Bad Kissingen
Gericht

Abschluss der Beweisaufnahme, Urteil folgt am 11. Juni

In der Gerichtsverhandlung gegen einen Rentner aus dem Landkreis Bad Kissingen, der unter anderem fast 50 Reifen zerstochen haben soll, wird am Dienstag, 11. Juni das Urteil gesprochen. Hier ein Bericht über den zweiten Verhandlungstagen.
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In der Gerichtsverhandlung gegen einen Rentner aus dem Landkreis Bad Kissingen, der unter anderem fast 50 Reifen zerstochen haben soll, wird am Dienstag, 11. Juni das Urteil gesprochen. Arne Dedert dpa/lhe
In der Gerichtsverhandlung gegen einen Rentner aus dem Landkreis Bad Kissingen, der unter anderem fast 50 Reifen zerstochen haben soll, wird am Dienstag, 11. Juni das Urteil gesprochen. Arne Dedert dpa/lhe

Mit hoher Publikumsbeteiligung wurde zwei Wochen nach dem Prozessauftakt gegen einen Rentner aus dem Landkreis am Freitag die Verhandlung am Kissinger Schöffengericht fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hatte den 72-Jährigen wegen gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr in fast 50 Fällen von Reifenstecherei in Tateinheit mit Sachbeschädigung und wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Gewaltandrohung angeklagt.

Vor Beginn der Verhandlung erklärte der Verteidiger, dass die im Zeitungsbericht über den ersten Prozesstag beschriebene Sitzhaltung des Angeklagten kein Ausdruck von vermeintlich fehlendem Interesse am Prozessablauf sei, sondern wegen mehrerer Bandscheibenvorfälle gegeben. Der Richter bot dem Angeklagten deshalb an, im Bedarfsfall auch aufstehen oder um Verhandlungsunterbrechung bitten zu dürfen. "Ich habe damit kein Problem."

Wie schon am ersten Verhandlungstag wurde auch diesmal eine Reihe von Zeugen zu den Punkten der Anklage befragt. "Was geschieht, wenn ich hier aussage?", fragte eine Fahrerin des Malteser-Hilfsdienstes als erste Zeugin den erstaunten Richter. Denn schon einmal war ihr Kleinbus außen zerkratzt worden, doch der Vorfall war nicht Gegenstand dieser Verhandlung. "Ich muss damit rechnen, dass es nach meiner Aussage wieder passiert", äußerte sie ihre Besorgnis, bevor sie mit ihrer Aussage begann.

An mehreren Tagen habe der Angeklagte - "Er ist im Ort nicht besonders beliebt, weil er schon mehr angestellt hat." - sie bei der Einfahrt in den Vier-Seiten-Hof abgepasst, wo sie ein Schulkind ins elterliche Haus entlassen wollte. Er habe auf sie bedrohlich gewirkt, erzählte die Zeugin vor Gericht, und sei an einem Tag sogar handgreiflich geworden. "Die Kinder im Bus hatten Angst, und ich hatte selbst Angst." Als sie ihn warnte, die Polizei zu holen, habe der Rentner so oder ähnlich gedroht: "Dem ersten Polizisten, der herkommt, schlage ich den Schädel ein." Ihre Behauptung, diese Aussage könnten Mutter und Bruder des Kindes bezeugen, musste sie auf Nachfrage von Richter und Verteidiger allerdings zurücknehmen. "Nur die Kinder im Bus haben es gehört."

Die Mutter und ihr erwachsener Sohn konnten dann doch nicht viel zur Klärung des Vorfalls beitragen. Die Nachbarin bestätigte zwar das zerrüttete Verhältnis zum Angeklagten: "Er fängt immer Streit an." Doch weiter wussten Mutter und Sohn nichts beizutragen: "Ist schon so lange her." Der Richter sah sich bei der Befragung des Sohnes sogar in der Pflicht, ihn ernsthaft zu ermahnen: "Ich mag es nicht, wenn man mich veralbert." Dennoch blieb der junge Mann bei seinem Schweigen, zuckte mit den Schultern oder widersprach sogar eigenen Aussagen, die ihm der Richter aus dem polizeilichen Vernehmungsprotokoll von Januar 2018 vorhielt.

Die Komplexität der zur Verhandlung stehenden Anklage in Kenntnis anderer Vorfälle, an denen der Angeklagte beteiligt war, machten dem Gericht die Verhandlung schwer. So verlas der Vorsitzende "nur zur Abrundung" zwei anonyme Schreiben, die dem Angeklagten zugeordnet werden. In einem wurde die Tochter der Nachbarn der Prostitution beschuldigt, in einem anderen der Vater angeschwärzt, trotz Krankschreibung mit dem Pkw unterwegs zu sein.

Eine interessante Wendung nahm die Anhörung einer Polizistin, die mit Kollegen im Januar 2018 den Wagen des Angeklagten durchsucht hatte. Gefunden wurde eine Schuster-Ahle als mögliches Tatwerkzeug zur Reifenstecherei sowie andere verdächtige Werkzeuge. Im Handschuhfach wurden echte und kopierte Visitenkarten des Polizei-Dienststellenleiters sowie andere Fälschungen von Dokumenten gefunden. Doch weniger diese Fundsachen und deren Verwendungszweck schienen vor Gericht interessant als vielmehr die Frage, ob die Polizei sich zuvor einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss hätten besorgen müssen. "Der Angeklagte hat die Sicherstellung der aufgefundenen Gegenstände unterschrieben und schien auch mit der Durchsuchung einverstanden", rechtfertigte sich die Polizistin. Nach ihrer Aussage, es sei damals auch keine Belehrung des Angeklagten durch die Polizei erfolgt, beendete der Richter diese juristische Debatte mit den Worten: "Wir müssen uns hier auf die Fakten beschränken."

Nach Anhörung letzter Zeugen schloss der Richter die Beweisaufnahme. Die Verhandlung wird am Dienstag, 11. Juni, mit den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger sowie dem Urteil des Schöffengerichts abgeschlossen.

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