Kothen
Werberger Treffen

Werberg: 50 Jahre nach der Absiedlung

Am 25. Juni kommen die ehemaligen Werberger auf dem Truppenübungsplatz zusammen. Für viele ist der Ort ihrer Kinderheit noch immer Heimat.
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Eine heile Welt hatten die Kinder in Werberg: Das Dorf ihrer Kindheit wurde im Jahr 1973 dem Erdboden gleich gemacht. Foto: Mechthild von Czettritz
Eine heile Welt hatten die Kinder in Werberg: Das Dorf ihrer Kindheit wurde im Jahr 1973 dem Erdboden gleich gemacht. Foto: Mechthild von Czettritz
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Es genügt ein Wort, ein Foto, und die Erinnerungen kommen zurück. Es sind Erinnerungen an gute und schlechte Tage, erfüllt mit Lachen und Weinen. Renate Erb, geborene Müller, und Barbara Felsen heute fast Nachbarinnen, haben vier Jahre zusammen in Werberg verbracht, ehe es 1966 endgültig abgesiedelt wurde.

"Es waren schöne, erfüllte Jahre", können die beiden Brückenauerinnen rückblickend sagen. Der Werberger Zusammenhalt beeinflusste die beiden enorm. "Man hat sich immer gegenseitig geholfen. Es war eine große Gemeinschaft", betont Barbara Felsen. Sobald man vom "Weißen Weg" oder vom "Holzberg" nach Brückenau zum Einkaufen ging, hakten sich kurzerhand "die Dörfl" und "die Gusti" ein und gingen mit. Renate Erb ergänzt: "Es haben ja alle bei Null angefangen."


Gemeinsames Schicksal eint

Gemeint sind die Heimtatvertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Werberg angesiedelt worden waren. Obwohl jede Familie aus einer anderen Gegend kam, einte sie ein gemeinsames Schicksal sowie die Notwendigkeit, das Leben in der kargen Rhön "in den Griff zu kriegen", so Renate Erb.

Auch Barbara Felsen hatte es aus der Not heraus nach Werberg verschlagen, nicht als Heimatvertriebene, sondern als Förstersfrau. Ihr Ehemann Hans-Joachim hatte zwar das Revier Neuglashütten inne, aber kein Forsthaus. Daher zogen sie, Barbara Felsen mit dem zweiten Kind schwanger, 1959 nach Werberg. Abgesehen von der holprigen Fahrt ins Brückenauer Krankenhaus - die Einheimischen sprachen von der "Abtreibungsstraße" - hat sie die Wöchnerinnenzeit stets in positiver Erinnerung. Eine Nachbarin kam nach jeder Geburt mit einem Topf Hühnerbrühe vorbei - "das hat mich jedes Mal zu Tränen gerührt. Für die Nachbarin war das nur selbstverständlich."

Für Renate Erb und Barbara Felsen ist klar: "Es war eine heile Welt." Einerseits war Werberg, bis auf eine Zufahrt fast komplett vom Truppenübungsplatz umschlossen, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, doch genossen die Werberger Ruhe und Zufriedenheit. Dies hat Barbara Felsen geprägt: "dass wir mit dieser einfachen Lebensart überaus zufrieden und glücklich waren". Der Otto-Normal-Werberger hatte keinen Kühlschrank, kein Bad, keinen Fernseher und keine Telefon, ein Auto schon gar nicht. Ein kleines Taxi-Unternehmen gab es, aber dafür hatte natürlich keiner Geld.


Viele verlassen Dorf schon früher

Aber Werberg hatte eines: den "Paradiesgarten der Rhön", einen Südhang, an dem die besten Apfelbäume und sogar Pfirsichbäume wuchsen. Ganz andere Gerüche liegen Barbara Felsen jetzt noch in der Nase: "Das war so eine Mischung aus Salzheringe-Schuhwichse-Senf-Waschmittel-Öl, das mir im Gasthaus zum Löwen immer entgegenschlug", erinnert sie sich.

