Bad Brückenau
Sinntalbahn

Staudenbahn zieht Klage zurück

Mit der Rücknahme der Klage am 5. Oktober ist die Entwidmung der Bahnstrecke so gut wie rechtskräftig. Die Reaktionen in der Region fallen gemischt aus.
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Timo Meißner von der Firma Meißner Gleisrückbau plant einen Radweg auf der alten Bahntrasse. Nun steht nur noch der Abschluss der artenschutzrechtlichen Prüfung aus. Das Ergebnis will das Landratsamt in der kommenden Woche vorlegen. Foto: Ulrike Müller
Timo Meißner von der Firma Meißner Gleisrückbau plant einen Radweg auf der alten Bahntrasse. Nun steht nur noch der Abschluss der artenschutzrechtlichen Prüfung aus. Das Ergebnis will das Landratsamt in der kommenden Woche vorlegen. Foto: Ulrike Müller
Fast zwei Jahrzehnte dauerte das Hickhack um die Zukunft der Sinntalbahn. Nun ist die Bahnstrecke durchs Sinntal - zumindest auf bayerischer Seite - Geschichte. Die Bestandskraft der Freistellungsbescheide tritt zwar erst dann offiziell ein, wenn das Gericht die Verfahren durch entsprechende Beschlüsse eingestellt hat, teilt das Eisenbahn-Bundesamt auf Rückfrage dieser Zeitung mit. Das werde allerdings innerhalb der nächsten Tage geschehen, bestätigt Susanne Horas vom Verwaltungsgericht Würzburg.

"Das Porzellan in Sachen Sinntalbahn ist wohl schon lange vor unserer Zeit von den Vorgängerinteressenten zerschlagen worden", teilte Hubert Teichmann, Geschäftsführer der Staudenbahn, in einer Presseerklärung mit. Die Gesellschaft war der letzte Interessent, der sich für eine Reaktivierung des Schienenverkehrs stark machte. Die fachliche Herausforderung, die seit 2005 stillgelegte und völlig zugewachsene Strecke wieder befahrbar zu machen, wäre anspruchsvoll genug gewesen, so Teichmann weiter. Von Augsburg aus aber auch noch gegen die Vorbehalte der Politiker ankämpfen zu müssen, sei den Vertretern der Staudenbahn zu viel gewesen. "Andere Regionen Bayerns reaktivieren mit großem Erfolg stillgelegte Strecken, im Sinntal baut man eine Verkehrsader mit beträchtlichem Potential aufgrund von Enttäuschungen in der Vergangenheit ab", sagte Teichmann.


Region setzt auf Radtourismus

Bei den Verantwortlichen in der Region überwiegt die Freude. Nur vereinzelt sind traurige Stimmen zu hören (Reaktionen siehe unten). "Ich finde es klasse! Der erste Schritt ist getan", freut sich Timo Meißner von der Firma Meißner Gleisrückbau, die die Strecke kürzlich von der Deutschen Bahn gekauft hat. Dennoch bittet Meißner um Geduld: "Jetzt müssen wir noch warten, bis das Verfahren offiziell eingestellt worden ist. Auch die artenschutzrechtliche Prüfung ist noch nicht abgeschlossen", macht er klar.

Im Jahr 2005 wurde die Strecke zwischen Jossa und Wildflecken stillgelegt. Der Personenverkehr wurde bereits 1988 eingestellt, der Güterverkehr folgte im Jahr 2002. Viele Jahre war unklar, wie es weitergehen würde: 2010 startet die Regierung von Unterfranken schließlich ein Anhörungsverfahren. Hintergrund war, dass die Netz AG der Deutschen Bahn (DB) beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) einen Antrag auf Rückbau der Schienen gestellt hatte. Doch im März 2012 stellte die Regierung das Verfahren ruhend, da es Pläne zur Reaktivierung gab.

2014 scheiterten die Verhandlungen zwischen dem Förderverein Hessisch-Bayerische Sinntal-Kreuzbergbahn und der DB. Die Regierung von Unterfranken sprach sich daraufhin für einen Rückbau der Schienen aus. In diesem Sommer stellte das EBA die Freistellungsbescheide aus. Dagegen hatte nur noch die Staudenbahn geklagt.


