Kothen
Historisch

Was von dem Dorf Werberg übrig blieb

Fünf Kothener treten mit einigen neuen Ideen für die historische Werberger Stube das Erbe von Lothar Selig an.
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Reinhard Sturm, Isabelle Geck, Thorsten Sturm, Cornelia Sturm und Thorsten Geck kümmern sich nun um die Werberger Stube in Kothen und bieten Führungen an.  Foto: Stephanie Elm
Reinhard Sturm, Isabelle Geck, Thorsten Sturm, Cornelia Sturm und Thorsten Geck kümmern sich nun um die Werberger Stube in Kothen und bieten Führungen an. Foto: Stephanie Elm
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"Wie wäre es, wenn Kothen auf einmal weg wäre", fragte Isabelle Geck bei einer Führung durch die Werberger Stube die Kindergartenkinder. Die 38-Jährige hat zusammen mit ihren Eltern Cornelia und Reinhard Sturm, ihrem Bruder Thorsten Sturm sowie ihrem Ehemann Thorsten Geck die Pflege der Werberger Stube übernommen. Und sie möchte verschiedene Führungskonzepte ausarbeiten.

Seit dem überraschenden Tod von Lothar Selig, der bis Februar dieses Amt inne hatte, erhielten die Familien Sturm und Geck laufend Anfragen über Öffnungszeiten und Führungen. Sowohl Spontan-Interessierte auf der Durchreise, als auch Gruppen möchten die Werberger Stube sehen. "Dann machen wir das halt", entschieden die fünf Kothener.


Spurensuche

Drei Räume voller Erinnerungen und Erinnerungsstücke laden ein, sich auf Spurensuche nach dem fast vergessenen Werberger Leben zu machen. Seit die US-Armee Werberg dem Erdboden gleich gemacht hatte, fehlte vielen "displaced persons" ihre Heimat. Nachdem 1938 die erste Absiedlung bereits vorgenommen worden war, waren nach dem Zweiten Weltkrieg Heimatvertriebene aus den osteuropäischen Staaten in dem Dorf angesiedelt worden. Diese hatten in den Kriegswirren bereits viele Kilometer auf der Flucht hinter sich gebracht, und waren froh, wieder eine Bleibe zu finden, so auch die Eltern von Cornelia Sturm und ihrem Bruder Richard Haydu.

Die Gemeinsamkeiten in ihren Vergangenheiten verband sie. Der "Zusammenhalt" ist das erste, was ihnen einfällt, wenn Cornelia Sturm und Richard Haydu an das Dorf ihrer Kindheit zurückdenken. Die Werberger waren "eine verschworene Schicksalsgemeinschaft". Die beiden Geschwister sind in der Gemeinde Motten zwei der wenigen Zeitzeugen des ehemaligen Werbergs. Sie erinnern sich auch daran, dass die Bewohner sich selbst versorgt haben, in dem circa 400 Einwohner zählenden Werberg war überraschend viel Infrastruktur vorhanden: Kirche mit Friedhof, ein Schwesternheim, Schule, Kindergarten, Schwimmbad, eine eigene Feuerwehr, zwei Gaststätten, ein Lebensmittelladen und ein Friseur. Die Straßen waren komplett gepflastert oder geteert. Und dort gab es die erste elektrische Straßenbeleuchtung im Altlandkreis Brückenau.

Viel Wehmut bewegt die beiden ehemaligen Werberger, wenn sie das Heimatdorf ihrer Kindheit aufsuchen. Denn viel ist nicht übrig geblieben. Nur die Treppe zum Exerzierplatz, das langsam verfallende Schwimmbadbecken und die Antoniuskapelle zeugen noch von dem glücklichen Dorf. Cornelia schwärmt noch von der fast einen Kilometer langen Schlittenpiste mit zirka 100 Metern Gefälle, die sie mit sieben Jahren zum letzten Mal durchfuhr. Richard Haydu hat den kleinen Auersberg vor seinem geistigen Auge, als er zwölfjährig dort die Kühe hütete: "Das war mein Weidegebiet."


1963 Werberg verlassen

Auf Grund der Erweiterung des Truppenübungsplatzes musste Werberg weichen. Manche Familien gingen bereits 1961, andere, wie die Eltern von Cornelia Sturm und Richard Haydu, erst 1963. Drei Jahre später war die Absiedelung des Dorfes abgeschlossen. Die Haydus hatten ihre Abreise lange hinausgezögert, hatte doch der Vater erst Ende der 1950er Jahre einen modernen Traktor und einen Mähdrescher angeschafft. Die Familie hatte sich auf eine lebenslange Existenz in Werberg eingestellt und wollte nicht wieder umziehen. 1963 hieß es endgültig, mit 120 Schweinen und vier Kühen, Abschied nehmen. Viel wurde verkauft, viel blieb zurück. Abgeschlossen mit der Werberger Vergangenheit haben laut Cornelia Sturm wohl nur die, die weiter weggezogen sind, und nicht mehr zu den Werberger Treffen kommen.


"Sehr schlimme Stimmung"

Das erste Treffen 1973 war laut Cornelia Sturm, die als letzte den Geburtsort Werberg im Personalausweis stehen hat, geprägt von einer "sehr schlimmen Stimmung". Die ehemaligen Werberger sahen, dass selbst die Kirche bei der Sprengung von der US-Armee nicht verschont worden war.
Der Verlust des Dorfes bewegte Ernst Zimmermann und die "Gemeinschaft ehemaliger Werberger", eine "Erinnerungsstätte für das ehemalige Dorf Werberg" ins Leben zu rufen. Viele Werberger brachten Hausrat, landwirtschaftliche Geräte, Möbel oder Kleidung zu Ernst Zimmermann. Sie schufen damit den Grundstock für die Werberger Stube. Aber auch die Kirchenglocke, das Turmkreuz und der Taufbrunnen aus der Kirche sind dort untergebracht.
Gut bestückt ist die Werberger Stube. Alle drei Räume sind voll. Die Familien Sturm und Geck haben das Erbe angenommen, zusammen mit einer - teils selbst auferlegten - großen Verpflichtung.


Viel Potenzial

"Die Werberger Stube hat viel museumspädagogisches Potenzial", ist Isabelle Geck überzeugt. Für die Kothener Kindergartenkinder hat sie bereits eine Führung angeboten, auch ein Konzept für Erwachsene ist bereits aufgebaut. Für Grundschüler und Schüler weiterführender Schulen möchte die 38-Jährige ebenfalls Führungen ausarbeiten, ebenso über die bis ins Mittelalter reichende Geschichte Werbergs.


Viel aufzuarbeiten

Als Geschichtslehrerin hat sie das Hintergrundwissen, dennoch "gibt es viel aufzuarbeiten", sind sich Isabelle, ihr Bruder Thorsten Sturm und ihr Mann Thorsten Geck einig. Bei so manchem Ausstellungsstück musste Isabelle Geck erst mal im Dorf rumfragen, was das überhaupt ist.
Eine Kleegeige zum Samen-Aussähen oder ein Tabakschneider sind heute kein üblicher landwirtschaftlicher Bestandteil mehr. Als sehr wertvoll bezeichnet sie es, dass Werberger Zeitzeugen noch leben, zwei allein in ihrer eigenen Familie. Von diesen möchte sie möglichst viele Erinnerungen hören und aufschreiben, weiß sie doch um den Wunsch vieler ehemaliger Werberger, ihre doch wenigen Erinnerungen und Erinnerungsstücke gut bewahrt und erhalten zu wissen.





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