Der Werberger Zusammenhalt wird auch 50 Jahre nach der letzten Absiedlung hoch gehalten. Dennoch: dort bleiben wollten nur wenige. Renate Erbs Eltern zogen 1963 nach Brückenau, um der Tochter den Realschulbesuch zu ermöglichen. Barbara Felsen blieb zwar bis 1966, "wäre aber nicht länger geblieben. Ich wollte ein richtiges Bad, nicht nur so eine Zinkwanne, für die man auch noch das Wasser kochen musste."

Auch andere Bewohner hatten Werberg im Laufe der Jahre verlassen, die Häuser und Ländereien dort hatten sie vom Bund ja nur gepachtet. Außerhalb von Werberg war ein Eigentumserwerb und Aufstieg möglich. Werberg bleibt lebendig, in den Erinnerungen und Gesprächen, aber auch in der Nachfolgegeneration. Sowohl Barbara Felsen, als auch ihr Sohn und Enkel sind von Werberg begeistert und kommen regelmäßig zu den Werberger Treffen.


Die Enkel interessieren sich

Auch in Kothen ist das Interesse an Werberg in der Folge-Generation groß. Die Schilderungen ihrer Oma und Mutter empfand Isabelle Geck als "faszinierend" und hinterließ in ihr die Vorstellung von einem "idealisierten Dorfleben". Ein bisschen Heimat ist der Ort auch für sie: "Unter anderen Umständen könnte ich Werbergerin sein", sagt die 39-Jährige.

Bereits im vergangen Jahr hat die Gymnasiallehrerin für Geschichte und Englisch mit ihrer Familie die Pflege der Werberger Stube in Kothen übernommen - nach dem Tod von Lothar Selig, der sich über viele Jahre treu für das kleine Museum eingesetzt hat. Heuer, zum 50. Jahrestag der Absiedelung von Werberg, hat sie sich in die Vorbereitungen von David Bär, 1. Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Wildflecken, eingeklinkt und für das Jubiläumstreffen ein Programm erstellt. In zwei Wochen ist es soweit: Dann werden sich viele Werberger qwieder in die Arme schließen.


Infos zum Werberger Treffen am 25. Juni:

Programm Die Schranke wird am Samstag, 25. Juni, ab 10 Uhr geöffnet sein. Verschiedene Führungen werden angeboten: um 11 Uhr: historische Führung mit Bildertafeln der ehemaligen Häuser (Start bei der Burgruine), um 11.15 Uhr: "Leben in Werberg, vergessene Heimat", um 11.30 Uhr: "Werberger Art", 11.45 Uhr: "Werberg 2.0" (für Jugendliche) (Start: jeweils am Dorfplatz). Nach dem Mittagessen findet um 14 Uhr eine Andacht am Friedhof statt. Nach den Grußworten der Ehrengäste können auf Wunsch noch Führungen gehalten werden. Die Schranke schließt um 17 Uhr. Ein gemütlicher Ausklang ist bei der Werberger Stube in Kothen geplant.

Parkplätze Die Zufahrt erfolgt über die Rothenrainer Straße, der Panzerstraße gegenüber der Autobahnausfahrt aus Richtung Würzburg. Da es in Werberg selbst nur begrenzt Parkmöglichkeiten gibt, wird gebeten, ab der Rothenrainer Straße Fahrgemeinschaften zu bilden. Die Bundeswehr weist darauf hin, unbedingt auf den Wegen zu bleiben.

Geschichte Werberg entsteht wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, weil die Grenze zwischen dem Fürstbistum Fulda und dem Hochstift Würzburg durch eine Fuldische Schutzburg gesichert werden soll. Im Jahr 1444 wird die Burg vom Würzburger Fürstbischof erobert und zerstört. ImJahr 1781 wird die Schule errichtet, 1852 die Kirche.

Zweifache Absiedlung 1937 wird der Truppenübungsplatz erweitert, Werberg wird 1938 zum ersten Mal abgesiedelt und zu einem Wehrertüchtigungslager gemacht. Im Jahr 1946 werden 356 Heimatvertriebene aus Schlesien, Preußen, Sudetenland, Ungarn und Rumänien angesiedelt. Sie finden aber nur temporär eine neue Heimat, denn am 4. September 1966 erfolgt die endgültig letzte Absiedelung des Dorfes. 1973 wird Werberg durch die US-Streitkräfte komplett gesprengt. Nur die Antioniuskapelle und der Friedhof bleiben davon verschont.




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