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Kultur

Bayerisches Kammerorchester begeistert in Berlin

Vor ausverkauftem Hause spielte das Bayerische Kammerorchester in der Berliner Philharmonie. Die Musiker überzeugten nicht nur durch handwerkliches Können, sondern auch durch große Leidenschaft.
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Monica Tarcsay spielt seit mehr als zehn Jahren beim Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau. Fotos: Ulrike Müller
Monica Tarcsay spielt seit mehr als zehn Jahren beim Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau. Fotos: Ulrike Müller
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Wer Johannes Moesus nicht kennt, hält ihn für einen stillen Menschen. Für einen, der nicht gerne spricht, auch wenn er unentwegt redet durch seine Musik. Seit 2012 ist Moesus Chefdirigent des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau (BKO). Am Mittwoch spielte das Orchester in der Berliner Philharmonie beim Benefizkonzert der Stiftung "Gute Tat".

"Ein Dirigent muss nicht jedes Instrument spielen können, aber er muss es verstehen", sagt Moesus und er versteht ziemlich viele Instrumente. Allein im BKO sind zwölf unterschiedliche Streich-, Blas- und Schlaginstrumente vertreten. Für das Konzert in Berlin braucht Moesus 22 Musiker. Weil das BKO ein Projektorchester ist, stellt der Dirigent seine Truppe je nach Programmauswahl aus einem Pool von etwa 50 Künstlern zusammen.

Haifischbecken Musikbranche

Einer davon ist Andreas Zenke. Er spielt Fagott, eines der Holzblasinstrumente, die man nicht so oft sieht. "Der Konkurrenzdruck ist schon sehr hart, allein einen Studienplatz zu bekommen...", sagt Zenke. Er folgte der Musik nach Karlsruhe, München und Hamburg, spielte ein Jahr beim Esbjerg-Ensemble in Dänemark und sieben bei der Württembergischen Philharmonie in Reutlingen. Dann fasste Zenke Mut und machte sich in Berlin selbstständig.

"Die meisten unserer Musiker sind Freiberufler und spielen in unterschiedlichen Orchestern", erklärt Pavol Tkac, Geschäftsführer des BKO. Als "Haifischbecken" bezeichnet Tkac das harte Musikgeschäft, das vielen als brotlose Kunst gilt. Doch die darin schwimmen, tun es aus Hingabe, nicht aus Profitgier. "Es ist eine Leidenschaft, die man nicht stoppen kann", sagt Monica Tarcsay. "Sucht", nennt es Martha Kneringer. "Ich würde nie verzichten auf mein Leben als Musikerin." Die beiden Frauen sitzen in der letzten Reihe auf dem Weg nach Berlin. Zusammen mit Michaela Reichl und Karoline Hofmann lachen sie, dass es nur so durch den Bus schallt.

"Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, das ist jedes Mal ein Kampf", erzählt Karoline Hofmann. Zum Stillen sei sie zwischen den Proben auch schon mal eineinhalb Stunden nach Hause gefahren. Nachts mit dem Hoteldämpfer zu üben, wenn die Kinder längst im Bett sind, ist Alltag für die Streicherinnen. Und auch wer keine eigene Familie hat, so wie Andreas Zenke, kennt den engen Zeitplan. Noch bevor die Musiker überhaupt ihr Hotel erreicht haben, springt er schon aus dem Bus. Er muss zum Unterrichten.

Countdown zum Konzertbeginn

Wenn die Musiker dann aber bei der Generalprobe sitzen, fällt der Termindruck von ihnen ab. Mit roten Aufklebern markiert Johannes Moesus ein Kreuz auf dem Boden, damit die Bühnentechniker wissen, wo sein Dirigentenpult stehen soll. Fünf Künstler präsentieren sich beim Benefizkonzert und für jeden ist der Bühnenaufbau anders.

"35", sagt Moesus und die Musiker springen in den Noten zurück zu dem Takt, bei dem es gehakt hat. Der Solist verschränkt die Arme vor der Brust. In seiner zerbeulten Jeans und der Brille mit dickem, schwarzem Rand erinnert Valer Sabadus eher an den Studenten von nebenan als an einen Countertenor. Wer nicht weiß, was das ist, stelle sich eine Stimme vor wie Mädchen, die über eine Sommerwiese rennen. Nur dass Sabadus ein Mann ist.

