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Bad Brückenau
Frühlingskonzert

Ein Orchester auf Konfrontation

Mit einer überraschenden Interpretation des Streichquartetts Nr. 1 "Kreuzersonate" forderte das Bayerische Kammerorchester das Publikum heraus.
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Geigerin Lena Neudauer und der Bratscher Nils Mönkemeyer verstehen sich bestens - auch wenn sie im Sinne des Programms keine Liebenden sind.  Foto: Thomas Ahnert
Geigerin Lena Neudauer und der Bratscher Nils Mönkemeyer verstehen sich bestens - auch wenn sie im Sinne des Programms keine Liebenden sind. Foto: Thomas Ahnert
Der Titel hätte manches Jahr sicher besser zum Frühlingskonzert des Bayerischen Kammerorchesters gepasst. Denn angesichts der Temperaturen hätte niemand ausgerechnet an "Liebe" gedacht. Aber im König-Ludwig-I.-Saal war es trocken und warm, und Chefdirigent Johannes Moesus hatte bei der Stückauswahl darauf geachtet, dass sich Liebe ja nicht immer in eitel Sonnenschein äußern oder abspielen muss.

Bei der Einleitung durfte man das allerdings noch glauben: Bei der Ouvertüre zu Joseph Haydns Oper "La vera costanza" ("Die wahrhafte Beständigkeit"). Das war ein bisschen dramatischer Pomp, ein bisschen Rokoko-Verbeugungsmusik und viel pulsierender Vortrieb - ein netter Einstieg in das Konzert.

Die meisten Besucher dürften wegen Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonia concertante gekommen sein. Aber die große Überraschung war ein ganz anderes Werk: Das Streichquartett Nr. 1 "Kreutzersonate" in einer Fassung für Streichorchester von Leos Janácek.

Diese Bearbeitungen sind nicht immer die Krone der Schöpfung. Wenn, wie in diesem Falle, der Komponist eine Streichersinfonie hätte haben wollen, dann hätte er sicherlich eine geschrieben. Denn das ist eigentlich etwas ganz anderes.

In einem Streichquartett geht es um die Auseinandersetzung von vier erkennbaren und hörbaren Individuen, da werden Konflikte im engsten Kreis ausgetragen. Wird das Ganze auf ein Streichorchester ausgeweitet, verflüchtigt sich die Individualität, die Direktheit und Farbigkeit des Klangs verflachen, weil oft nur noch der Schönklang in den Vordergrund gerückt wird. Davor ist kein Orchester gefeit, und das wird halt auch schnell langweilig.
Deshalb konnte man gerade bei Janáceks Streichqurtett-Bearbeitung Bedenken haben, weil es in Tolstois Novelle "Kreutzersonate", die wiederum auf Beethovens Komposition basiert, um einen ganz persönlichen, höchst individuellen Konflikt geht: Ein Geiger kommt als Gast zu einem Ehepaar. Mit der Frau, einer Pianistin, spielt er Beethovens Sonate - und andere Musik. Der Mann wird misstrauisch, weil er mehr als nur eine musikalische Beziehung vermutet. Als er von einer Reise zurückkehrt, ersticht er seine Frau ohne einen geringsten Beleg für seine Eifersucht. Kein Stoff für Schmusesound.


Spannend und fordernd

Umso überraschender war die Interpretation der Brückenauer. Sie schafften es ganz erstaunlich, aus diesem Streichquartett etwas Neues, etwas Eigenes zu machen, das sich von seiner Vorlage emanzipierte. Denn wenn sie etwas nicht suchten, war es der Wohlklang. Sie musizierten klanglich und agogisch voll und ganz auf Konfrontationskurs, ohne die intimen Momente zu überdecken, und sie nahmen die Tatsache ernst, dass bei jeder Bezeichnung der vier Sätze "con moto" steht.

Die harmonischen und rhythmischen Konflikte wurden geradezu schmerzhaft evident - eine Glättung, die das Spielen sicher einfacher gemacht hätte, ließ Johannes Moesus nicht zu. Es war nicht angenehm, aber höchst spannend und fordernd, sich von dieser engagierten Musik einfangen zu lassen, sich in sie hineinzubegeben, sich auf sie einzulassen. Aber sie hatte ihr Ziel erreicht.

Dazu kam, dass Johannes Moesus in einer höchst informativen Anmoderation zusammen mit seinem Orchester musikalische Beispiele und Themen vorstellte und erläuterte, wie da die literarische Vorlage nicht inhaltlich, aber stimmungsmäßig hineinspielen könnte. Das sensibilisierte natürlich die Empfänglichkeit für das Zuhören, erhöhte dadurch aber auch die Wirkung der Musik.

Vielleicht hatte er deshalb ein schlechtes Gewissen: "Wir möchten sie nicht mit diesen Spannungen in die Pause entlassen", meinte er. Deshalb gab es, gleichsam als fünften Satz, Antonin Dvoráks Notturno H-dur op. 40 - übrigens auch eine Streichquartettbearbeitung, allerdings vom Komponisten selbst. Zugegeben: Die Musik tat ihre sedierende Wirkung und sie war wunderbar duftig musiziert - wie Streichorchester halt gerne spielen. Aber eigentlich war es schade. Denn dadurch verflüchtigte sich die Spannung, die sich gerade vorher so ungewöhnlich aufgebaut hatte.

Ja und dann Mozarts "Concertante"! Mit der Geigerin Lena Neudauer und dem Bratscher Nils Mönkemeyer war der Genuss vorprogrammiert. Das sind zwei Musiker, die sich bestens verstehen - auch wenn sie im Sinne des Programms keine Liebenden sind.

Nach dem dramatisch-opernhaften Einstieg des Orchesters einigten sich die beiden auf zwei Konzepte von schöner Tragfähigkeit: In den gemeinsam gespielten Unisono-Passagen spielten sie mit gleichem Atem und mit einer Genauigkeit, die sich nicht nur auf Intonation und Tonlängen erstreckte, sondern auch auf die Klangbildung. Das ergab immer wieder, vor allem in den Kadenzen, wunderbare, kristallklare Klangerlebnisse, die man angesichts der doch recht quirligen virtuosen Musik nicht erwartet hätte.


Kooperation statt Provokation

In den Imitationspassagen hatten sie die Rollen verteilt: Lena Neudauer spielte mit dem verhältnismäßig nüchternen Klang ihrer Violine die Themen und ihre Verzierungen, stellte sie vor. Und Nils Mönkemeyer zitierte nicht einfach, spielte nicht nur Echo, sondern gestaltete diese Verzierungen in freier Agogik, gab ihnen Gewicht. Sie fassten das Concertante der Sinfonia nicht als Wettstreit, als ein gegenseitiges Beharken und Provozieren auf, wie das etwa Frank Peter Zimmermann und Antoine Tamestit gerne tun, sondern als eine sich entwickelnde Kooperation.

Das Orchester setzte mit seinem federnden, leichthändigen Spiel einen Rahmen, fing die beiden Solisten auch immer wieder einmal ein und machte sie so zu kleinen Farbtupfern.

Ein vergnügliches, unangestrengtes, charmantes Musizieren, das natürlich eine Zugabe generierte: Den hochpoetischen langsamen Satz aus Johann Baptist Vanhals bekanntester, der g-moll-Sinfonie mit Lena Neudauer und Nils Mönkemeyer als herausgehobenen Solisten.

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