Bad Kissingen
Musik

Außergewöhnliche Kantate

In der Erlöserkirche wurden die Besucher mit dem Bad Kissinger Kammerorchester auf den ersten Adventssonntag eingestimmt, unterstützt durch weitere Musiker und vier Gesangssolisten.
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Mit Johann Sebastian Bachs großer Kantate "Schwingt freudig euch empor" stimmten das Bad Kissinger Kammerorchester, verstärkt durch zwei Flöten, zwei Oboen d'amore, Fagott und vier Gesangssolisten, unter der Leitung und am Cembalo begleitet von Kantor KMD Jörg Wöltche, auf den Beginn der Adventszeit ein.  Foto: Gerhild Ahnert
Mit Johann Sebastian Bachs großer Kantate "Schwingt freudig euch empor" stimmten das Bad Kissinger Kammerorchester, verstärkt durch zwei Flöten, zwei Oboen d'amore, Fagott und vier Gesangssolisten, unter der Leitung und am Cembalo begleitet von Kantor KMD Jörg Wöltche, auf den Beginn der Adventszeit ein. Foto: Gerhild Ahnert

Wahrhaft festlich gestalteten Pfarrerin Christel Mebert und der Kantor der evangelischen Erlöserkirche, Jörg Wöltche, den Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Advent. Während alle übrigen Adventssonntage unter das tempus clausum, die stille Bußzeit vor den Feiertagen fallen, komponierte Johann Sebastian Bach zu diesem Festtag eine Kantate, die er aus mehreren Fassungen, auch weltlichen zusammenfügte, "Schwingt freudig euch empor" (BWV 36). Die Kantate ist zweiteilig konzipiert, mit einer Predigt jeweils vor und nach dem ersten Teil.

Pfarrerin Christel Mebert freute sich in ihrer Predigt über diese "außergewöhnliche Kantate" in der Erlöserkirche und berichtete von deren nicht nur liturgischer Kompositionsgeschichte. Sie erläuterte aber, dass gerade dieses Werk, dessen Text zunächst willkürlich konstruiert wirke, "die Botschaft des Advents" ebenso vermitteln könne wie die Lesung zum 1. Advent aus Matthäus 21, 1-9 über den Einzug Jesu in Jerusalem auf einem einfachen Esel.

Triumphaler Aufruf

Dem triumphalen Aufruf im Eingangschor der Kantate: "Schwingt freudig euch empor zu den erhabenen Sternen" hielt sie entgegen, dass das nicht die alleinige Botschaft sein könne. Schließlich sei das Volk von Jerusalem nach dem umjubelten Empfang enttäuscht über Jesus' so wenig herrschaftliches Auftreten gewesen und habe ihm nur wenig später "Kreuziget ihn!" entgegengeschrien. Ganz entsprechend Martin Luthers Worten sagt der Kantatentext auch: "Doch haltet ein! Der Schall darf sich nicht weit entfernen"! Er sich nicht über die Wolken erheben, denn ganz entsprechend Martin Luthers Aussage: "Du musst ihn in der Krippe suchen, nicht im Himmel!" kommt Christus nicht als Volksheld oder gar prächtig gekleideter Herrscher auf die Welt, sondern auf einem Esel und als hilfloses Kind in der Krippe zu den Menschen in ihrer ganzen Niedrigkeit und Not.

Kantor Wöltche leitete die in den Gottesdienst integrierte Kantate vom Cembalo aus. Sein mit Streichern besetztes Kissinger Kammerorchester hatte er durch zwei Flöten, zwei Oboen d'amore und Fagott ergänzt; die vier Sänger übernahmen auch die jeweiligen Chorstimmen. Das funktionierte sehr gut, da die Stimmen ausgezeichnet harmonierten und auch in der dynamischen Balance zusammenpassten: Sie sangen den Eingangschor, das Chorduett von Sopran und Alt, das Tenor-Choralsolo, die Schlusschoräle zum ersten und zweiten Teil und die drei solistischen Arien für Tenor, Bass und Sopran.

Ilse Berner (Sopran) und Katrin Edelmann (Alt) gestalteten im Verein mit den beiden begleitenden und imitierenden Oboe d'amore (Christiane Feig und Cvetomir Velkov) die wunderschöne Melodie des auf den uralten Hymnus Veni redemptor gentium zurückgehenden Bachschen Chorals "Nun komm der Heiden Heiland"" sehr differenziert, arbeiteten die zentralen Stellen wie "Nun komm" oder "des sich wundert alle Welt" sehr eindrücklich heraus.

Barockes Gebilde

Die Tenorarie "Die Liebe zieht mit sanften Schritten" ist ein richtig barockes vielschichtiges Gebilde. Auf dem von der Continuo-Gruppe rhythmisch elektrisierend durchgestalteten Fundament konnte Oliver Kringel zeigen, wie schön und gleichermaßen sorgsam er seine Stimme durch all die vielen Verzierungen und da-capo-Stellen führen kann. In seiner Choral-Arie "Der du bist dem Vater gleich" sang er ein expressives, mächtiges Legato zu der fein zisellierten Begleitung durch die Holzbläser. Michael Albert war für die Bassarie "Willkommen, werter Schatz!" zuständig, die sehr beschwingt musiziert wurde, und bei der Albert auch bei den exponierten Passagen in der mit allerlei Problemstellen gespickten Komposition mit natürlichem Duktus auch in der Tiefe überzeugen konnte.

Mit kräftiger Stimme und sehr intonationssicher sang Ilse Berner die großen Sopranarie am Ende des zweiten Teils, "Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen", bei der die Konzertmeisterin des Kammerorchesters, Christel Gimmler, sie begleitete und die Vorschrift "con sordino" (mit Dämpfer) ernstnahm.

Durch ständigen Blickkontakt entstand ein sehr einvernehmliches Spiel und Ilse Berner schmunzelte beim Singen, wenn sie sich beim wiegenden Siciliano-Rhythmus dieser Arie so richtig hineinlegte und ihre sauber geführte Stimme erschallen ließ. Und man konnte aus dem wiegenden Rhythmus heraushören, dass es da in Richtung Weihnachtsoratorium geht, zur Wiege des Jesuskindes, was ja sehr schön die Hauptaussage von Pfarrerin Meberts Predigt bestätigte.

So ganz wussten Jörg Wöltche und seine musikalischen Kollegen nicht, was sie mit dem spontan aufkommenden Applaus am Ende der Kantate mitten in einem Gottesdienst anfangen sollten. Aber dann stellten sich alle doch noch einmal auf und ließen sich feiern von ihrem Publikum, das mal schnell aus der Gemeinde-Rolle ausbrach und seine Freude über die gelungene Aufführung dieser ganz schön vertrackten Kantate Ausdruck gab. Ein gelungener Beginn des neuen Kirchenjahrs und des gerade beginnenden Advents.

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