Bad Brückenau
Interview

Josef Schuster hat Zweit-Wohnsitz in Bad Brückenau

Josef Schuster wurde gestern zum neuen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. Wir haben den Nachfahren einer bedeutenden Bad Brückenauer Familie zu seinen Zielen und seinen Wurzeln in der Rhön befragt.
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Josef Schuster ist bis heute regelmäßig zu Gast in Bad Brückenau, hier zusammen mit Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks. Foto: Archiv
Josef Schuster ist bis heute regelmäßig zu Gast in Bad Brückenau, hier zusammen mit Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks. Foto: Archiv
Sie sind in Israel geboren, beschreiben sich selbst aber als echten Franken. Wie geht das zusammen?
Josef Schuster: Das geht sehr gut zusammen, da ich ja schon als Zweijähriger nach Deutschland kam und hier in Franken aufgewachsen bin. Außerdem hat die Familie meines Vaters seit Jahrhunderten in Franken gelebt, so dass also fränkisches Blut durch meine Adern fließt. Und die eine oder andere Eigenschaft, die uns Franken nachgesagt wird, kann ich bei mir auch entdecken.

Wie nehmen Sie die Stimmung in Ihrer Heimat Deutschland gegenüber Juden wahr - gerade nach dem jüngsten Krieg in Gaza?
Während des Gaza-Konflikts im Sommer kam es in Deutschland an vielen Orten zu israelfeindlichen Demonstrationen, bei denen schlimmste antisemitische Parolen skandiert wurden. Es gab übrigens auch Anschläge auf Synagogen, etwa im Ruhrgebiet. Das hat uns sehr getroffen und beunruhigt uns nachhaltig. Dennoch möchte ich betonen: Die große Mehrheit der Deutschen, übrigens auch der Muslime, ist uns Juden gegenüber freundlich gesonnen. Viele sagen mir, dass sie glücklich sind über das jüdische Leben, das sich wieder in Deutschland entwickelt hat. Die jüdische Gemeinschaft lebt sehr gut und sicher in Deutschland.

Was wollen Sie den Ressentiments als neuer Präsident des Zentralrats der Juden entgegensetzen?
Den antisemitischen Ressentiments etwas entgegenzusetzen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass immer nur die aktiv werden, die selbst betroffen sind. Jeder sollte sich aufgerufen fühlen, etwas dagegen zu tun. Im Zentralrat sind wir natürlich auch bei dem Thema aktiv. So machen wir etwa Seminare für unsere Gemeindemitglieder, um ihnen Hilfe gegen antisemitische Anwürfe zu geben. Wir arbeiten an Lehrmaterial für Lehrer und für Schulen mit. Und wir bringen uns selbstverständlich politisch auch direkt ein, wenn es geboten ist.

Was sind weitere Ziele, die Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen haben?
Ich möchte, dass der Zentralrat weiterhin erster Ansprechpartner der 108 jüdischen Gemeinden in Deutschland ist. Unsere Gemeinden sind autonom in ihren Entscheidungen, aber wir wollen uns als Dachverband für die Bedürfnisse der Gemeinden einsetzen, denn sie sind unser Fundament. Daneben möchte ich gerne die Vielfalt des heutigen jüdischen Lebens auch nach außen vermitteln.

Anfang November sind - erstmals seit dem Holocaust - zwei Rabbiner in der Würzburger Synagoge geweiht worden. Was hat Ihnen das bedeutet?
Das war ein ganz besonderes Ereignis für die Jüdische Gemeinde in Würzburg. Dass wir in Deutschland wieder Rabbiner ordinieren, hätte nach dem Zweiten Weltkrieg wohl niemand zu hoffen gewagt. Diese Rabbiner erhalten, auch mit Unterstützung des Zentralrats der Juden, am Rabbinerseminar zu Berlin eine solide rabbinische Ausbildung und absolvieren zugleich ein Studium in Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt. Dadurch sowie durch ihren Migrationshintergrund sind sie optimal auf die Arbeit in den Gemeinden vorbereitet.

Sie sind der Nachfahre einer Familie, die das jüdische Leben in Bad Brückenau maßgeblich mit geprägt hat. Ihr Großvater saß sogar im Stadtrat. Haben Sie heute noch eine Verbindung in die Rhön?
Unser ursprünglich großväterlicher, dann väterlicher Grundbesitz in Bad Brückenau, der von den Nazis enteignet worden war und den wir nach dem Krieg zurückbekommen haben, ist bis heute im Familienbesitz. Daher bin ich regelmäßig in Bad Brückenau und habe einen Zweitwohnsitz dort. Meine Verbindung zur Rhön ist also sehr eng.

Großvater Josef Schusters Großvater Julius Schuster führte in Bad Brückenau ein koscheres Hotel für jüdische Kurgäste, das Zentralhotel in der Unterhainstraße. Zudem hatte die Familie ein Textil- und Schuhgeschäft. In den 1920er Jahren saß Julius Schuster sogar im Stadtrat.

Vater Im Dezember 1938 reiste die Familie Schuster mit seiner Fa milie nach Palästina aus, kehrte aber 1956 nach Deutschland zurück. Josef Schusters Vater David Schuster baute die jüdische Kultusgemeinde in Würzburg maßgeblich mit auf.

Sohn Josef Schuster führt in Würzburg eine internistische Praxis, steht der Israelitischen Kultusgemeinde in Unterfranken vor und ist Präsident des Lan desverbandes der Jüdischen Gemeinden in Bayern.

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