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Bad Kissingen
Jazz breakfast

"Allein ist was ganz anderes"

Martin Tingvalls Inspiration kam aus seiner Heimat, aus der schönen, geheimnisvollen Natur Skandinaviens, wie viele seiner bisherigen Titel zeigen.
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Der Komponist und Jazzer Martin Tingvall  Foto: Gerhild Ahnert
Der Komponist und Jazzer Martin Tingvall Foto: Gerhild Ahnert

So ganz ausgeschlafen sei er noch nicht, meinte der schwedische Pianist Martin Tingvall bei seinem Auftritt am Sonntagmorgen im Kurgartencafé. Schließlich finden Jazz- oder Rock- oder Popkonzerte normalerweise in den Abendstunden statt. Zu späterer Stunde hat Tingvall auch schon im Rossini-Saal gespielt, 2014 etwa beim Winterzauber mit seinem Tingvall Trio. Jetzt trat er solistisch auf und meinte: "Allein ist was ganz anderes."

Martin Tingvall fand mit dem 2003 gegründeten Tingvall Trio zu seinem eigenen, unverwechselbaren Stil, weit weg von immer neuen improvisatorischen Auseinandersetzungen mit den Jazz Standards, Rock oder Folk Tunes. Seine Inspiration kam aus seiner Heimat, aus der schönen, geheimnisvollen Natur Skandinaviens, wie viele seiner bisherigen Titel zeigen. Von der rauen Weite Islands ließ er sich für ‚Distance‘ inspirieren für seine Musik, mit der er bewusst Distanz, ein Gegenbild zur Hektik unserer modernen Welt schaffen will.

Tingvall ist auch als Solist eher Komponist als Improvisator, auch wenn er in vielen seiner Stücke von einem Einfall, einer musikalischen Phrase ausgeht, sich dann improvisierend auf spannende Ausflüge begibt, bei denen er Rhythmen und Klangfärbungen mit ungeheurer Fantasie und Kombinationslust wechselt, von volksliedhaft-einfachem Ton zu heftig synkopierten Jazzrhythmen findet, um das Ganze dann häufig zu einem ruhigen, häufig versonnenen, meditativen Ende zu führen. Vieles klingt wie ein spontaner Einfall, doch beteuert er, dass die Musik, die er in dieser Matinee spielt, allesamt auf seinen Tonträgern zu finden ist.

Geschichtenerzähler

Tingvall erzählte kleine Geschichten zu einigen Titeln, etwa die von der durch einen unscheinbaren Riss im Reisepass gescheiterten Hochzeitsreise nach Jamaika. Mit heftigen aggressiven karibischen Rhythmen machte er seinem Frust darüber in ‚Debbie and the Dogs‘ Luft. Mit feierlichem Andante begann er ‚Dark Matter‘, das er für die Beerdigung der Mutter seines besten Freundes geschrieben hat. In ‚Kvällens sista dans‘ (Der letzte Tanz des Abends) erzählte die Musik in einer kleinen Karikatur von der tristen leeren Tanzfläche, bis der Pianist plötzlich noch einmal zu swingen beginnt und das Ganze in einem ruhigen Walzer endet. An den wichtigsten Tag im schwedischen Jahreskalender, den Mittsommertag, zu dem sich in einer Woche alle Schweden treffen, erinnerte Tingvall sein Publikum mit ‚Sa hissas flaggan pa midsommarafton‘ über das Hissen der Fahne zum Mittsommerfest. So beginnt die Feier in seiner Komposition mit volksliedhafter Nettigkeit, doch am Ende steht exzessive Wildheit, wohl das schwedische ‚Trotzdem!‘ angesichts der nahenden Dunkelheit.

Eingedampfte Version

Den Titelsong seiner neuen CD ‚Rocket‘ schrieb Tingvall eigentlich für drei bis vier Klaviere, stellte aber gezwungenermaßen seine eingedampfte Version für nur ein Klavier vor. Es gibt da sehr viele repetitive Momente, die zunächst an minimal music erinnern, dann eine laute und von Akkordblöcken begleitete Aufgipfelung erfahren, zu der er auch wie ein Rocksänger sang, und dann wieder zurückgenommen werden zu einem kleinen, harmlosen Liedchen.

Zwei Zugaben spielte Tingvall: Aus einer Melodie von fast Bachscher Klarheit entwickelte er zunächst eine differenzierte Improvisation, bei der er aus dem Vollen der europäischen Musiktradition schöpfte, bevor er zum wirklichen Abschluss eine ruhige, fast innige, liedhafte Komposition folgen ließ.