Bad Brückenau
Tragödie

Amoklauf in den USA wird auch in Bad Brückenau thematisiert

An einer Grundschule in den USA bringt ein Mann 20 Kinder um. Die Frage nach dem Warum beschäftigt nicht nur Erwachsene. Im Religionsunterricht spricht Hannelore Roth das Thema an.
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Lebhafte Diskussion: Die Viertklässler der Grundschule Bad Brückenau greifen im Religionsunterricht aktuelle Ereignisse auf. Foto: Ulrike Müller
Lebhafte Diskussion: Die Viertklässler der Grundschule Bad Brückenau greifen im Religionsunterricht aktuelle Ereignisse auf. Foto: Ulrike Müller
Als Hannelore Roth die drei Kerzen auf dem Adventskranz anzündet, werden die Kinder auf einmal ganz still. Die Lehrerin nimmt ihre Gitarre und stimmt das Lied an, dass die Viertklässler bis Weihnachten begleitet. "Wir sagen euch an den lieben Advent", singen die Kinder mit ihren zarten Stimmen. Je weiter die Strophe, desto unsicherer der Text, aber beim Refrain sind alle wieder dabei. Dann legt die Lehrerin die Gi tarre beiseite.

Sie schaut die Kinder an, die im Stuhlkreis um den Adventskranz sitzen. "Freut euch ihr Christen, freuet euch all - das haben wir eben gesungen", sagt sie. "Aber es können sich nicht alle Menschen freuen. Wisst ihr, was passiert ist?" Einige Finger schnellen in die Höhe. "In Amerika hat ein Mann viele Kinder erschossen", sagt Noël. Roth gibt ihm einen Stein, der genau in seine Kinderhand passt. Von nun an geht der Stein von Kind zu Kind.
Wer ihn gerade in der Hand hält, darf reden.

"20 Kinder hat der Mann erschossen und dann noch sieben Erwachsene", erzählt Noël. Aufgeregt reibt er den Stein zwi schen seinen Händen. Die Bilder hat er im Fernsehen gesehen, erzählt der Junge später. Da haben Kinder geweint. Dann wandert der Stein weiter. "Seine Mama hatte viele Pistolen. Frü her hat sie ihn immer zum Schießen mitgenommen", sagt Elise, die die Nachricht im Radio gehört hat. "Zuerst hat er seine Ma ma erschossen und dann auch noch die anderen." Und Daniel ergänzt: "Ich glaube, der Direktor und sein Stellvertreter und so ein Psychotherapeut sind auch ge storben."

Die Suche nach den Gründen

Was die Kinder erzählen ist nicht neu. Seit Tagen laufen die Schreckensmeldungen von dem Amoklauf in der Grundschule in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut über die Bildschirme. Aber aus dem Munde der Grundschüler klingt das, was da passiert ist, noch unfassbarer. "Ich musste sofort an Erfurt denken", schildert Roth ihre Be troffenheit, als sie von der Bluttat erfuhr. Dort hatte es im Jahr 2002 einen Amoklauf gegeben, bei dem 17 Menschen den Tod fanden. Als Lehrerin für evangelische Religion ist es ihre Aufgabe, mit den Kindern über das Unsagbare zu sprechen. Doch nicht mit allen Kindern. "Bei meinen Erstklässlern habe ich das Thema nicht angesprochen." Das wäre noch zu früh.

"Warum eigentlich?" Alina ist es, die diese Frage als erstes stellt. Aber auch andere Kinder beschäftigen ähnliche Fragen. "Was denkt der sich dabei, auch noch seine Eltern sterben zu lassen?", fragt zum Beispiel Jessica. Wenn es Antworten gäbe, Han nelore Roth würde nicht zö gern und die Fragen der Kinder beantworten. So bleibt ihr nur, gemeinsam mit ihnen nach Erklärungen zu suchen.

"Vielleicht hat der Mann so Spiele gespielt. Am Computer, wo man Men schen umbringen kann. Und dann wollte er das eben in echt erleben", spekuliert Noël. "Daran habe ich auch schon gedacht", antwortet Roth und fügt hinzu. "Aber im Spiel stehen die Leute immer wieder auf." "Hier nicht, das war echt", sagt Daniel.
Ein kleines Mädchen, das ei nen rosa Pullover trägt, sagt: "Vielleicht ist in seiner Kindheit etwas Schlimmes in der Schule passiert, dass er die Schule jetzt kaputt machen wollte." "Vielleicht haben seine Eltern ihn geschlagen", überlegt ein anderes. Vielleicht. "Manche Menschen machen so was nur, weil es ihnen Spaß macht." Vielleicht auch das.

"Vielleicht war er krank", sagt die Lehrerin. "Ja, es gibt Leute, die sich nicht kontrollieren können", erzählt Katrin. Aber so richtig zufrieden mit den Antworten scheint keines der Kinder zu sein.

Jeder kann etwas tun

Als der Stein seine Wanderung durch die Kinderhände beendet hat, fasst Hannelore Roth noch einmal alles zusammen: "Ihr habt viele Gründe genannt, war um das vielleicht passieren konnte", sagt sie zu den Kindern. "Aber was können denn wir tun?" Gracia meldet sich. "Nicht streiten!" "Aber noch niemand hat nie gestritten", gibt Daniel philosophisch zurück. "Viele von uns sind doch Streitschlichter", wirft Sophia ein. "Da lernen wir, wie der an dere sich bei einem Konflikt fühlt." Genau. "Und unser Mot to", meldet sich Elise eifrig. "Streit vermeiden - Freunde bleiben!"

"Ich denke, da können wir einiges tun, wenn wir achtsam sind auf unsere Mitmenschen", sagt Roth zum Abschluss der Runde. Denn was in Newtown passiert ist, kann jederzeit pas sieren. Auch hier bei uns.

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