Bad Brückenau
Erinnerung

Bad Brückenau: Acht Stolpersteine verlegt

Der Künstler Gunter Demnig verlegt acht weitere Stolpersteine in der Stadt. Das Projekt haben einst Schüler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums angestoßen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Stein für Karoline Tannenwald liegt nun bei den Namen ihrer beiden Kinder. Klara und Lothar Tannenwald wurden 1942 in Krasnystaw (Polen) ermordet. Ihre Mutter war wohl zu schwach für die Deportation.  Der Arbeitskreis Stolpersteine geht davon aus, dass sie am 20. März 1943 in Würzburg starb. Foto: Ulrike Müller
Der Stein für Karoline Tannenwald liegt nun bei den Namen ihrer beiden Kinder. Klara und Lothar Tannenwald wurden 1942 in Krasnystaw (Polen) ermordet. Ihre Mutter war wohl zu schwach für die Deportation. Der Arbeitskreis Stolpersteine geht davon aus, dass sie am 20. März 1943 in Würzburg starb. Foto: Ulrike Müller
+6 Bilder

An einer Straßenecke eröffnete Zweiter Bürgermeister Jürgen Pfister (PWG) am Donnerstag die zweite Verlegung von Stolpersteinen in Bad Brückenau. Er begrüßte Gunter Demnig, den Künstler, der mit seiner Idee inzwischen bereits mehr als 70.000 Erinnerungssteine für jüdische Bürger in Europa geschaffen und verlegt hat. Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) weilte bei einem Termin in Bad Kissingen, stieß aber später zu der Runde.

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, schickte ein Grußwort. Seine Vorfahren stammen aus Bad Brückenau. Es kamen sicherlich etwa 80 Menschen zur Verlegung - darunter etliche Schüler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums. Sie hatten sich dafür eingesetzt, dass sich Bad Brückenau am größten dezentralen Mahnmal für die Opfer der Schoah (der hebräische Ausdruck für Holocaust) beteiligt.

Ergriffene Stille

"Alle jüdischen Mitbürger waren in Brückenau gesellschaftlich integriert und anerkannt, bis die Nationalisten sie ab 1933 aus der Mitte der Gesellschaft rissen", sagte Pfister. Acht Schicksale habe der Arbeitskreis nachgezeichnet, die "Erinnerung, Mahnung und Auftrag" seien. Während der Künstler die Steine einsetzte, lasen Schüler die einzelnen Biografien vor, es herrschte ergriffene Stille unter den Zuhörern.

Erstaunlich viel ist belegt. In akribischer Arbeit haben Heimatpflegerin Cornelia Mence und der frühere Pfarrer Ulrich Debler das Leben vieler jüdischer Bürger rekonstruiert. Der Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Brückenau" am Gymnasium konnte auf diese Vorarbeit zurückgreifen. Manche Puzzleteile fügte der inzwischen entstandene Arbeitskreis "Stolpersteine" noch hinzu - zum Beispiel den von Irma Kahn.

Ehemalige Schülerin ermordet

Das Schicksal des in Brückenau zur Schule gegangenen jüdischen Mädchens war lange ungewiss. Erst kürzlich gelang es, die Umstände ihres Todes zu klären. "Im Frühjahr 2019 hatten wir Geburtsdatum und Schulzeit erfahren, dann einen alten Schülerbogen im Archiv entdeckt", berichtete Dirk Hönerlage vom Gymnasium. Inzwischen ist klar: Die junge Frau kam in eine Nervenheilanstalt und wurde im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms Aktion T4 ermordet.

So ist es kein Zufall, dass das Franz-Miltenberger-Gymnasium den Stein für die ehemalige Schülerin stiftete. Wer eine Patenschaft für weitere Stolpersteine übernehmen möchte, kann sich ans städtische Kulturbüro im Alten Rathaus oder das Gymnasium wenden.

An diese jüdischen Mitbürger erinnert die Stadt Bad Brückenau:

Hermine Kahn wohnte in der Kissinger Straße 11. Ihr Mann Abraham Kahn führte ein Geschäft für technische Öle, Fette und Lacke. Er starb im Jahr 1927 mit 49 Jahren. Aufgrund der Repressionen zog sie im Jahr 1939 nach Frankfurt Main. Der Arbeitskreis Stolpersteine geht davon aus, dass Hermine Kahn nach ihrer Deportation aus Frankfurt ermordet wurde.

Irma Kahn war die Tochter von Hermine und Abraham Kahn. Im Jahr 1930 machte sie ihren Abschluss am so genannten Progymnasium und gehörte zur ersten Abschlussklasse. 1934 zog sie nach Frankfurt Main, kam später in die Landesheilanstalt Weilmünster bei Limburg und wurde dort am 25. April 1940 im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet.

Familie Fröhlich lebte in der Ludwigstraße 18. Der Vater führte das Schuhhaus J. Adler in der Ludwigstraße. Mit Frau und Sohn siedelte er im Jahr 1939 nach Frankfurt Main um. Die Familie wurde am 25. November 1941 in Kowno im heutigen Litauen ermordet.

Karoline Tannenwald lebte in der Ludwigstraße 31. Sie stammte aus Würzburg und heiratete in eine Bad Brückenauer Bank- und Manufakturfamilie ein. Die Familie verließ die Stadt nicht. Vermutlich erst 1942 erfolgte die Zwangsübersiedlung nach Würzburg. Für die Deportation in ein Konzentrationslager war sie wohl zu schwach. Nach Recherchen starb sie einen Tag nach ihrem 80. Geburtstag im Jahr 1943.

Josef und Sara Kaufmann führten das Hotel Kaufmann in der Wernarzer Straße 7 im Staatsbad. Die Gestapo führte 1937 eine Razzia durch, aufgrund derer das Hotel ein Jahr später schließen musste. Auch das Ehepaar Kaufmann wurde gezwungen, 1942 nach Würzburg umzusiedeln. Von dort folgte die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. Josef Kaufmann wurde am 10. August 1943 ermordet, seine Frau am 26. Dezember.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren