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Bad Kissingen
Ärgernis

Ausdruckpflicht von Kassenzetteln: Per Gesetz verordneter Müll

Seit knapp eineinhalb Monaten gibt es die allgemeine Bonpflicht für den Einzelhandel. Die neue Regelung bringt vor allem eines, klagen betroffene Händler: mehr Müll.
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Christiane  Kernwein sammelt die Kassenzettel, die die Kunden seit der Einführung der Bonpflicht in der Tankstelle zurücklassen, im Schaufenster.Heike Beudert
Christiane Kernwein sammelt die Kassenzettel, die die Kunden seit der Einführung der Bonpflicht in der Tankstelle zurücklassen, im Schaufenster.Heike Beudert

Seit Anfang Januar hat die Aral-Tankstelle Kernwein in Münnerstadt eine ganz besondere Schaufenster-Dekoration: Kassenbons. Sie türmen sich mittlerweile zu einer stattlichen Menge. Christiane und Jürgen Kernwein wollen damit zeigen, welche Müllmengen durch die neue gesetzliche Regelung anfallen. Seit 1. Januar gilt für alle Händler mit elektronischem Kassensystem die Bonpflicht auch für Kleinbeträge. Gut einen Monat nach der Einführung sind manche Einzelhändler selbst überrascht über die Masse an Papier, die zusätzlich anfällt.

"Die Leute sollen sehen, was anfällt", sagt Christiane Kernwein. Sie weiß zwar, dass dies den Gesetzgeber nicht unbedingt umstimmt, aber es ist momentan ihre einzige Möglichkeit, ihren Unwillen gegen das Gesetz kundzutun. Die Kassenzettel, die sich im Schaufenster türmen, sind in der Regel keine Tankbelege, sondern Kassenzettel für die kleinen Einkäufe, die an der Tankstelle sonst noch getätigt werden: Für eine Cola, eine Schachtel Zigaretten oder eine Süßigkeit.

Mit ihrem Frust steht die Münnerstädterin nicht alleine da. "Die Regelung versteht kein Mensch mehr", erklärt Johannes Schmitt (Bäckerei Peter Schmitt Bad Kissingen). Die Bäckerei hat in den ersten Wochen in den Filialen konkret beim Kunden nachgefragt, ob der Bon gebraucht wird. Nur 1,5 Prozent der Kunden wünschten das. Johannes Schmitt will alles daransetzen, dass die Politik diese Regelung rückgängig macht.

Der Innungsobermeister der Bäckerinnung für die Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, Ullrich Amthor (Waltershausen), weiß, dass viele Kollegen aus dem Innungsbereich einen Antrag beim Finanzamt gestellt hatten, um von der Bonpflicht befreit zu werden. Alle hätten eine Absage erhalten. Dazu gehören auch die Bäckerei Peter Schmitt in Bad Kissingen und die Firma "Schmitt's Backstube" in Bad Neustadt. In beiden Fällen wurde der Antrag abgelehnt.

Spürbare Mehrkosten

Wie hoch die zusätzliche Müllmenge durch das Ausgeben von Kassenzetteln ist, hat die Bäckereikette Schmitt's Backstube (Bad Neustadt) in ihren 25 Filialen im Januar ermittelt, erläutert Florian Schmitt. Binnen eines Monats kamen 135 Müllsäcke zusammen. Rund 60 Papierrollen werden dadurch täglich benötigt. Bis zum Jahreswechsel waren es nur rund elf pro Tag.

Florian Schmitt hat hochgerechnet: Bleibt die Regelung so, wie sie jetzt ist, würde die Einführung der Bonpflicht in seinem Betrieb Mehrkosten von rund 12 000 Euro jährlich erzeugen. Zwischenzeitlich hat die Firma bereits versucht, die Länge der Bons zu reduzieren. Außerdem will das Unternehmen sich erkundigen, ob eine Umstellung vom problematischen Thermopapier auf Normalpapier möglich ist.

Christiane Kernwein betont, dass sich die Menge der benötigten Papierrollen in der Tankstelle seit Anfang Januar mindestens verdreifacht hat. Dass die Kunden die Kassenzettel nicht einstecken, dafür hat Christiane Kernwein Verständnis. "Es findet jeder lästig." Eigentlich, überlegt sie, sollten aber alle Kunden ihren Zettel mitnehmen und beim Finanzamt einwerfen. Vielleicht hätte das Wirkung.

Den Nutzen der neuen gesetzlichen Regelung bezweifeln die befragten Geschäftsleute sowieso. Kassen seien heute so programmiert, dass alles festgehalten wird. Alles sei doppelt und dreifach abgesichert, sagt Johannes Schmitt. Zudem sehe der Kunde bei den modernen Kassen in den Filialen seines Unternehmens genau, dass tatsächlich jeder Kauf gebongt ist. Gerade für Filialisten sei dies ohnehin im ganz eigenen Interesse, stellt Johannes Schmitt fest. Ein Ärgernis für ihn ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Anbieter der Kassensysteme mit der technischen Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben so ausgelastet sind, dass kaum mehr Zeit bleibt, um innovative Lösungen voranzutreiben, die seiner Meinung nach viel wichtiger wären; als Beispiel nennt Schmitt die Entwicklung einer Kunden-App für Vorbestellung von Backwaren, wie sie seine Bäckerei möglichst bald einführen möchte.

Eigentlich sollte Bürokratie abgebaut werden, meint Ullrich Amthor. Aber dieses Gesetz bewirke das Gegenteil. Amthors Fazit: "Die Politik muss die Angelegenheit ganz dringend überprüfen."

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