Bad Brückenau
Infoveranstaltung

Brückenaus brennendes Stromthema

Kontroverse Meinungen gab es beim "Bürgerdialog Stromnetz". Expertin Hannah Heinrich musste sich nicht nur einmal kritischen Fragen stellen.
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Vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger: Der flammende Protest der Trassengegner hat im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt. Noch immer verschaffen sich die Bürgerinitiativen Gehör und argumentieren gegen die "Monster-Trasse". Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger: Der flammende Protest der Trassengegner hat im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt. Noch immer verschaffen sich die Bürgerinitiativen Gehör und argumentieren gegen die "Monster-Trasse". Foto: Sebastian Schmitt-Mathea
Magnetische Felder sieht man zwar mit bloßem Auge im Alltag nicht, aber man kann leidenschaftlich über sie diskutieren. Der "Bürgerdialog Stromnetz", eine vom Bundesministerium geförderte Initiative, ging in der Brückenauer Georgi-Halle an die Öffentlichkeit. Auf dem Programm standen gesundheitliche Aspekte von elektrischen und magnetischen Feldern. Nadine Bethge moderierte die gut besuchte Informationsveranstaltung, zu der auch viele Gegner der Stromtrasse Südlink gekommen waren. "Wir möchten Sie in die Lage versetzen, die Risiken richtig einzuordnen. Wir informieren dabei nicht über den Trassenverlauf. Das ist auch nicht unsere Aufgabe."


Moderatorin greift beherzt ein

Weil die Stimmung angesichts des brisanten Themas erwartungsgemäß aufgeladen war, wurde das beherzte Eingreifen der Moderatorin im Verlaufe des Abends immer wieder notwendig. Hannah Heinrich war als Expertin gekommen und referierte einige Minuten lang unter anderem über elektrische und magnetische Felder bei Hochspannungsleitungen. Ein Resümee lautete: "Sobald die Freileitung 200 Meter entfernt ist, haben die eigenen Haushaltsgeräte deutlich mehr Relevanz und Einfluss als die Freileitung selbst." Es sei also - rein physikalisch betrachtet - für Menschen, die 200 Meter von einer Hochspannungstrasse weg wohnen, kein negativer Effekt durch die Leitung denkbar. "Es gibt nicht nur künstliche magnetische Felder. Die Erde hat zum Beispiel auch ein elektrisches Feld." Auch die Verwendung von elektrischen Geräten im Haushalt erzeuge Felder.

Die höchsten elektrischen Feldstärken und magnetischen Flussdichten von Hochspannungsleitungen treten nach Auskunft der Expertin direkt zwischen den Leiterseilen auf. Durch technische Optimierung könne man den Einfluss nach außen deutlich reduzieren. Unterirdisch geführte Kabel hätten durch die metallische Abschirmung den unbestreitbaren Vorteil, dass das elektrische Feld auf das Kabel selbst beschränkt bleibt. Referentin Heinrich warnte vor Panikmache: "Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinung, die wir von Dingen haben." Bei normalen Abständen zu den Freileitungen seien keine Gefährdungen für den Menschen zu erwarten.


Frage der Unabhängigkeit

Im Anschluss an den wissenschaftlichen Vortrag gab es kritische Anmerkungen aus dem Publikum, auch mit Hinblick darauf, dass der Bürgerdialog ja letztlich vom Wirtschaftsministerium bezahlt werde und damit nicht völlig unabhängig ablaufen könne. "Gesundheit ist ein Thema, das vollkommen emotional besetzt ist", sagte Moderatorin Bethge und forderte zu einem sachlichen Dialog auf. Gerhard Schumm aus Bad Brückenau lenkte den Blick hin zu den Sorgen der Einheimischen: "Tatsache ist doch, dass bei der Bevölkerung große Unsicherheiten bestehen. Das lässt sich nicht so einfach vom Tisch wischen. Und es gibt ja auch noch die wirtschaftliche Komponente. Immobilien entlang von neuen Hochspannungstrassen sind plötzlich nichts mehr wert. Da geht doch keiner mehr hin." Auch die Grundstücke in Trassennähe seien vor einem drastischen Wertverfall nicht geschützt. "Manche sprechen hier von Diebstahl an der Bevölkerung." Gerade bei Freileitungen gebe es ästhetische Aspekte. "Und es gibt die emotionale Komponente."


Infos eher schleppend

Maria Quanz von der bundesweiten Bürgerinitiative gegen Südlink sprach ihr Bedauern aus, dass die wissenschaftliche fundierte Information für Bürger eher schleppend verlaufe: "Es kommen immer erst neue Fakten auf den Tisch, wenn die Bürger nachfragen und recherchieren." Und weiter: "Wir haben ganz unterschiedliche Strahlungsrisiken den ganzen Tag über. Das summiert sich. Stress macht krank. Wir stehen alle unter Stress. Wenn ich einen Hochspannungsmast vor meinem Hause habe, dann habe ich definitiv Stress." Für Quanz ist klar: "Das Erdkabel ist unsere einzige Hoffnung."


Wissenschaftlicher Stand

Expertin Heinrich machte deutlich, dass sich eine absolute gesundheitliche Unbedenklichkeit niemals mathematisch beweisen lasse. "Es gibt ganz unterschiedliche Umgebungsrisiken, die nichts mit einer Stromtrasse zu tun haben. Der gesetzliche Grenzwert ist sicher." Die Wissenschaftlerin wies mehrfach darauf hin, dass sie selbst "keine Lösung verkaufen will". Sämtliche Abstandsregelungen zur Trasse seien politische Entscheidungen. Bei niedrigen Leistungen sei ein Erdkabel technisch gut beherrschbar. "Aber man kommt an die Grenzen des technologisch Machbaren. Ich kann nur sagen, was wissenschaftlicher Stand der Dinge ist."

Denn ein Erdkabel sei mit thermischen Effekten verbunden. Zudem müsse man Verlustleistungen im Boden berücksichtigen. "Ich kann nur Denkanstöße geben. Wenn jemand gesundheitliche Bedenken anspricht, dann muss das belastbar sein."


Keine persönliche Empfehlung

Eine persönliche Empfehlung für oder gegen oberirdische Trassen wollte Heinrich nicht aussprechen. "Ich kann natürlich verstehen, dass es in einem landschaftlich reizvollen Gebiet etwas Schöneres als einen Hochspannungsmast gibt." Die Kosten für die Trassenführung seien aber ein ganz anderes Thema ...
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