Bad Brückenau
Kommentar

Kommentar: Vergessen passiert im Alltag

Bei manchen ist das Verlegen von Stolpersteinen mit Unbehagen verbunden. Das ist verständlich. Dennoch gehören sie in die Stadt, kommentiert Ulrike Müller.
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Der Kölner Künstler Gunter Demnig bei einer Stolperstein-Verlegung in Bad Kissingen. Foto: Archiv/Werner Vogel
Der Kölner Künstler Gunter Demnig bei einer Stolperstein-Verlegung in Bad Kissingen. Foto: Archiv/Werner Vogel
Neun Jahre, nachdem sich der Bad Brückenauer Stadtrat gegen Stolpersteine ausgesprochen hat,steht das Thema wieder auf der Tagesordnung. Der Ausgang der zu erwartenden Diskussion ist völlig offen. Allein aus Political Correctness heraus aber darf diese Entscheidung nicht gefällt werden, denn sie stellt jene ins Abseits, die eigentlich etwas anderes denken.

Stolpersteine geben Details aus der Geschichte preis, die sonst niemand wüsste. Auch wenn sich Rückschlüsse auf die heutigen Eigentümer verbieten, ein Beigeschmack bleibt. Dass etliche Bürger zweimal für ehemals jüdisches Eigentum bezahlten - einmal an die Nazis und ein zweites Mal nach dem Krieg an die Jewish Claims Conference, die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus vertrat -, ist heute weitgehend unbekannt.

Das Unbehagen derjenigen, die die Opfer selbst kannten, ist ebenfalls legitim. Für sie stehen hinter den Namen Gesichter von Nachbarn, Schulfreunden oder den Schwestern Spier aus dem Kurzwarengeschäft. Die Bilder, wie der wütende Mob Bänder und Stoffe aus den Regalen herausriss und hinaus auf die Straße schmiss, sie haben sich im Gedächtnis mancher Einheimischer eingebrannt. Nun mit dem Fuß auf Namen zu treten, mit denen ebendiese Gesichter verbunden sind - es ist verständlich, dass die alten Brückenauer das nicht wollen.

Doch genau das ist der Grund, warum Stolpersteine in die Stadt gehören. Denn für die nachfolgenden Generationen bleiben von den Schicksalen nur Jahreszahlen und Buchstaben übrig. Sie sehen keine Gesichter vor sich, haben keine Vorstellung davon, was 1938 in Deutschland geschah, und vielen wird es herzlich egal sein.

Natürlich gibt es Orte des Gedenkens, auch in Bad Brückenau. Zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht wurde am Alten Rathaus eine Tafel angebracht. Die Schüler, die sich nun für die Stolpersteine einsetzen, wussten das nicht. Ihr Eindruck war, dass sehr wenig über das Leben der Juden in der Stadt bekannt sei - obwohl alles detailliert aufgeschrieben ist. Das macht deutlich: Vergessen hat nichts mit dem Bestand von Archiven und Fachbüchern zu tun. Vergessen passiert im Alltag - und genau da setzen die Stolpersteine an.

Wenn ein vielleicht exzentrischer Künstler damit vielleicht ein kleines Vermögen macht, ist das zweitrangig. Eine gute Idee wird nicht dadurch schlecht, dass sie Erfolg hat.

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