Bad Kissingen
Interview

Allergien bergen noch viele Rätsel

Dr. Sven Steinbach, Chefarzt der Pneumologie am "Eli", und Lungenarzt Dr. Stephan Bleistein sprechen im Interview über die unterschätzte "Volkskrankheit".
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Dr. Stephan Bleistein erklärt am Modell, wie Allergien auf die Lunge wirken.  Fotos: Markus Klein
Dr. Stephan Bleistein erklärt am Modell, wie Allergien auf die Lunge wirken. Fotos: Markus Klein
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Am Samstag den 19. September ist deutschlandweiter Lungentag, Allergien sind das diesjährige Motto. Im Helios St. Elisabeth Krankenhaus in Bad Kissingen erklären die Ärzte Sven Steinbach und Stephan Bleistein, warum man Allergien nicht unterschätzen sollte, warum Allergologen auch Hobbydetektive sind und was bis heute die großen Rätsel bleiben.

Warum sind Allergien das Thema des diesjährigen Lungentages?
Stephan Bleistein: Allergien sind für die Lunge ein sehr wichtiges Thema. Sie nehmen seit den 60er Jahren dramatisch zu.

Liegt das auch an verbesserten Diagnosemethoden?
Bleistein: Sicherlich liegt es auch daran, dass die Erkennungsmöglichkeiten besser geworden sind. Es gibt aber auch viele Ursachen, die wir noch nicht hundertprozentig kennen. Wahrscheinlich liegt es an der Umwelt, möglicherweise auch am Klimawandel. Die Pollensaison ist wesentlich länger geworden. Möglicherweise liegt es auch an der westlichen Lebensweise, also etwa "Couch-Potatoes". Man weiß zum Beispiel, dass bei Kindern die Innenraumallergene schon im Säuglingsalter stark zunehmen. Man hat herausgefunden, dass das Erdnuss allergen in vielen Wohnungen nachweisbar ist. Einfach dadurch, dass man auf dem Sofa Erdnüsse isst - und die Kinder die Reste und Krümel anfassen. Und dann haben wir hinterher eine Erdnussallergie.

Weiß man etwas über den Zusammenhang von Allergien und dem Rauchen?
Bleistein: Sicher weiß man nur, dass in Raucherfamilien Allergien häufiger vorkommen als bei Nichtrauchern.
Sven Steinbach: Rauchen wirkt sich generell negativ auf den Körper aus, egal bei welcher Erkrankung. Therapien werden schlechter vertragen, der postoperative Verlauf ist komplizierter und gerade beim Asthma ist das Rauchen natürlich völlig kontraproduktiv, da verschlimmert es dann die Erkrankung.

Welche medizinischen Fortschritte gab es in den letzten Jahren bei den Allergien?
Bleistein: Es ist noch gar nicht so lange her, seitdem man weiß, dass es eine Hausstaubmilbenallergie gibt. Das war so vor 20 Jahren. In den letzten Jahren kam noch die molekulare Allergiediagnostik hinzu. Das heißt: Wir haben zum Beispiel Birkenpollenallergiker. Doch gibt es verschiedene Allergen-Gruppen in den Birkenpollen, die stärkere oder schwächere Allergien auslösen können. Da kann man inzwischen unterscheiden: wenn ich dieses Molekül habe, ist es eine Birkenallergie, das andere ist eine Kreuzallergie zu anderen Pollen. So kann man den Patienten dann auch sicherer behandeln. Das ist wichtig und bringt für die Diagnostik der Behandlung große Vorteile.

Welche Allergien sind besonders gefährlich oder unterschätzt?
Steinbach: Der Heuschnupfen wird meist unterschätzt. Also viele sagen: "Mit Schnupfen einmal im Frühjahr kann ich gut leben." Aber ein solcher Schnupfen kann sich chronifizieren und zum Asthma auswachsen. Dabei gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten für Heuschnupfen, zum Beispiel eine Immuntherapie. Häufig äußern sich Allergien auch sehr ungenau. Also bei Hautausschlägen, chronischem Husten oder Schnupfen muss man als Arzt auch daran denken, dass das eine Allergie sein kann.
Bleistein: Man kann auch mehrere Allergien haben und da muss man als Arzt dann ein bisschen Detektivarbeit leisten, um rauszukriegen, was relevant ist und wo man etwas machen kann.

Wie geht man vor, wenn man glaubt eine Allergie zu haben?
Bleistein: Der Hausarzt schätzt erstmal ein, ob die Symptome verdächtig sind. Ist es ein Heuschnupfen, könnte das auch schon Asthma sein und dann wird er weiter verweisen. Bei Atemwegserkrankungen sind die Lungenärzte dann die kompetenten Ansprechpartner - die in den allermeisten Fällen auch Allergologen sind. Weitere Ansprechpartner sind HNO-Ärzte und Dermatologen.

