Bad Brückenau
Zeitgeschichte

Bad Brückenau im Ersten Weltkrieg

Ohne Internet und Fernsehen waren die Menschen vor 100 Jahren auf die Zeitung angewiesen. Doch wer durch die Ausgaben des Brückenauer Anzeigers blättert, dem läuft unweigerlich ein Schauer über den Rücken.
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Vergilbtes Zeitzeugnis: Mit mehreren Tagen Verspätung erfuhren die Menschen vom Krieg. Fotos: Ulrike Müller
Vergilbtes Zeitzeugnis: Mit mehreren Tagen Verspätung erfuhren die Menschen vom Krieg. Fotos: Ulrike Müller
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Es sind Fragmente, die die Geschichte des Ersten Weltkriegs in Bad Brückenau erzählen. Eines dieser Fragmente hängt in den Rhöner Heimatstuben über dem Bett. Das colorierte Fotoportrait zeigt Eduard Knüttel aus Modlos. "Zur Erinnerung an unseren lieben Sohn", steht in gestickter Schrift auf dem Bild. "Er starb den Heldentod für's Vaterland."

Hundert Jahre ist der Beginn des Ersten Weltkriegs nun her. Die Zeugnisse aus dieser Zeit sind rar geworden. Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Und doch stehen in Städten und Dörfern Denkmale mit den Namen derer, die nicht wiedergekommen sind aus den grausamen Schlachten, die Europa ins Chaos stürzten. 43 Tote und ein Vermisster sind die Bilanz des Krieges in Bad Brückenau. Der älteste gefallene Soldat war Stephan Abersfelder. Er starb im Alter von 43 Jahren. Der jüngste war gerade einmal 17 - und hieß Josef Putz.

"Das ist schon ein tragisches Familienschicksal", sagt Dieter Sternecker, Leiter der Stadtbibliothek. Die Familie Putz betrieb im Sinntalhof, Staatsbad, eine Kurpension. Von zwei Söhne fiel der jüngere bereits im ersten Kriegsjahr 1914. Der zweite Sohn, Ernst Putz, wurde 1933 von den Nazis ermordet. Ein Name, ein Schicksal. 43 Namen, 43 Schicksale. Bruno Bott, Karl Löhmer, Josef Dörflinger... Der Krieg fragt nicht nach Namen und Gesichtern, nicht nach Familienstand oder Vermögen.

Zeugnisse auf vergilbtem Papier

Ein anderes Fragment - sichtbar abgegriffen und schon vergilbt - ist Tagesschau, B5 aktuell und Facebook in einem. Während sich Ende Juli und Anfang August 1914 Europas Länder gegenseitig den Krieg erklären, beklagt der Brückenauer Anzeiger am 1. August 1914 die "Eisenbahnschmerzen des Bezirkes Brückenau". Erst vier Tage später (die Zeitung erschien damals nicht täglich) ist die Topnews die Mobilmachung der Armee. Unter der Überschrift "Europas Kriegsbrand" wird aus der Kurstadt berichtet: "Schaurig klangen am Samstag abend gegen 8 Uhr die Trommelwirbeln durch unsere Stadt, die soviele Bewohner unter die Fahnen riefen."

Für die Bürger wird der Krieg sofort spürbar. Der "Post-, Telegraphen- und Fernsprechverkehr mit dem Auslande" wird beschränkt, Postsendungen nach Russland und Frankreich sind überhaupt nicht mehr möglich. Die ersten Geschäfte erhöhen die Preise für Lebensmittel, Papiergeld wird "nicht oder nicht mehr vollständig als Bezahlung akzeptiert" - und das, obwohl die Läden damit ihre Schließung riskieren.

Kriegspropaganda mit Kreide am Bahnhof

Am 18. August 1914 wird der Landsturm einberufen. Gezeichnet: Die Stadtverwaltung. Löhmer, Beigeordneter. Das Rote Kreuz hält eine Versammlung zur Unterstützung der Krieger im Felde ab, ein paar Tage später treffen sich einige Bürger im Gasthaus Schwan, um einen Ortsausschuss zur Fürsorge für Angehörige der Kriegsteilnehmer zu gründen.

"Die Tränen, die schon geweint sind und noch geweint werden, fallen auf Gottes Acker", schreibt der Brückenauer Anzeiger am 20. August. "Gebt den Gatten und den Liebsten, den Sohn und den Bruder her als Opfer auf den Altar des Vaterlandes!" Dass auch anderswo Tränen fließen, blendet das Blatt aus.

Egal, welche Ausgabe vom August 1914 man durchblättert, die deutschen Kriegserfolge füllen die Seiten. Und auch Kriegshetze ist dabei. Unter dem Titel "Krieger Humor" werden Kreide-Inschriften am Güterbahnhof Berlin zitiert: "Franzosen, Russen, Serben, Alle müßt ihr sterben, Deutschland wird alles erben!"

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