Wildflecken
Gastronomie

Wildfleckens Würzburger Hof hält Gastronomiefahne hoch

Der Würzburger Hof ist die letzte klassische deutsche Gastwirtschaft in Wildflecken. Die Wirtsfamilie hat sich durch ihre Flexibilität im Markt behauptet. Sie blickt auf eine nicht einfache Zeit zurück, aber auch optimistisch in die Zukunft.
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Es läuft: Sascha Kirchner übernahm von seinen Eltern den Würzburger Hof in Wildflecken. Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Es läuft: Sascha Kirchner übernahm von seinen Eltern den Würzburger Hof in Wildflecken. Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Wer die Entwicklung der Gastronomie in Wildflecken verstehen will, der kommt um das Jahr 1994 nicht herum. "Ab 1993 haben wir den Würzburger Hof übernommen, ein Jahr später sind die amerikanischen Truppen aus Wildflecken abgezogen", blickt Werner Kirchner zurück. Er macht klar, dass seitdem vor allem für die vielen Gastronomen in Wildflecken ein Überlebenskampf begonnen hat. Fast alle Wirte aus dieser Zeit haben längst das Handtuch geworfen, die Familie Kirchner ist immer noch aktiv und hängt mit ganzem Herzen an ihrem Würzburger Hof. Den hat mittlerweile Sohn Sascha Kirchner übernommen.

Konkurrenz Vereinsheime

Die Eltern Evelyn und Werner Kirchner helfen immer noch gerne mit: "Soweit es die Gesundheit zulässt. Wir wollen das auf keinen Fall aufgeben." Dass Sohn Sascha den Beruf des Kochs erlernt hat, ist für die Familie ein Glücksfall. Der Würzburger Hof hat sich seit der Übernahme durch die Kirchners längst einen Namen für gutbürgerliche deutsche Küche gemacht. "Rhöner Wildgerichte, regionale Spezialitäten, XXL-Gerichte, Buffetgerichte - wir wollen den Wünschen der hiesigen Kundschaft natürlich gerecht werden", sagt Werner Kirchner. Doch den Laden voll zu bekommen, werde immer schwieriger. Nachdem in der Marktgemeinde immer mehr Gebäude leer gestanden waren, haben sich fast alle Vereine ein eigenes Vereinsheim aufgebaut.

Ein Lichtblick hat sich in den letzten Monaten ergeben: Der Dartsport ist so beliebt geworden, dass immer mehr Gruppen zum Training in den Würzburger Hof kommen. Sascha Kirchner ist selbst vom Dart begeistert und spielt, wenn es die Zeit zulässt, gerne selbst mit. Über das Internet können sich die Dartsportler live mit ganz Europa messen - zeigt sich Kirchner angetan von den neuesten technischen Möglichkeiten. Die Familie träumt von einem Wanderpokal, um den die Dartsportler aus der Rhön künftig kämpfen. Schon heute hat sich durch die Dartfreunde eine kontinuierliche Einnahmequelle ergeben.

Weniger Familienfeiern

Zurückgegangen sind die Familienfeiern, wie Taufe oder Kommunion oder Firmung. "Es sind immer weniger Kinder da, also musste das so kommen", sagt Kirchner. Außerdem stellen immer mehr Vereine ihre Heime dafür zur Verfügung. Glücklich ist die Familie Kirchner darüber, dass sich Wildflecken intensiv Gedanken über den Tourismus macht. Kirchner erhofft sich zum Beispiel von einem neuen Radweg entlang der ehemaligen Sinntalbahnlinie durchaus positive Impulse. "Es ist wichtig, dass man die Leute in den Ort bekommt." Durch den Bau der Umgehungsstraße müssen die auswärtigen Besucher des Kreuzbergs oder der Wasserkuppe nicht mehr durch die Marktgemeinde fahren. "Man müsste die Autofahrer irgendwie darauf aufmerksam machen, dass hier in Wildflecken noch eine Gastwirtschaft in Betrieb ist."

Der Dönerladen ziehe sicher auch einige Leute nach Wildflecken, aber die bleiben nicht lange, weil sich die Betreiber auf den Mitnahme- und Lieferservice spezialisiert haben. Eine Gastwirtschaft im klassischen Sinn ist der "Apollo Grill" daher nicht, der zum Beispiel bei den Bundeswehr-Soldaten einen regen Zuspruch gefunden hat, die ihr Essen allerdings am liebsten abholen. Weit über Wildflecken hinaus bekannt wurde die Pizzeria "ToGo" am Rathausplatz, die sich bei den Soldaten geradezu einen legendären Ruf erarbeitet hatte. Doch auch in der Pizzeria, für die offenbar kürzlich ein neuer italienischer Betreiber gefunden wurde, dominierte jahrelang das Mitnahmegeschäft. Allenfalls im Sommer nutzten immer mehr Gäste die Möglichkeit, im Freien vor der Pizzeria ihre Speisen zu verzehren.

Insofern ist der Würzburger Hof die letzte klassische deutsche Gastwirtschaft in Wildflecken mit Übernachtungsmöglichkeiten. "Alle anderen sind weg, wir sind immer noch da", sagt Kirchner. "Wenn selbst die Einheimischen nicht mehr in die örtlichen Lokale kommen, dann muss man sich Gedanken machen." Natürlich habe auch der Würzburger Hof mit der Einführung des Euros einen Negativ-Knick erlebt. Ganz so drastisch wurde es zwar nicht, aber die Wirtshauskultur habe längst gelitten. "Wir sind schon immer ein Familienbetrieb gewesen. Wir können gar nicht zusätzliche Leute einstellen", sagt Kirchner. Den Charakter eines familiengeführten Hauses würden gerade viele Städter zu schätzen wissen, aber in den Städten müsse man erst einmal sich aufmerksam machen. "Es müsste doch möglich sein, dass sich Betriebe der Rhön zusammen an einem gemeinsamen Stand dem Messepublikum präsentieren." So würden die Familienbetriebe Geld sparen und könnten sich außerdem die Arbeit auf dem Stand tageweise aufteilen. "Wenn man weiter überleben will, dann muss man kreativ sein und neue Anreize schaffen."
Familienfreundlichkeit, regionale Ausrichtung und flexible Öffnungszeiten könnten die Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit sein. "Wir sind da immer bereit für neue Wege. Wenn Gruppen sich melden, dann machen wir auf, egal welche Uhrzeit es gerade ist." Eines ist für die Familie Kirchner klar: Wenn eine Wirtschaft erst einmal zu ist, dann wird es umso schwerer, das Geschäft wiederzubeleben. Der Ratskeller sei ein mahnendes Beispiel. Er steht seit vielen Jahren leer. Immer wieder wurde über einen Abriss gesprochen, aber dann würde sich das Gesicht des Rathausplatzes enorm ändern.

"Irgendwas haben wir richtig gemacht, dass es uns heute immer noch gibt. Aber ein Patentrezept für eine erfolgreiche Zukunft gibt es nicht", sagt Kirchner, der für seine Gäste immer ein Lächeln übrig hat. Ganz besonders dann, wenn er sich den Zylinder aufsetzt und die Drehorgel bedient. "Das macht mir Spaß und den Gästen natürlich auch."

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