Römershag
Geschichte

Krugbäcker sind fast vergessen

Fast 150 Jahre lang wurden in Römershag Tonkrüge für den Transport von Wasser gebacken. Ende des 19. Jahrhunderts war damit Schluss.
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Die 86-jährige Helma Betz verkauft auch heute noch an die Kinder aus dem Schulzentrum.  Fotos: Julia Raab
Die 86-jährige Helma Betz verkauft auch heute noch an die Kinder aus dem Schulzentrum. Fotos: Julia Raab
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Solange sie denken kann, sitzt sie hinter der niedrigen Theke im Laden und verkauft. Meistens an die Schüler des Schulzentrums um die Ecke. Da heißt es oft: "Ein Käsebrötchen, bitte." Helma Betz (geb. Gerhard) steht langsam auf und holt ein Brötchen aus der Backwarenecke, die seit 30 Jahren mit Brot und Brötchen der Bäckerei Vogler gefüllt wird. Es kommen auch viele Kunden aus dem Ort und kaufen bei ihr ein.


Großvater war Krugbäcker

Früher lief der Gemischtwarenladen neben der Landwirtschaft ihrer Eltern. "Wir hatten elf Hektar, das war für die damalige Zeit viel", berichtet die 86-jährige Frau, die den Laden von ihrem Vater Reimund übernommen hat. Davor führte bereits ihr Großvater den Gemischtwarenladen in Römershag nebenher. Der Großvater war es, der in der Krugbäckerei Gerhard arbeitete, nur ein Haus weiter in der ehemaligen Hausnummer 8. Nichts deutet hier mehr auf das einst florierende Unternehmen hin. Anfang der 1970er-Jahren wurde das Haus, in dem die Krugbäckerei bis zum Ende des 19. Jahrhunderts betrieben wurde, für den Bau der Durchfahrtsstraße abgerissen.


Zwei Öfen gefunden

Dabei fand man im Garten zwei Öfen der Krugbäckerei. Doch leider gibt es wenig Zeugnisse aus der alten Zeit. Denn der Wirtschaftszweig der Krugbäckerei verlor mit dem Aufkommen der Glasproduktion fast gänzlich seine ursprüngliche Bestimmung.
Dieter Seban, Ortssprecher von Römershag, möchte nun die Erinnerung an die alte Krugbäckerei ans Tageslicht holen. "Schade, dass es so in Vergessenheit geraten ist", meint er. Im Rahmen des Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzeptes (ILEK) entstand die Idee zu einem Dorfplatz gegenüber der alten Schmiede, beim "Maulaffeneck", wie er im Volksmund genannt wird. Eventuell, überlegt Seban, könne auch eine Kulturförderung beim Bezirk beantragt werden. "Es sind einige Ideen zur Gestaltung des Platzes da", sagt Seban, möglich wären beispielsweise größere Nachbauten der Tonkrüge und Flaschen mit einer Tafel, die die Geschichte der Krugbäckerei in Römershag beschreibt.


Für den Wassertransport

Fast 150 Jahre lang, von 1749 bis 1891, wurden in der Fabrik nämlich Krüge zum Transport von Wasser aus Bad Brückenau und Tongeschirr gebacken. Die Tradition der Krugbäckerei entstand in Römershag im Rahmen des nahe gelegenen Badebetriebs Bad Brückenau. Der Fürstabt ließ Krugbäcker aus anderen Regionen herkommen, darunter auch Egid Gerhard, dessen Sohn sich eine Generation später gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überlebte. Der Betrieb muss eine beachtliche Größe gehabt haben, denn bei einer Aufzählung der Einrichtungsgegenstände aus dem Jahre 1751 wurden neben weiteren Gegenständen auch vier Brennöfen und sieben Töpferscheiben angeführt. "Doch nicht alles wurde im abgerissenen Haus gemacht, denn ein paar Häuser weiter im Alexanderweg wurden ebenfalls Öfen gefunden, die zur Krugbäckerei Gerhard gehörten", erklärt Norbert Schmäling, ein Nachfahre der Familie Gerhard, dessen Großmutter Maria Gerhard aus der Krugbäckerfamilie kommt. Er selbst besitzt noch etwa 100 Tonflaschen des letzten Auftrags aus dem Jahre 1891.


Ein Großauftrag

Damals gab es einen Großauftrag von 5000 Flaschen, der allerdings aufgrund eines viel billigeren Glasflaschenkonkurrenten storniert wurde. Damit war das Ende beschlossen. "Zwei Drittel des Auftrags wurden fertiggestellt und befanden bis zum Abriss des Hauses in einem Sandsteintrog im Keller", freut sich Schmäling über den damaligen Fund.
Mit ihren 86 Jahren steht Helma Betz tapfer hinter der Theke. Ihr Mann Harry Betz hat ebenfalls die kunstvollen Tonkrüge aus der Vergangenheit gesammelt. Auf die Frage, wie lange sie noch weitermachen möchte, winkt sie ab. Darüber möchte sie nicht reden. Man könnte meinen, sie kämpft gegen das Vergessen an.

1749 wurden der Krugbäcker Egid Gerhard aus der Nähe von Koblenz und weitere acht Krugbäcker herberufen. Lediglich drei der zugezogenen Krugbäcker(-Familien) verblieben in Römershag. Sie durften sich einiger Privilegien erfreuen, denn sie bekamen für ihre Arbeit vom Fürstabt Tongruben bei Abtsroda zugewiesen. Auch Wohnung, Werkstatt und Einrichtung wurden ihnen gestellt. Sie erhielten zusätzlich das Monopol der Wasserlieferung aus Bad Brückenau.

Generationswechsel Im 19. Jahrhundert setzte sich Daniel Gerhard, Sohn von Egid Gerhard, nach 50 schwierigen Jahren gegen seine Konkurrenten durch, so dass Familie Gerhard von 1804 an alleine den Wirtschaftsbetrieb führte. Neben der Krugproduktion stellte die Familie auch Tongeschirr her, das sehr profitabel war und zu Reichtum führte.

Höhepunkt Zur Hochzeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden an die 100 000 Krüge gefertigt. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es aufgrund der zunehmenden Glasproduktion bergab mit der Tongeschirrherstellung, und so musste die Krugbäckerei Gerhard aus Römershag 1891 den Betrieb endgültig einstellen. brj

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