Wildflecken

Lebensretter Gregor Cimala ausgezeichnet

Es war eigentlich nur eine ganz normale Auszeichnung durch die Marktgemeinde Wildflecken, die Gregor Cimala an diesem Wochenende erhalten hat. Doch hinter der alltäglichen Ehrung steckt eine aufwühlende Geschichte mit tragischen Ereignissen, einem glücklichen Ende und einem vollkommen bescheidenen Helden.
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Lebensretter Gregor Cimala (links) wird von Wildfleckens Bürgermeister Alfred Schrenk geehrt. Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Lebensretter Gregor Cimala (links) wird von Wildfleckens Bürgermeister Alfred Schrenk geehrt. Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Die Geschichte liegt schon ein paar Jahre zurück, sie ereignete sich im Jahr 2007. "Trotzdem ist sie für mich so präsent, als wäre sie gestern geschehen", sagt der Oberbacher Axel Lagemann. Seinen damals zehnjährigen Sohn Noah hätte ein tragischer Unfall beim Spielen beinahe das Leben gekostet. Wäre da nicht der Vater des damals achtjährigen Spielkameraden Dominik gewesen, Gregor Cimala aus Oberbach.

Der eher zierliche Mann rettete den schwer verletzten Noah, indem er massive, schwere Eichenbalken ganz alleine anhob, sodass der eingeklemmte Noah mit letzter Kraft herauskrabbeln konnte. Für diese gefährliche Lebensrettung wurde Cimala jetzt vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer mit der Rettungsmedaille ausgezeichnet.

"Selbst heute kann ich nicht immer begreifen, dass mein Sohn zunächst dank eines einzelnen Menschen und dessen Sohn noch am Leben ist", sagt Lagemann, der mittlerweile in einem österreichischen Zweigwerk der Kunert Gruppe arbeitet, die ihren Hauptsitz in Oberwildflecken hat. Den fast tödlichen Unfall hat Noah ohne bleibende Schäden und Beeinträchtigungen überlebt.

An diesem 27. Oktober vor sechs Jahren ist Noah mit seinem Spielkameraden Dominik im Ort unterwegs, wie an vielen anderen Tagen zuvor und danach auch. Doch als die Großmutter von Noah unter Tränen bei den Eltern anruft und von einem schweren Unfall berichtet, da ist plötzlich gar nichts mehr wie zuvor.

"Ich wusste, es musste etwas Schreckliches passiert sein, denn meine Mutter ist keine zimperliche Frau, eine kleine Wunde oder Verletzung würde sie schon selbst versorgen", blickt Lagemann zurück. Sofort nach dem Anruf rennt Vater Axel zum Auto. Er rast Hals über Kopf zur Unfallstelle, völlig schockiert, voller Ungewissheit.
Nach kurzer, schneller Fahrt findet er seinem Sohn "auf ein paar Spanplatten liegend, in den Händen unseres Hausarztes". Dieser leistet die Erstversorgung, legt einen Venenzugang und verabreicht schmerzlindernde Mittel. Natürlich alarmiert er auch umgehend den Rettungsdienst. "Als ich bei meinem Sohn ankam, begann er zu weinen, bis zu diesem Zeitpunkt verkniff er es sich anscheinend." Der Vater streichelt Hand, Stirn und Haare seines Sohnes und spricht ihm Mut zu. Hilflos muss Axel Lagemann mit ansehen, wie der Sohn immer blasser wird. Noah flüstert kreidebleich mit leiser Stimme: "Hilf mir Papa, hilf mir".

Ein paar Minuten später trifft der Rettungsdienst ein. "Und in diesem Moment, so glaube ich, schaltete mein Körper, aber auch der meiner Frau, die ebenfalls mittlerweile eingetroffen war, in eine Art Notprogramm um, in dem man nur funktioniert, aber keinesfalls mehr klar denken kann. Alles funktioniert nur noch mechanisch." Der Rettungshubschrauber wird im hessischen Fulda alarmiert. Um Noah für diesen Transport zu stabilisieren, wird er in den Rettungswagen gebracht, dort bereits in einen künstlichen Tiefschlaf verlegt.

Der Rettungshubschrauber kommt, Noah wird ins Klinikum nach Fulda gebracht, wo bereits alles für eine Notoperation vorbereitet ist und ein ganzer Stab von Spezialisten auf sein Eintreffen wartet, um ihn möglichst schnell zu operieren. "Wie wir später erfuhren, müssen es wohl zwölf Ärzte gewesen sein." Ein Oberarzt der dortigen Kinderklinik teilt den Eltern mit, dass es nicht gut um den Sohn steht. Noah habe einen Leberabriss erlitten. "In der gleichen Menge, wie man das Spenderblut oben nachfüllt, so läuft es unten wieder davon", habe ihm der Arzt gesagt, erinnert sich Lagemann. Die Ärzte konnten die Blutung nicht stillen. "Meine Frau und ich waren am Boden zerstört und doch war alles mechanisch, ein Film lief vor unseren Augen ab, wir waren Darsteller und doch Zuschauer, alles schien völlig unreal und doch war es real."

Nach einer schweren Operation und mehreren Tagen auf der Intensivstation, geht es aber bergauf. Außer einer Narbe vom Brustbein bis unter den Bauchnabel zeugt heute nichts mehr von Noahs schweren Unfall. Die Ärzte sprechen von einem kleinen Wunder. Noah war mit einem Puls von 18 und einer Körpertemperatur von 24 Grad in der Klinik eingeliefert worden.

Später erfahren die Eltern, dass der Rettungsdienst und auch das Hubschrauberpersonal fest davon ausgegangen waren, dass Noah sterben würde. Ein leerer Rettungswagen war extra nach Fulda geschickt worden, vorsorglich, um sich im Fall der Fälle um die Eltern zu kümmern. Es stand nicht gut um den jungen Noah.

Dass Gregor Cimala dem Bub das Leben gerettet hatte, wurde den Eltern erst nach und nach bewusst. Noah und Dominik, der Sohn von Cimala, hatten beim Spielen verhängnisvollerweise einen instabilen Holzstapel erklommen. "Kurz bevor mein Sohn die Spitze des Stapels erreicht hatte, kam der Stapel ins Wanken und stürzte schließlich um." Dominik wurde durch die herabfallenden Balken weggeschleudert, Noah allerdings wurde unter einer Masse Holz begraben und eingeklemmt. Dominik rannte nach Hause und holte Vater Gregor, der im Bett lag, um sich auf die anstehende Nachtschicht vorzubereiten. Cimala eilte zur Unfallstelle und stemmte die Balken mit fast unmenschlicher Kraft irgendwie beiseite, so dass Noah sich befreien konnte. Die Eichenbalken waren derart schwer, dass Cimala diese mit den Hände überhaupt nicht anheben konnte. "Er baute praktisch mit seinem Körper eine Brücke, unter der Noah hervorkriechen konnte", erklärt der Vater des geretteten Noah.

Später, als es ans Aufräumen geht, versuchen vier Männer, die Balken beiseite zu heben. Sie schaffen es nicht und müssen einen Gabelstapler zu Hilfe holen.
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