Wildflecken
  Tradition

Die letzten Tage der Kreuzberg-Hütten

Die Tage der drei Kioske an der Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberg sind gezählt. Nach vielen Jahrzehnten fühlen sich die Betreiber nun vertrieben.
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Silvya und Berthold Mathes sowie Pia Müller sagen allen Wallfahrern und Kreuzberg-Besuchern Lebewohl. Sie müssen die Kioske, die ihre Vorfahren hinter dem Kloster auf dem Kreuzberg aufgebaut haben, bis Ende November abreißen.  Fotos: Diana Fuchs
Silvya und Berthold Mathes sowie Pia Müller sagen allen Wallfahrern und Kreuzberg-Besuchern Lebewohl. Sie müssen die Kioske, die ihre Vorfahren hinter dem Kloster auf dem Kreuzberg aufgebaut haben, bis Ende November abreißen. Fotos: Diana Fuchs
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S ilvya Mathes ist ein waschechtes Kreuzberg-Kind. Im Schatten des Klosters ist sie aufgewachsen, in dem Haus, das ihr Opa gebaut hat. Noch heute wohnt sie mit ihrem Mann Berthold dort. Gemeinsam betreiben die beiden einen Steinwurf von der Wallfahrtskirche entfernt zwei Kioske - einen mit Süßigkeiten, der den schönen Namen "Zückerlich" trägt, und einen, an dem die Besucher Weihwasserkesselchen, Rosenkränze, Heiligenmünzen und - bildchen, Kreuze und Schutzengel, aber auch Spielsachen, Stamperl, Holz-Bierdeckel, Krüge, Postkarten und Spazierstock-Plaketten kaufen können.

Diese Holzhütte unterhalb des Berggasthofs "Elisäus" hat ebenfalls Silvyas Großvater gezimmert, im Jahr 1937. Mit über 90 Jahren ist der als "Rhönfotograf" und "Kreuzberger-Sepp" bekannt gewordene Adolf Benkert Anfang des Jahrtausends gestorben. Und nun sind offenbar auch die Tage seiner Verkaufshütte gezählt.

Die Geschäftsführung des Klosters möchte den Platz hinter der Kirche umgestalten. Die Buden sollen weichen. "Juristisch gesehen ist die Geschäftsführerin Frau Somaroga im Recht", sagt Silvya Mathes. Der Grund und Boden, auf dem die Kioske stehen, gehört seit 1978 dem Kloster. Zuvor war die Gemeinde Unterweißenbrunn Besitzer. Beim Verkauf ans Kloster wurde zwar im Gemeindeprotokoll festgehalten, dass Familie Benkert und ihre Nachfahren das Grundstück nutzen dürfen, aber in der Verkaufsurkunde fehlt diese Festlegung. "Früher hat ein Handschlag noch etwas gegolten", sagt Berthold Mathes dazu. "Heute gilt höchstens noch das geschriebene Wort."


Ein "Pachtvertrag" fürs Eigentum?

Geschriebene Worte gibt es in diesem Fall mittlerweile mehr als genug. Zunächst erhielt Familie Mathes im Frühling 2016 einen "Pachtvertrag" mit der Aufforderung, Miete für die Hütte zu zahlen. Wenn Berthold Mathes von dem Schreiben der Kreuzberg-Geschäftsführerin berichtet, wird das Gesicht des früheren Försters grau vor Gram. "Eine Bodenmiete wäre okay gewesen. Aber 600 Euro für die eigenen Hüttchen...?" Seine Frau Silvya, die früher in einer Bank gearbeitet hat, schüttelt vehement den Kopf. "Was denken die, was wir hier verdienen?", fragt sie und gibt gleich selbst die Antwort: "Nur ein Taschengeld, das normalerweise gerade so für unseren Bedarf an Heizöl reicht. Wir machen das nicht um des Geldes willen, sondern weil wir die Familientradition immer sehr gemocht haben." Schon als kleines Kind war Silvya mit ihrer Mutter jedes Wochenende im Verkaufsstand. "Sie hat mich immer in die Kiste mit dem Einpack-Papier gesetzt - da hab' ich dann stundenlang gespielt."
Aus der kleinen Silvya ist eine ebenso herzliche wie resolute Rhönerin geworden. Sie hat einen Brief an den Franziskaner-Orden geschrieben, an den Pater Provinzial in München. "Aber was glauben Sie, was passiert ist? Nichts, gar nichts. Wir haben keine Antwort bekommen."

Genau das sei das Traurige an der ganzen Geschichte, findet die 68-Jährige. Sie und ihr Mann seien ohnehin in einem Alter, in dem man ans Aufhören denke, und es sei auch in Ordnung, wenn die Geschäftsführung des Klosters etwas ändern wolle. "Wir hätten uns gut vorstellen können, Ende nächsten Jahres Ausverkauf zu machen. Doch statt mit uns zu sprechen, kam dieser Brief."

Dieser Brief - damit meint Mathes ein Rechtsanwaltsschreiben, das die Räumung und den Abriss der Verkaufshütten anordnet - und mit Strafzahlungen droht, für den Fall, dass die Hütten im Dezember noch stehen sollten. Berthold Mathes kommentiert den Brief so: "Der schlechte Umgang mit uns, der ist brutal. Früher war das ganz anders." Seine Frau fügt an: "Wir müssen uns damit abfinden. Aber auch für Pia Müller ist das wirklich tragisch."
Pia Müller betreibt den dritten der drei Holzkioske, die abgerissen werden sollen. Die 53-Jährige verkauft auf dem Kreuzberg bereits in den fünften Generation Devotionalien, Spielsachen und Andenken. "Unsere gemeinsamen Vorfahren mussten ihr Dorf wohl verlassen, als der Truppenübungsplatz gebaut wurde, und haben sich dann auf dem Kreuzberg angesiedelt", vermutet Silvya Mathes. Dass die Kiosk-Tradition nun ihrem Ende entgegengeht, darüber will Pia Müller am liebsten gar nicht nachdenken. Was sie danach tun wird? Sie zuckt mit den Schulterblättern: "Ich weiß es nicht."

Silvya und Berthold Mathes werden "in Rente gehen". Sie werden die Gespräche mit den Kunden vermissen und den Einzug der Wallfahrer, von denen sich viele ein Andenken an den Kreuzberg bei ihnen geholt haben. "Manche werden wir sicher nie vergessen", sagt Silvya Mathes nicht ohne Wehmut. "Eine Nürnbergerin ist neulich extra nochmal vorbeigekommen, um Rosenkränze für ihre Kommunionkinder zu kaufen."

Ob es die künftig im neuen Klosterladen gibt, oberhalb der Kirche? Silvya Mathes zuckt mit den Schultern. "Mit uns hat darüber niemand gesprochen." Auch der "Fränkische Sonntag" erhielt auf seine Anfragen per Telefon und Mail keine Antwort.

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