Bad Brückenau
Kultur

Chaos mit vollem Körpereinsatz

Das Stück "Diener zweier Herren" gibt es in der ursprünglichen Interpretation Goldonis heutzutage eher selten zu sehen. Die Theatergruppe Kompassion wagte es unter der Leitung von Dirk Hönerlage auf der Bühne des Gymnasiums.
Artikel drucken Artikel einbetten
Theatralisch und mit vollem Körpereinsatz: Jörg Hilsdorf überzeugte mit seiner Rolle als Truffaldino, der zwei Herren dient. Fotos: Leonie Schneider
Theatralisch und mit vollem Körpereinsatz: Jörg Hilsdorf überzeugte mit seiner Rolle als Truffaldino, der zwei Herren dient. Fotos: Leonie Schneider
+3 Bilder
Die Inszenierung weltberühmter Klassiker wie Carlo Goldonis Komödie "Der Diener zweier Herren" in der heutigen Zeit stellt eine Herausforderung dar, der sich die Regisseure der deutschen Theater in den letzten Jahren auf sehr unterschiedliche Weise gestellt haben. Die Freiburger Schauspieler tragen Masken, während man in Dresden eher auf Slapstick setzt; in Tübingen verlegte man Goldonis Stück in die Mindestlohnlandschaft des gegenwärtigen Deutschlands.
In Bad Brückenau brachte die Theatergruppe Kompassion dagegen unter der Leitung von Dirk Hönerlage eine Fassung des "Dieners zweier Herren" auf die Studiobühne des Franz-Miltenberger-Gymnasiums, die sich stark an der ursprünglichen Interpretation Goldonis orientierte: Der Autor von 137 Komödien wünschte sich humoristisches, wirklichkeitsnahes Theater, in dessen Mittelpunkt menschliche Individuen aus allen gesellschaftlichen Schichten stehen.

Chaos ist vorprogrammiert

Ein liebevoll gestaltetes Bühnenbild entführte die Zuschauer nach Venedig, wo der mittellose, etwas trottelige Truffaldino, überzeugend und mit vollem Körpereinsatz dargestellt von Jörg Hilsdorf, zuerst eine Anstellung als Diener der als Mann verkleideten Beatrice (Carolin Gutmann) annimmt und später aus Geldnot auch noch unwissend deren verzweifelt gesuchten Geliebten (Markus Brust) zu seinem Herren macht.
Das Chaos ist vorprogrammiert: Truffaldino rennt vom einen Herren zum anderen, schleppt Koffer, bekommt Aufträge, vertauscht Aufträge, bringt sich in Schwierigkeiten, stiftet Verwirrung, erfindet die wildesten Ausreden, um die Existenz des jeweils anderen Herren um jeden Preis geheim zu halten, während die beiden Liebenden einander zu finden versuchen.
Zu allem Überfluss hat sich Beatrice ausgerechnet als ihr toter Bruder verkleidet, dessen vermeintliche Auferstehung noch mehr Entgeisterung auslöst. Diese verworrene Konstellation erzeugte eine mitreißende Situationskomik und ironische Verdrehungen, die beim Publikum für viele Lacher sorgten.
Truffaldino treibt es schließlich so weit, dass Beatrice und Florindo einander für tot halten, doch selbst diesen dramatischen Moment wendeten die Schauspieler durch eine überspitze Darstellung ihrer Verzweiflung ins Unterhaltsame.

Filmreifes Duell mit dem Degen

Nicht nur der Diener brachte Action in die Inszenierung; beinahe gab es "Blut, Mord und Tod" als sich Silvio (Stefan Klug) und die verkleidete Beatrice ein erbittertes, filmreifes Duell mit ihren Degen lieferten.
Abschließend jedoch durfte sich das Publikum über ein Happy End freuen, wie man es im Märchenbuch finden könnte: Die Missverständnisse klären sich auf, alle sind friedlich vereint und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende.
Die elf Schauspieler vom Kompassion, alle ehemalige Mitglieder der aktiven Schultheatergruppe des Franz-Miltenberger-Gymnasiums, hätten Goldoni sicher sehr zufrieden gemacht: Ihnen ist gelungen, jedem Beteiligten der Geschichte des "Dieners zweier Herren" eine individuelle Persönlichkeit zu verleihen, die sich im Verhalten, einer spezifischen Mimik und witzigen Marotten ausdrückte.

Verschiedene Altersstufen

Besonders authentisch wirkten die Charaktere auch dadurch, dass in der Theatergruppe mehrere Altersstufen vertreten sind; das älteste Mitglied hat sein Abitur ganze 20 Jahre früher als das jüngste bestanden. So konnten die Rollen entsprechend besetzt werden, sodass die Unterschiede zwischen den Generationen deutlich und überzeugend hervortraten.
Obwohl Verpflichtungen in Beruf und Studium sowie räumliche Distanz auch in diesem Jahr wieder nur sehr wenig Zeit zum Proben ließen, konnte Kompassion das Publikum mit einem kurzweiligen Kleinkunstabend unterhalten und dem Zuschauer gleichzeitig zutrauen, dass er die gültigen Anfragen an gesellschaftliche Missstände und menschliche Unarten wahrnimmt. Denn genau das war Goldonis Ziel: Mithilfe seiner Komödien das wirkliche Verhalten der Menschen in Gesellschaft zu studieren und lächelnd die Wahrheit zu sagen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren