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SuedLink

A7 Stromtrasse: Volkes Zorn soll gebündelt werden

Thomas Wagner vom Netzbetreiber Tennet begründet im Gespräch die Notwendigkeit der SuedLink-Verbindung. Bis 2022 sollen die neuen Leitungen die Kernkraft-Werke ersetzen. Bei einer Kundgebung am Dienstag machten Bürger ihrem Ärger Luft.
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Thomas Wagner (rechts) hat keinen einfachen Job: Als Referent für Bürgerbeteiligung muss er sich auch den Demonstranten stellen und versuchen, den Bürgerprotest so zu bündeln, dass er in produktiven Vorschlägen mündet.
Thomas Wagner (rechts) hat keinen einfachen Job: Als Referent für Bürgerbeteiligung muss er sich auch den Demonstranten stellen und versuchen, den Bürgerprotest so zu bündeln, dass er in produktiven Vorschlägen mündet.
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Ein Dutzend Menschen schauen auf einen Plan, darunter Vertreter des Netzbetreibers Tennet sowie Jens Wörner und Sebastian Röder von der Bürgerinitiative (BI) "A7 Stromtrasse Nein". "Wir sind nur als Privatpersonen hier", betont Röder, denn: "Wir lehnen die Strategie von Tennet grundsätzlich ab." Aus seiner Sicht sollen bei den Info-Märkten "die Leute nur vereinzelt werden": Nicht nur durch die Einzel-Veranstaltungen in kleineren Orten, sondern auch durch die Struktur in der Halle: In kleinen Gruppen wird an einzelnen Tischen über den Plänen gebrütet.



"Tennet macht das etwas aufwändiger, damit es bei der Bundesfachplanung keine Probleme gibt", sieht Sebastian Röder die Info-Märkte eher als Feigenblatt. Aus Sicht der BI reagiert der Netzbetreiber damit auf die völlig aus dem Ruder gelaufenen Groß-Veranstaltungen in Ober- und Mittelfranken: Dort bekundeten tausende Bürger auf einen Schlag ihren Unmut. In Wasserlosen hat die BI immerhin eine Kundgebung vor der Halle organisiert. "In die Halle rein dürfen wir laut Anordnung des Landratsamtes nicht", betont Röder.

Widerstand oder Mitarbeit?
Eigentlich wollen beide Seiten etwas Ähnliches, nämlich Volkes Zorn bündeln. Aber: Die BI möchte möglichst viel Widerstand konzentrieren, Tennet versucht, den Unmut der Bürger in eine konstruktive Kritik zu pressen. "Wir wollen hier direkt mit den Anliegern sprechen und schauen, wo es Widerstände gibt", sagt Thomas Wagner, Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet. "Wir kriegen sicherlich keine große Zustimmung, aber die Leute verstehen vielleicht, weshalb wir das brauchen." Die ausgelegten Karten seien "interaktiv": Hindernisse für die Trasse oder neue Vorschläge werden direkt eingezeichnet - in verschiedenen Farben mit Hinweis auf denjenigen, von dem die Anregung kam: "Wir erfassen alle Gespräche und geben jedem noch heuer eine Rückmeldung."
In Norddeutschland habe Tennet damit gute Erfahrungen gemacht: "Wir haben bereits 1900 planungsrelevante Hinweise für SuedLink, darunter auch alternative Trassenvorschläge", berichtet Wagner. Von dieser informellen Bürger-Beteiligung erhoffe sich das 20-köpfige Planungsteam eine möglichst realitätsnahe Planung - und damit weniger Probleme beim Bau.
"Die machen doch eh, was sie wollen", war ein häufig gehörter Satz in Wasserlosen. Andere Besucher plädierten für eine Erdverkabelung. Laut Wagner kostet der Kilometer Erdkabel zwischen 6 und 10 Millionen Euro, im Gegensatz zu 1,4 Millionen Euro für die Freileitung. Tennet würde trotzdem gerne die zehn dicken Leitungen in 1,80 Metern Tiefe verlegen. Aber: "Schlussendlich muss das die Politik entscheiden."

Politische Grundsatz-Frage
Viele wollten auch gestern nicht über das Wie, sondern das Ob sprechen. Darauf lässt sich aber Wagner nicht ein: "Bei allen Szenarien wird die SuedLink-Trasse gebraucht." Trotzdem könnte sie wohl noch verhindert werden: "Ohne die gesetzlichen Grundlagen stirbt das Projekt", verweist Wagner aber bei der Grundsatz-Entscheidung auf den Bundestag.


Interview mit Referent Thomas Wagner
Vor dem ersten Info-Markt der Region gestern in Wasserlosen haben wir Thomas Wagner, den Referenten für Bürgerbeteiligung bei Tennet, interviewt. Er begründet, weshalb die neue Trasse aus Sicht des Netzbetreibers notwendig ist und wie es mit der Planung, dem Antragsverfahren und der Bürgerbeteiligung weitergehen soll. Wagner steht auch auf den Info-Märkten heute in Elfershausen und morgen in Bad Brückenau Rede und Antwort.

