotos Sebastian Schmitt
Die Theatergruppe des Franz Miltenberger Gymnasiums spielte "Was ihr wollt" von William Shakespeare. Fotos Sebastian Schmitt
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Mann oder Frau? Manchmal beides. William Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" bricht die herkömmlichen Geschlechterrollen komplett auf. Mit Gender-Mainstreaming oder Emanzipation hatte Shakespeare freilich noch rein gar nichts am Hut. Als das Bühnenstück dereinst entstand, etwa um das Jahr 1601 oder kurz davor muss das wohl gewesen sein, waren Frauen als Schauspieler noch gar nicht zugelassen. Gemäß der elisabethanischen Aufführungspraxis wurden seinerzeit die Rollen der Viola, Olivia und Maria ausschließlich von jungen, männlichen Schauspielern verkörpert. "Was ihr wollt” ist auch der krönende Abschluss einer ganzen Reihe von exzellenten Lustspielen, bevor Shakespeare deutlich stärker zu seinen ziemlich ernsthaften Dramen und Tragödien überging.

Die Bad Brückenauer Theatergruppe Kompass des Franz Miltenberger Gymnasiums unter der Leitung von Dirk Hönerlage hatte sich also eine Verwechslungskomödie voller Irrungen und Wirrungen ausgesucht, die Schauspielern und Publikum gleichermaßen Einiges abverlangt. Shakespeare hatte an derart turbulenten Verwechslungskomödien vermutlich eine ganze Menge Spaß. Sehr rasch nach "Wie es euch gefällt" rollte er das Thema des Verkleidens, Maskierens und Verwechselns in "Was ihr wollt" gleich noch einmal mit viel Finesse auf. Das reichlich schräge Spiel mit den allzu gängigen Rollenklischees funktioniert auch heutzutage noch ziemlich gut. Das stellte die Theatergruppe Kompass im katholischen Pfarrsaal eindrucksvoll unter Beweis. Die Handlung ist dermaßen verschlungen und verwoben, dass dem geneigten Publikum enorme Konzentrationsfähigkeit ans Herz gelegt werden muss.

Fröhliche Doppelhochzeit

Die junge Schiffbrüchige Viola schlüpft in eine Figur, um die sich das Verwirrspiel letztlich permanent im Kreise dreht. Denn Viola ist als junger Mann verkleidet und wird als solcher zu einem Vertrauten des Herrschers von Illyrien. In der männlichen Rolle bezirzt sie im Auftrag ihres neuen Gönners so gekonnt dessen Angebetete, dass diese sich Hals über Kopf in den vermeintlichen, galanten Mann verliebt. Die Viola in der maskulinen Aufmachung ist aber in Wirklichkeit in ihren Auftraggeber verschossen. Die zahlreichen Nebenfiguren tragen ihr Übriges zur bizarren Komik bei. Zum Finale löst Shakespeare das engmaschige Netz der Verwicklungen und lässt eine fröhliche Doppelhochzeit feiern.

Selfie-Narzissmus

"Bei unserer Aufführung haben wir versucht, einzelne konstituierende Elemente von Good old Shakespeare-Inszenierungen bewusst aufzugreifen: Die Bühne ragt weit in den Zuschauerraum hinein, erhält nur eine Rückwand, den Vorhang, ist also nach drei Seiten hin offen. Der Szenenwechsel erfolgt in großem Tempo, was dank der wenigen Requisiten gut zu meistern ist", erläutert Regisseur Dirk Hönerlage. Ein wenig bricht die Theatergruppe Kompass dann aber doch mit der elisabethanischen Zeit und lässt weibliche Schauspieler zu. "Wenn Männer Frauen spielen, die sich wiederum als Männer ausgeben, aber als Frauen fühlen: Sind dann Identität und Geschlecht fluid, nur soziale Konstrukte?" Das fragt sich Regisseur Hönerlage. "Und wenn die Protagonisten einsam und fragmentiert erscheinen: Suchen Sie dann nach einem geliebten Gegenüber, einem Seelenzwilling, oder nur nach sich selbst: nach Selbstkomplementierung und Selbstbewusstsein, nach Selbstinszenierung und Selbstbestimmung?" Im Stück finden sich überraschende Projektionsflächen für die aktuelle Gender-Debatte sowie die Diskussion über einen modernen Selfie-Narzissmus. Am Ende scheint sich die traditionelle heterosexuelle Rollenverteilung durchzusetzen. Doch bleibt Shakespeare bis zuletzt vieldeutig. Sprachlich sowieso. Dramaturgisch ebenfalls. Durch die Chiffre des Kostüms, das in einem reinen Männerensemble einziges Kennzeichen der Geschlechtsidentität sein kann, bleibt Viola, die sich nicht umkleidet, für die Zuschaueroptik bis zum Schluss männlich definiert: Wenn also Orsino noch im letzten Satz des Stückes Viola ausdrücklich Cesario und Mann nennt und sie gleichzeitig als seine zukünftige Herzenskönigin bezeichnet, so erschafft er damit im Bewusstsein der Zuschauer ein ebensolches männlich-weibliches Doppelwesen wie jenes, zu dem Sebastian in seiner Selbstbeschreibung Olivia gegenüber geworden ist. "Das Arrangement der konventionellen, heterosexuellen Doppelhochzeit gerät zu einem neuerlichen Vexierbild", erläutert Hönerlage.

Pfarrsaal statt Staatsbad

Dass die Theatergruppe Kompass heuer mit einer lieb gewonnenen Tradition gebrochen hat und aus dem Staatsbad in den katholischen Pfarrsaal in der Kernstadt direkt unterhalb der Pfarrkirche umgezogen ist, hatte per se schon recht komödiantische Züge. Denn: Das Bühnenspiel zu Shakespeares Zeiten hatte reichlich wenig mit dem heutigen Theater zu tun. Statt eines Ortes für das betuchte Bildungsbürgertum war es eher eine Art Live-Kino, befand sich in direkter Nachbarschaft und Konkurrenz zu Bordellen, Bärenkampf-Arenen und zwielichtigen Vergnügungsorten und war bei staatlichen und gerade bei kirchlichen Autoritäten ähnlich verpönt wie diese. Im Publikum saßen keineswegs nur die "Gebildeten", sondern auch das einfache Volk: Handwerker, Lehrlinge, Seeleute oder Bedienstete. Das wiederum entspricht der Mission und Vision der Bad Brückenauer Theatergruppe Kompass: Das Bühnenspiel unter das Volk bringen.

Die Mitwirkenden

Schauspieler Leander Nickola, Manuel Meißner, Melissa Witzke, Dennis Fischer, Philipp Kreß, Aleksandar Yordanov, Felix Opitz, Manuel Helfrich, Jessica Stembik, Andy Martin, Paul Vogler, Christina Sanko, Jonathan Jehn, Jennifer Raab, Mirco Stankovic, Timon Jehn

Kulissenbau und Technik Sebastian Baus, Dennis Fischer, Leon Porzelt, Lukas Richter, Kilian Schaab, Paul Vogler

Plakat Christina Sanko, Leon Porzelt, Alexandra Bunkherr

Maske Agnes Kleinheinz

Souffleur Kilian Schaab

Gesamtleitung Dirk Hönerlage

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