Der Lungentag wird dieses Jahr von der "Aktion Allergiezeugen" begleitet. Fach- und Patientenorganisationen wollen damit auf die angeblich unzureichende Versorgung aufmerksam machen. Was läuft denn schief?
Bleistein: Ein Problem ist im Moment, dass die Allergien nicht richtig ernst genommen werden. Allergien sind eine Volkskrankheit. 20 Prozent der Kinder sind Allergiker, bei den Erwachsenen sind es über zehn Prozent. Eine Allergieneigung haben fast die Hälfte der Deutschen. Das ist auch volkswirtschaftlich interessant. Trotzdem muss man zum Beispiel Allergiemedikamente in der Apotheke selbst kaufen. Daran sieht man, dass das nicht ernst genommen wird. Auch im Rahmen der ganzen Gesundheitsreformen wurde die Diagnostik der Allergie immer mehr zurückgedrängt. Sich als Arzt ausgiebig mit Allergien zu beschäftigen wird kaum honoriert.

Kinder haben deutlich häufiger Allergien als Erwachsene. Lassen also Allergien mit der Zeit nach?
Steinbach: Das kommt auch vor, ja, aber einerseits leiden die Kinder ja unter dem Heuschnupfen und andererseits können Allergien im Alter auch noch neu auftreten, auch bei 60- bis 70-Jährigen. Man denkt oft, Allergien sind angeboren, aber das kann sich auch im späteren Alter entwickeln.
Bleistein: Man sollte das schon ernst nehmen, auch bei Kindern. Spätestens wenn sie das Schulalter erreichen, sollte man bei entsprechenden Symptomen auf Allergien testen. Denn ein Heuschnupfen geht zu 50 Prozent in Asthma über. Wenn man das aber rechtzeitig behandelt, kann man sozusagen den Etagenwechsel vermeiden. Und dazu braucht man eine rechtzeitige Diagnostik, denn wenn ich zehn Jahre warte, dann ist es meistens schon zu spät. Dazu kommt, dass es mit einer Allergie anfängt, beispielsweise Hausstaub oder Gräserpollen, und dann kommen immer mehr hinzu, die Birken-, die Kräuterpollen, und irgendwann reagiert man auf alles und dann wird es viel schwieriger zu behandeln. Man sollte also schon bei Kindern rechtzeitig auf typische Beschwerden achten. Wenn beispielsweise bei der Pollensaison zwei bis drei Jahre hintereinander Symptome auftreten, sollte man zum Arzt gehen und nachschauen.

Ist das Gerücht wahr, dass Kinder, die viel im Sandkasten und auf der Wiese spielen, sozusagen "im Dreck", seltener Allergien bekommen?
Bleistein: Also warum und woher Allergien kommen, warum der Eine eine Allergie kriegt und der Andere nicht, weiß man auch nach Jahrzehnten der Forschung nicht sicher. Man weiß aber seit etwa fünf Jahren, dass in der Stallluft Substanzen vorkommen, die Allergien verhindern können. Da ist man dran weiterzuforschen. Man weiß auch, dass Kinder, die in landwirtschaftlichen Umgebungen leben, meist weniger Allergien haben, allerdings nur, wenn eine Viehhaltung dabei ist. Hygiene kann auch ein Auslöser für Allergien sein. Ein gutes Beispiel ist das ehemals getrennte Deutschland: In der DDR gab es viel mehr Luftverschmutzung, andererseits auch Kinderkrippen und -horte, also mehr Kinder aufeinander, was es bei uns so nicht gab. Da hat man gedacht, dort gäbe es mehr Allergiker, aber das Gegenteil war der Fall. In der ehemaligen DDR gab es kaum Allergien. Und seit dem Mauerfall bis heute hat sich das vollkommen angeglichen. Also spielt eine hohe Hygiene möglicherweise eine Rolle. In diese Richtung wird geforscht.
Steinbach: Das Interessante bei Allergien ist ja, dass viele Mechanismen noch nicht bekannt sind. Warum eine Allergie entsteht, und was die genau macht weiß man nicht sicher. Selbst bei den Therapien weiß man nichts Genaues, sondern nur, dass sie helfen. Die Hyposensibilisierung zum Beispiel, die schrittweise höhere Verabreichung des Allergens, unter die Haut gespritzt oder als Tabletten, ist eine sehr wirksame Therapie. Aber den genauen Mechanismus wie so etwas funktioniert, kennt man gar nicht.

Das Gespräch führte Markus Klein.

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