Währenddessen laufen hinter der Bühne die Vorbereitungen für den großen Abend. "Achtung! Eine Durchsage für den bayerischen Orchesterwart", schallt es aus den Boxen. "Ein Kontrabass liegt noch auf der Bühne." Noch zwei Stunden elf Minuten bis zum Konzert. Niemand traut sich, das wertvolle Instrument zu bewegen. Konzertinstrumente kosten mehrere zehntausend Euro. Manche haben den Wert eines Einfamilienhauses, einige wenige sind unbezahlbar.

Ganz ins Spiel versunken

Dumpf klingen Klaviertöne durch die geschlossenen Türen. Der Flügel für den Star-Pianisten Alexander Krichel wird noch einmal durchgestimmt. Noch eine Stunde und 47 Minuten. Die Jungen und Männer des Staats- und Domchores Berlin, die das Programm eröffnen, singen sich ein. Eine junge Frau, deren Kleid in Form und Farbe an eine Meerjungfrau erinnert, fragt nach Puder. "Ich habe mein Make-up vergessen..." Eine Stunde und zwölf Minuten.

Dann beginnt das Konzert. Der Staats- und Domchor rührt zu Tränen. Der erste Solist jedoch hat es nicht leicht. Alexander Krichel versinkt in Franz Schuberts "Ständchen", während das Publikum noch nicht so recht angekommen zu sein scheint. Ganz hinten lacht jemand. Smartphones sind auch im Konzertsaal allgegenwärtig. Die Leute machen Fotos, als stünden sie vor dem Brandenburger Tor.

Die nächste Solistin tritt auf. Wie eine Frau liebt, so spielt Lavinia Meijer Harfe. Zusammen mit dem Kammerorchester präsentiert sie "Danse profane" von Claude Debussy. Dann geht Meijer auch schon wieder von der Bühne ab. Ihr Kleid erinnert an eine Meerjungfrau. Ungewöhnlich kühl und distanziert bleibt dagegen Charlie Siem. Der Engländer spielt Geige - und modelt für Armani.

Der Fanclub aus Bad Brückenau

Nils Mönkemeyer schafft dann das, was Menschen aller Zeiten schon gespürt haben. "Musik ist nicht verfügbar", sagte Johannes Moesus im Bus über das Geheimnis der Musik. "Es kommt oder es kommt nicht." Die Musikwissenschaft hat ein Wort dafür: "Flow". Mönkemeyer ist im Flow und Moesus ist es auch. Fest hat er die Füße am Boden, während der Oberkörper förmlich tanzt. Mal weich und fließend, dann wiederum mächtig wie elektrisiert. Es ist ein langer Moment, bis das Publikum begreift, dass der zweite Satz aus Hoffmeisters Konzert für Viola und Orchester D-Dur zu Ende ist. Als der Applaus aufbrandet, nehmen sich Mönkemeyer und Moesus in die Arme.

Der Abschluss des Konzerts ist der Höhepunkt des Programms. Valer Sabadus - jetzt freilich nicht in Jeans und ohne Brille - singt "Le belle immagini" von Christoph Willibald Gluck. Seine hohen, hellen Töne nehmen den Raum und die Herzen der Zuhörer ein. "Warum eigentlich werden die Werke von Gluck so selten gespielt?", fragt Moderator Holger Wemhoff (Klassik Radio). "Dafür braucht man ein wirklich gutes Orchester", antwortet Sabadus und nickt den Musikern anerkennend zu.

Am Ende des Konzertes, als alle Blumensträuße verteilt und alle Dankesworte gesprochen sind, blickt die Organisatorin von der Stiftung noch einmal hinauf zu den Rängen. "Das Bayerische Kammerorchester Bad Brückenau hat sogar seinen Fanclub mitgebracht", verkündet Ines Brüggemann. Und da jubeln die rund 50 Mitglieder des Freundeskreises und könnten vor Stolz platzen.
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