Münnerstadt
Gottesdiensttest

Auferstehungskirche in Münnerstadt: Hier wird fast im Grünen gebetet

Die evangelischen Auferstehungskirche in Münnerstadt hat durch sehr große Fenster die Natur zum Architekten gemacht.
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Die Auferstehungskirche in Münnerstadt liegt idyllisch eingebettet und fast ein bisschen versteckt zwischen Bäumen und Büschen.  Foto: Heike Beudert
Die Auferstehungskirche in Münnerstadt liegt idyllisch eingebettet und fast ein bisschen versteckt zwischen Bäumen und Büschen. Foto: Heike Beudert

Das Urteil unserer Testerin:

Erst seit Anfang diesen Jahres ist Martin Hild der Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Münnerstadt. Ein junggebliebener Kirchenmann, der im Mai eine Lobpreis-Band gründete. Seine Frau Karin singt, er spielt Gitarre, Paul Dünisch klopft das Cajon, Peter Seubert spielt Klavier. Mit aktuellen Liedern werden so besondere Gottesdienste bereichert. Und noch immer suchen sie weitere Hobbymusiker, die mitmachen möchten - und das konfessionsübergreifend. Münnerstadt ist eine junge evangelische Gemeinde. Erst 1852 wurde ein einziges evangelisches Gemeindemitglied registriert, 1896 fand der erste Gottesdienst statt. 1960 wurde die eigenständige Pfarrei Münnerstadt gegründet. Die Gemeinde besteht aus 14 Gemeindeteilen: Althausen, Burglauer, Brünn, Fridritt, Großwenkheim, Kleinwenkheim, Maria Bildhausen, Münnerstadt, Reichenbach, Rheinfeldshof, Seubrigshausen, Strahlungen, Wermerichshausen und Windheim. Die 20 Gottesdienstgäste waren zum Großteil über 70 Jahre alt. Einzig ein Kind war dabei. Schön: An der Wand steht ein Kindertisch mit Büchern - wäre es dem Kleinen langweilig geworden, so hätte er sich dort beschäftigen können. Immer am ersten Sonntag im Monat gibt es einen Kindergottesdienst parallel zum Hauptgottesdienst.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Wer den Münnerstädter Pfarrer Martin Hild erwartet hatte, erlebte eine kleine Überraschung: Den Gottesdienst hielt Pfarrer Stefan Bonawitz aus Maßbach. Ein Pfarrer-Tausch war der Grund, so stellte sich Bonawitz auch vor: "Ich bin Pfarrer Tausch", witzelte er. Für die Kirchgänger war das überhaupt kein Problem. Bonawitz blickte in freundliche Gesichter und ging sehr offen auf die für ihn neue Gemeinde zu. Bewertung: Ein Mensch mit sympathischer Ausstrahlung.

2. Musik Modern und leicht kommt dieser Gottesdienst daher. Selbst Cat Stevens "Morning has broken" hat Organist Thomas Betzer im Repertoire - wobei Betzer an der Orgel für die Gemeinde bereits ein Glücksfall ist. Schön: In der evangelischen Gemeinde scheint keiner Hemmungen zu haben: Alle singen laut und deutlich mit. Bewertung: Man kann die Kirchengemeinde zu ihrem Organisten beglückwünschen.

3. Lesungen

Die Leserin sollte mehr aus ihrem Talent machen. Nicht zu schnell, nicht zu langsam, klar, deutlich und mit perfekter Betonung hatte sie die komplette Aufmerksamkeit aller erreicht.

4. Predigt Pfarrer Bonawitz hatte sich eine schwierige Bibelstelle herausgesucht, die ziemlich viel Vorwissen erforderte. Doch auch für den, der nicht bibelfest ist, machte er diesen Gottesdienstteil interessant, in dem er die Pharisäer und Apostel in die heutige Zeit holte - und damit Verbindungen in Gesellschaft und Politik zog. Bewertung: Ein Abschalten konnte sich hier keiner gönnen, bei dieser Predigt musste aufmerksam zugehört werden. Schön, wie Bonawitz von der Bibel-Sprache zur Umgangssprache wechselte, um so seine Zuhörer zu erreichen.

5. Kommunion/Abendmahl An diesem Sonntagmorgen fand kein Abendmahl statt. Stattdessen gab es das Angebot, nach dem Gottesdienst auf eine Tasse Kaffee oder ein Glas Saft zu bleiben. Viele folgten der Einladung. Bewertung: Auch jenseits des Abendmahls wird versucht, Gemeinschaft zu schaffen.

6. Segen

Nach der Segensformel blieben alle noch sitzen, um dem letzten Musikstück von Thomas Betzer zu lauschen - ein schönes Ende eines Gottesdiensttests. Bewertung: Eine gute Möglichkeit zum Genießen und Nachdenken.

7. Ambiente

Hell, luftig, modern - bin ich bei Ikea? Tatsächlich ist der Gottesdienstraum sehr einladend und ohne großen Schnickschnack. Die hellen Fliesen geben die Richtung vor, sie treffen am Pult aufeinander - und in diesem Halbrund stehen die Stühle in Reihen. Ein Sträußchen rosa Hortensien ist der einzige aktuelle Schmuck, genähte Fahnen im Hintergrund erinnern kunterbunt an Kirchenfenster. Bewertung: Der Raum strahlt Offenheit und Klarheit aus - hier kann man durchatmen.

8. Kirchenbänke

Gibt es nicht! Die Stühle sind in Halbkreisen angeordnet und nicht aneinandergehängt, so dass dem Einzelnen die Freiheit bleibt, den Stuhl ein wenig in alle Richtungen rücken zu können. Die Möbel sind bequem und haben im Rücken eine Ablage fürs Gesangbuch, Handtaschen hängen locker über den Lehnen - so kann man sich gut konzentrieren, ohne dass einem die Füße einschlafen. Bewertung: Hier lassen sich auch längere Gottesdienste "aussitzen".

9. Beleuchtung Der Gebetsraum in der Auferstehungskirche ist etwas Besonderes. Sehr schlicht gehalten dominieren im Raum die vier riesigen Fenster, die vom Boden bis unter die Decke reichen. Das natürliche Licht von zwei Seiten gibt dem Raum Strahlkraft. Und der Blick der Gläubigen fällt hinaus in die Wipfel der Bäume auf dem abschüssigen Kirchengrundstück. Bewertung: Diesen Architekten sollte der Pfarrer regelmäßig in seinem Abendgebet danken.

10. Sinne In einem evangelischen Gotteshaus geht es nicht darum, Sinne anzusprechen, sondern dem Geist eine Botschaft zu vermitteln. Dennoch schweift ab und zu das Auge ab, hinaus in die Natur rund um das Gotteshaus - es dürfte nicht anders sein, denn das macht den Gottesdienst sinnlich. Bewertung: Der Blick hinaus beruhigt.

Warum ein Gottesdiensttest:

Die Ergebnisse unserer Gottesdiensttests, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten. Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de. Zum Abschluss der Testserie werden unsere beiden Experten Martin Stuflesser und Martin Nicol am 1. November Bilanz ziehen.

Alle Tests werden auf unserem Internetportal unter Gottesdiensttest gesammelt.

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