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Auch Musik hat klein angefangen

Der A-Cappella-Chor "Vox clamantis" aus Tallinn zeigte, wie die Gregorianik bis in die Gegenwart hinein gewirkt hat - und stieß auf begeistertes Interesse.
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Der zwölfstimmige A-cappella-Chor "Vox clamantis" aus Tallinn und sein Gründer und Leiter Jaan-Eik Tulve in der Erlöserkirche. Foto: Gerhild Ahnert
Der zwölfstimmige A-cappella-Chor "Vox clamantis" aus Tallinn und sein Gründer und Leiter Jaan-Eik Tulve in der Erlöserkirche. Foto: Gerhild Ahnert
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Man konnte sichdas alles gar nicht so recht in einem Konzert vorstellen: gregorianische liturgische Gesänge. Dazu sind sie vielleicht schon viel zu weit von uns weg. Aber weil vielleicht viele andere auch so dachten und neugieirg wurden, war die Erlöserkirche erstaunlich voll, als das Konzert begann. Und das Fazit: So weit weg von uns ist sie gar nicht. Manches, was man da hörte, hört und singt man auch heute noch im Gottesdienst - wie etwa das Kyrie eleison..
Das Konzert hätte nicht besser platziert werden können: der A-cappella.-Chor "Vox clamantis" mit seinem Gründer und Leiten Jaan-Eik Tuulve in der neoromanischen Erlöserkirche mit ihrer ein bisschen mystisch verklärenden Akustik - aber trocken genug für das Verständnis - und mit ihrem etwas ramponierten inneren Outfit. Schließlich waren die Kirchen vor 1000 Jahren auch nicht immer frisch gestrichen.
Der Chor ist ein tollen Ensemble: sechs Frauen und sechs Männer, die absolut tonrein und instrumental ohne jedes Tremolo singen können und sich auch durch harmonische Querstände nicht irritieren lassen. Die aber auch brummen und pfeifen können wie eine kleine mittelalterliche Orgel und so, wenn erforderlich, zunächst einmal absolut irritierende harmonische Grundlagen liefern.
Das programmatische Zeitfenster spannte sich über 1000 Jahre , beginnend mit gregorianischen Antiphonen oder Gegengesängen, einem Introitus und anderen Beispielen, die gerade in ihrer Einstimmigkeit viel erahnen ließen von der mystisch-meditativen Kraft dieser Musik.
Ein erster stilistischer Sprung führte zu den legendären Franzosen Perotin und Binchois (gest. 1460), bei dem die Musik schon emotionale , vom Chor mit plastischer Dynamik ausgestaltete Bereiche erfasste . Und dann zu dem Anfang des 20. Jahrhunderts die gregorianische Tradition fortsetzenden Esten Cyrillus Kreek mit seinen Liedern und Psalmvertonungen.
Die Verbindung von gregorianischer Stilistik und modernen Klangvorstellungen brachte schließlich Arvo Pärt in die Gegenwartsmusik, von dem der Chor fünf Sätze sang. Am nachhaltigsten in Erinnerung dürfte ein Gebet mit dem Titel "The Deer's Cry" sein. Das soll ein irischer Mönch, der heilige Patrick, um 433 geschrieben haben, bevor er mit 20 Mitbrüdern zu einem Marsch aufbrach, der durch einen Wald führte. Dort, und das wusste er wohl, sollten Männer warten, die sie überfallen und töten sollten. Als die Mönchen in den Wald kamen und das Gebet anstimmten, sollen sie der Legende nach in ein Reh und 20 Kitze verwandelt worden sein - und waren damit für die Wegelagerer uninteressant. Gut, dass dass damals funktioniert hat. Gut aber auch, dass es nicht jedes Mal funktioniert, wenn das Gebet gesungen wird.
Arvo Pärt hat davon 2007 eine raffinierte Vertonung angefertigt. Es beginnt mit dem kurzen "Christ with me", das zunächst einstimmig und mit deutlichen Pausein gesungen wird. Aber dadurch, dass die Anrufungen immer länger und es immer mehr Stimmen werden, verdichtet sich der Gesang in spektakulärer Weise. Miz zwei Kompositionen von Helena Tulve ("O tervitatud, Maarja, 2007) und von Tönis Kaumann ("Ave Maria", 2013) machte "Vox clamantis" eindrucksvoll deutlich, dass es zumindest in Estland mit der gregorianischen Tradition wohl noch ein Weilchen weitergeht.
Zwei Zugaben sang der Chor: ein altes hebräisches und ein estnisches Lied.
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