Herr Wagner, wozu brauchen wir die SuedLink-Trasse?
Thomas Wagner: Wir brauchen die SuedLink-Trasse im Zuge der Energiewende: Da stehen wir vor der großen Herausforderung, dass in Norddeutschland viel zu viel Energie aus erneuerbaren Energien produziert wird - vor allem in Schleswig-Holstein aus der Windkraft - und wir hier im Süden ein großes Defizit an Energieerzeugung haben werden, wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Die sind derzeit für 60 Prozent der Energieversorgung in Süd-Deutschland zuständig. Wenn diese wegfallen, fehlt die Energie, und die wollen wir mit SuedLink ersetzen.

Seit weit planen Sie, und bis wann muss die Trasse fertig sein?
Wir haben vor zwei Jahren mit ersten Überlegungen begonnen, wir haben erste Raum-Widerstands-Analysen erstellt, mögliche Korridore auch der Öffentlichkeit vorgestellt, und wir wollen die Planung bis 2019 abschließen. Bis 2022 soll die Leitung fertig sein: Parallel zum Ausstieg aus der Kernenergie soll der SuedLink auch zur Verfügung stehen.

Sie setzen auf Bürgerbeteiligung: Wie sollen die beiden Info-Märkte ablaufen, die jetzt auch im Landkreis Bad Kissingen anstehen?
Wir wollen die Bürger an dem Prozess beteiligen, und zwar jetzt ganz am Anfang des Projektes, also zu dem Zeitpunkt, an dem noch die Möglichkeit besteht, noch viel Einfluss auf die Entscheidungen zu nehmen. Wir machen das, bevor eine formale Festlegung in irgendwelchen behördlichen Verfahren getroffen wird. Das heißt: Wir gehen jetzt mit einem ersten Vorschlag auf den so genannten Info-Märkten auf die Bürger zu und wollen mit ihnen diskutieren, wie man den Vorschlag verbessern kann oder welche Alternativen denn hier möglich wären. Wir nehmen das alles mit auf, wir protokollieren das und geben auch jedem, der uns einen Vorschlag oder einen konkreten Hinweis gibt, auch eine Rückmeldung, wie wir damit verblieben sind.
Wie geht es danach mit den Vorschlägen und dem Verfahren weiter?
All diese Hinweise, die wir bekommen, Alternativen, die wir gemeinsam erarbeiten, werden wir prüfen und in den Antrag mit aufnehmen. Diesen Antrag reichen wir bei der Bundesnetz-Agentur, das ist die zuständige Behörde, die das Projekt dann auch schlussendlich genehmigen muss, ein. Dann beginnt das formale Genehmigungsverfahren mit umfangreichen Untersuchungen in einzelnen Korridoren, da werden Vögel beispielsweise gezählt oder der Boden untersucht. Da gibt es aber noch einmal verschiedene Möglichkeiten, sich formal zu beteiligen.

Wie schätzen Sie die Bürgerbeteiligung in der Region ein? Sind das die üblichen Bürger-Initiativen oder ist das etwas, was über den normalen Widerstand hinausgeht?
Ja, es sind viele Bürger-Initiativen entlang des vorgeschlagenen Korridors gegründet worden, die sich sehr intensiv mit der Planung befassen. Wir begrüßen grundsätzlich, wenn sich die Bevölkerung vor Ort mit einbringt und hier auch Sachkenntnisse erwirbt.


Termine:
Mittwoch stehen in Elfershausen die Experten von 15 bis 20 Uhr in der Schwedenberghalle den Bürgern Rede und Antwort. Um 18.30 Uhr ist eine Kundgebung mit der Übergabe von Unterschriften geplant. Morgen, Donnerstag, ist der Info-Markt von 15 bis 20 Uhr in der Georgi-Halle in Bad Brückenau.

Tennet:
Die Tennet Holding B.V. (eigene Schreibweise TenneT) ist ein 1998 gegründeter Stromnetzbetreiber im Besitz des niederländischen Staates. 2008 betrieb Tennet in den Niederlanden 3507 Kilometer Stromnetz. 2010 zwang die EU in einem Kartellrechtsverfahren E.on, sein deutsches Stromnetz zu verkaufen. Tennet übernahm rund 10.700 Kilometer Höchstspannungsnetz in Deutschland. Sitz der deutschen Tochter Tennet TSO ist Bayreuth.

Regulierungsbehörde
Genehmigt wird die Trasse am Ende von der Bundesnetzagentur, die ebenfalls mit einem Stand bei den Info-Märkten vertreten ist. Nur mit ihrer Zustimmung kann Tennet die Kosten als Netzentgelt auf die Stromkunden umlegen. rr
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