Reaktionen aus der Region:

Thomas Bold, Landrat: "Wir freuen uns, dass der Antrag zurückgezogen wurde und die Entwidmung der Sinntalbahnstrecke somit rechtskräftig wurde", reagiert Landrat Thomas Bold (CSU) auf die Nachricht. "Wenn damit dem Wunsch der betroffenen Gemeinden, des Landkreises und der Region Rechnung getragen wird und der Weg für die Umnutzung frei ist, ist das natürlich positiv." Schon im Februar 2007 hatte der Landrat den Startschuss für einen Geh- und Radweg auf der Bahntrasse gegeben. Seitdem verging aber viel Zeit. Das
lag vor allem am langwierigen Entwidmungsverfahren, das durch verschiedene Reaktivierungsbemühungen immer wieder verzögert wurde.

Hermann Bulheller, Vorsitzender Förderverein: Als "Rückschritt für die Infrastruktur der Region" bezeichnet Hermann Bulheller die Entwidmung. Lange hat der Vorsitzende des Fördervereins "Hessisch-Bayerische Sinntal-Kreuzbergbahn" für die Reaktivierung gekämpft. Sowohl das Konzept der Rhein-Sieg-Eisenbahn als auch der Staudenbahn nennt er "fundiert". Bulheller dankt allen Unterstützern, besonders aber denen, die sich öffentlich für die Bahn einsetzten. In der Bevölkerung gebe es "durchaus mehr Befürworter als gemeinhin angenommen" werde. "Die Mehrheit der Verantwortlichen auf Landesebene bis zu den Kommunen war nicht gewillt, die Reaktivierung zu unterstützen."

Brigitte Meyerdierks, Vorsitzende Rhönallianz: "Das freut mich natürlich, dass es doch jetzt so schnell geht", zeigt sich Brigitte Meyerdierks (CSU) begeistert über die aktuelle Entwicklung. Erst vor einer Woche hatte die Vorsitzende der Brückenauer Rhönallianz zusammen mit den anderen Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden einen Vertrag mit der Firma Meißner Gleisrückbau unterschrieben - immer unter dem "Damoklesschwert", dass sich der Radweg durch die ungeklärte Situation weiter verzögern könnte. Als Bürgermeisterin von Bad Brückenau ist ihr aber ebenfalls wichtig, wie es mit dem Bahnhofsgelände weitergeht. Nach der Entwidmung der Strecke komme man nun auch da voran.

Andrea Schallenkammer, Kurdirektorin Staatsbad: "Aus touristischer Sicht genial", freut sich Andrea Schallenkammer über die Entscheidung. Mit einer Steigerung der Gästezahlen um zehn Prozent rechnet die Kurdirektorin der Staatlichen Kurverwaltung des Staatsbades Bad Brückenau. "Eine Anbindung an den Main-Radweg wäre perfekt", sagt sie. So könnten die Radler bis hinauf in die Rhön fahren - "in Zeiten des E-Bikes ist auch der Berg kein Problem". Eine kurze, schnelle Busanbindung nach Fulda sei als Verkehrsanbindung am Besten für die Gäste geeignet, der Bus müsse nur verlässlich in der Fahrplanauskunft der Bahn auftauchen. Eine Bahnverbindung über Jossa sei weder wirtschaftlich noch praktikabel.

Benjamin Wildenauer, Stadtrat und Bahnbefürworter: "Es ist absolut paradox, dass die an der Bahnlinie liegenden Gemeinden der Rhönallianz eine knappe Million Euro investieren, um die Region endgültig vom schienengebundenen Nah- und Fernverkehr abzuschneiden", kritisiert Benjamin Wildenauer von der Piratenpartei. Er werde "das Gefühl nicht los, dass insbesondere nach den schlechten Erfahrungen mit der Deutschen Regionaleisenbahn keine Reaktivierungsbemühung mehr je eine echte Chance bei den Gemeinden hatte". Nun gelte es, das Beste aus der Situation zu machen. Wildenauer sagt, der Radweg müsse erfolgreich vermarktet werden. Außerdem solle die Busanbindung deutlich verbessert werden.


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