Bad Brückenau
Vortrag

"Arbeit ist die zentrale Aufgabe"

Der Infrastrukturplaner Jens-Martin Gutsche referierte über das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept.
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Schwindende Geburtenzahlen und dann auch noch Landflucht, resultierend in einem deutlichen Zuwachs der älteren Generation - diesem demographischen Problem stehen nicht nur alle acht Gemeinden der Rhönallianz gegenüber. Auch die Altersstruktur der zum Vortrag von Infrastrukturplaner Jens-Martin Gutsche über das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept (ILEK) erschienenen Menschen war eher 50+, die Jüngeren allesamt dienstlich da.
Die Zahlen zeigen eine harte Prognose: Bis zum Jahr 2021 wird der Altlandkreis circa 1500 Einwohner verlieren, das entspricht einer Gemeinde. Die "Verluste" liegen eindeutig bei den 18- bis 50-Jährigen - in mancher Gemeinde liegt der Rückgang bei 39%. Bei den Älteren gibt es in jeder Kommune "Gewinne", wie es im Statistik-Deutsch heißt. Ein "typisches Muster" nannte Gutsche den Knick bei den 18- bis 25-Jährigen, die zur Ausbildung in die Städte ziehen.
Wichtig und spannend sei die Frage, wie man diese wieder zurückgewinnen kann.
"Erschlagend" nannte Gutsche die Fülle an Daten, Zahlen und Problemen, die aber auch "viel Arbeit für verantwortungsbewusste Kommunalpolitik" darstellten. Um die Vielschichtigkeit der Problematik etwas zu vereinfachen, teilte Gutsche seine Ausführungen zur Daseinsvorsorge auf drei Altersgruppen auf. Bei den Jugendlichen bis 18 Jahre gelte es, die Bereiche Kindergarten, Schule, Jugendtreffs und Ferienbetreuung zu betrachten. "Arbeit ist die zentrale Aufgabe", sagte Gutsche. Der Bedarf an Kinderbetreuung korreliere mit der Anzahl der arbeitenden Mütter. Was wann in welchem Umfang und mit welchen Konsequenzen zu tun sei, sei für alle Gemeinden schwierig. Was die Situation der Schulen auf dem Land angehe, liege geradezu "Sprengstoff in der Problematik der rückgängigen Schülerzahlen". Von den Grundschulen bis zu den weiterführenden Schulen aller Art müsse mit erheblichen Einbußen in den Schülerzahlen gerechnet werden. Diese Thematik ziehe eine Gefährdung elementarer Bereiche nach sich. Für die Jugendlichen sei das Thema Mobilität von besonderem Interesse. Hier müsse mit der ÖPNV kooperiert werden, um die Jugend an den ländlichen Raum binden zu können.
Bei der großen Gruppe der 18- bis 65-Jährigen seien natürlich Arbeit sowie die Baulandnachfrage von zentraler Bedeutung, aber auch die Feuerwehren müssen sich mit dem ausbleibenden Nachwuchs befassen.
Bei der Generation der über 65-Jährigen nannte Gutsche seniorengerechtes Wohnen, den erhöhten Pflegebedarf und die ärztliche Versorgung als die wichtigsten Themen. Die Älteren haben oft den Wunsch, eine kleinere Wohnung zu mieten, nicht selten sogar in die Stadt zu ziehen. Dies sei besonders bei Senioren aus den Gemeinden zu beobachten, die schlecht ausgestattet seien.

Mehr Patienten

Im Bereich der ärztlichen Versorgung treffen sogar zwei Probleme aufeinander. Die höher werdende Patientenzahl und der Altersdurchschnitt der Mediziner, inzwischen stellen die über 60 Jahre alten Ärzte schon 30%. Diese können ihre Praxis oft nicht weitergeben, jüngere Ärzte bevorzugten Stellen in der Pharmaindustrie, in Krankenhäusern oder eröffneten ihre Praxis in einer größeren Stadt. Frustrierend für Kommunen sei diese Thematik vor allem, weil sie hier nur geringe Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten hätten, Krankenkassen und Gesundheitsministerium gäben die Richtlinien vor.
Die Infrastruktur stelle das nächste Problemfeld dar. Bei der sogenannten Punkteinfrastruktur wie Kindergärten können die Kosten entsprechend der Nachfrage zurückgedreht werden. Bei der Netzinfrastruktur wie Wasserkanälen, Straßen und Breitbandversorgung bleiben die Kosten trotz sinkender Einwohnerzahlen bestehen. Riskant sei es laut Gutsche, mit mehr Netzinfrastruktur die Einwohner halten zu wollen.
Ob bei den Kindergartenplätzen, der ärztlichen Versorgung oder der Nahversorgung - die Rhönallianz befinde sich noch "deutlich besser ausgestattet als viele andere Gemeinden". Doch dürfe man sich im Sinne der folgenden Generationen nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Mit dem Drei-Punkte-Plan "profilieren - konzentrieren- kooperieren" haben laut Jens-Martin Gusche die Gemeinden die Möglichkeit, flexibel auf den demographischen Wandel reagieren zu können. Gutsche schloss seinen Vortrag mit dem Zitat eines Landrats aus Schleswig-Holstein: "Endlich wird Kommunalpolitik richtig wichtig!"
Sabine Müller-Herbers vom Baader Konzept nannte den guten Standort und die gute Landschaft als positiv darzustellendes Potenzial. Kommunalpolitiker müssen zusammen mit einer breiten Bürgerbeteiligung die Organisation und Finanzierung von Projekten sicher stellen. Die Brückenauer Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) kritisierte, dass konkrete Vorhaben nur schwer in die vorherrschenden Rahmenbedingungen einzufügen seien. Weil diese oft "an der Realität vorbei" gingen, würden viele Projekte nicht bewilligt. Daniela Kircher von der Regierung Unterfranken entgegnete, es seien viel mehr Möglichkeiten vorhanden, man müsse sie nur nutzen.
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