Manchmal liegen Glück und Unglück nah beieinander. So auch bei Eva Roessner. Eines Morgens vor elf Jahren - tags zuvor war die sportliche Frau noch in der Ballettstunde gewesen - stellte sie fest, dass ihr eines Bein über Nacht zwölf Zentimeter an Umfang zugelegt hatte. Trotzdem sagt sie: "Ich hatte Glück, dass mein Arzt sofort erkannt hat, was ich habe." Ein Unglück war es dennoch. Denn seither trägt die ausgebildete medizinisch-technische Assistentin ein Lymphödem im wahrsten Sinne des Wortes mit sich herum. Und weil sie weiß, dass sie damit nicht der einzige Mensch im Raum Bad Kissingen ist, will sie jetzt eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen.
Iris Hönig, die Leiterin des Mehrgenerationenhauses und Arztgattin, weiß aus dessen Umfeld, "dass diese Erkrankungen offenbar noch Stiefkinder der Medizin sind" und "dass darüber im Studium nicht genug informiert wird." Eine Erfahrung, die auch Roessner von anderen Betroffenen kennt: "Oft fühlt man sich falsch beraten", sagt sie und fügt, fast entschuldigend, hinzu: "Mediziner vor Ort können ja nicht alles wissen."

Austausch kann helfen


Peter Wehner, Sprecher der Selbsthilfegruppen im Landkreis, sagt, allerdings nicht ohne Augenzwinkern: "Betroffene sind ohnehin die besseren Ärzte." Das stimmt zwar nicht, aber was er meint, ist: Sie haben auf jeden Fall viel mehr Zeit, sich mit einer, nämlich ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und wissen darüber im Lauf der Zeit
tatsächlich manchmal mehr als Mediziner. Und der Austausch solcher Erfahrungen ist Anliegen auch der jetzt im Mehrgenerationenhaus geplanten neuen Selbsthilfegruppe.
Bei einem Lymphödem handelt es sich um eine chronische fortschreitende Erkrankung, die man bekommt, wenn die Transportkapazität des Lymphsystems nicht ausreicht, um Flüssigkeit aus dem Zwischenzellraum zum Kreislaufsystem zu drainieren. Die Ursachen können genetisch sein, aber auch durch Karzinome und ihre Behandlung ausgelöst werden, durch Verletzungen, Operationen, Infektionen und anderem.

Körper und Seele leidet


Das Lymphödem manifestiert sich durch starke Schwellung der betroffenen Extremität. Und das kann im dritten Stadium aussehen, wie es der Volksmund auch nennt: wie ein Elefantenbein. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem. Die Fehlfunktion führt auch zu Schmerz, die Beweglichkeit ist eingeschränkt, und dann leidet oft auch die Seele. Nicht anders beim Lipödem, einer vererbten Fettverteilungsstörung, die teilweise zu argen Deformationen insbesondere in den Beinen führt und wogegen Diäten machtlos sind.
Eva Roessner ist davon überzeugt: "So weit muss es aber nicht kommen." Denn es gebe Möglichkeiten zum Vorbeugen, sei es bei der Ernährung oder auch mit besonderen, so genannten flach gestrickten Strümpfen. Nur, bis man die bekommt, muss man vieles berücksichtigen und wissen. Und da hilft es, sich auszutauschen mit ebenfalls Betroffenen.
Beispielsweise hat sie eher zufällig erfahren, dass ihre Erkrankung zur Anerkennung als Schwerbehinderter führen kann. Sie hat die 40-prozentige Anerkennung und kann, heute 55, mit 60 in Rente gehen.
Über all das möchte Eva Roessner sich mit Betroffenen austauschen und keine "Quasselgruppe" gründen. Auch soll das Anliegen sein, die Krankheit managen zu lernen und sich über Maßnahmen zur Vorbeugung, Gesunderhaltung und Selbsthilfe auszutauschen. Auch könne man gemeinsam manches unternehmen, was gut tut bei solchen Krankheiten, Kneippen, Walken, Bewegungstherapie. "Außerdem gibt es Entstauungsgymnastik", sagt Petra Weber und sagt, dass dafür ehrenamtlich auch Therapeuten in die Gruppe kommen könnten. Sie ist Mitinitiatorin der Lymph- und Lip-Selbsthilfegruppe, erinnert sich an den großen Andrang bei den ersten beiden Lymph-Tagen im Mehrgenerationenhaus und ist sich daher mit Iris Hönig und Roessner sicher, dass sich zur Gründung der Selbsthilfegruppe genug Interessierte einfinden werden.

Infoabend Eine Auftakt- und Informationsveranstaltung zum Thema Lymph- und Lipödeme beginnt im Mehrgenerationenhaus, Ludwigstraße 20, am Dienstag, 18. September, um 18.30 Uhr.

Gründung Wenn sich genügend Interessierte/Betroffene finden, könnte die Lymph-Lipödem-Selbsthilfegruppe gegründet werden. Derzeit ist geplant, dass diese sich heuer einmal monatlich dienstags im Mehrgenerationenhaus trifft; danach sieht man weiter.

Lymph-Tag Petra Weber organisiert heuer zum dritten Mal einen Lymph-Tag, der diesmal am 27. Oktober im Tattersall stattfindet. Entstanden ist diese Veranstaltung aus einem Arbeitskreis zum Thema Lymph- und Lip-Ödeme, an dem Mitarbeiter von Sanitätshäusern, Ärzte, Therapeuten, Betroffene und Angehörige mitwirken und sich informieren.