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Bad Brückenau
Versorgung

Zu viele Kinderärzte?

Nach der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es im Landkreis genug Kinderärzte. Doch Eltern im Altlandkreis sehen das anders.
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Der Allgemeinmediziner Dr. Cosmas Wildenauer hat einen Ausbildungsabschnitt in einer Kinderarztpraxis absolviert. Vor kurzem hat er die Praxis seines Vaters übernommen. Seitdem wächst die Anzahl an jungen Patienten kontinuierlich an.  Foto: Julia Raab
Der Allgemeinmediziner Dr. Cosmas Wildenauer hat einen Ausbildungsabschnitt in einer Kinderarztpraxis absolviert. Vor kurzem hat er die Praxis seines Vaters übernommen. Seitdem wächst die Anzahl an jungen Patienten kontinuierlich an. Foto: Julia Raab
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Lebt eine Familie auf dem Land, müssen viele Überlegungen getroffen werden, die zumeist die Entfernung betreffen. Wie weit ist es zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule? Wohin gehe ich, wenn mein Kind krank ist oder die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht?
Nach einer aktuellen Veröffentlichung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayern ist die kinderärztlichen Versorgung im Landkreis Bad Kissingen sehr gut: 120 Prozent lautet die überaus positive
Zahl des Versorgungsgrades. Doch die Statistik scheint nicht die Realität wiederzugeben, denn viele Eltern in Bad Brückenau beklagen, dass es keinen Kinderarzt gibt. Nach Bad Kissingen, Hammelburg oder Fulda müssen sie fahren, um eine pädiatrische Behandlung zu bekommen. Im Krankheitsfall kaum zu schaffen, vor allem, wenn die Familie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.
Das Problem an den Zahlen der KV: Ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent darf sich kein Facharzt dieser Richtung in der Region niederlassen. Die KV, die für den Verteilungsschlüssel zuständig ist, hat das Problem erkannt, doch muss sie sich an die Vorgaben von Bundesebene her halten. "Die Kritik ist vollkommen berechtigt, dass es vielerorts eine Versorgungslücke gibt und die Statistiken nicht die Realität widergeben", erklärt eine Sprecherin der KV Bayern auf Anfrage. Die regionale Politik müsse ihren Vertretern in Berlin die Dringlichkeit der Versorgungslücke klarmachen, denn nur das höchste Gremium, der Bundesausschuss, könne eine Veränderung in Gang bringen. Die KV sei an diese Vorgaben gebunden. Und es kommt ein weiteres Problem hinzu. Denn von den fünf niedergelassenen Kinderärzten im Landkreis sind zwei über 60 Jahre alt.
Währenddessen übernehmen viele Hausärzte in der Region die kinderärztliche Versorgung, die jedoch an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. "Die Behandlung und Betreuung von Kindern erfordert eine andere Herangehensweise in den Untersuchungstechniken, Diagnostik und Therapie. Für eine Allgemeinarztpraxis bedeutet dies durchaus einen höheren Zeitaufwand für Arzt, aber auch für Arzthelferinnen", erklärt Dr. Christina Wirth, die im Staatsbad mit Dr. Streit und Dr. Kleinhenz eine Gemeinschaftspraxis führt. Durch den Ausbildungsabschnitt während ihrer Facharztweiterbildung zur Allgemeinmedizin in einer Pädiatriepraxis, sei der Anteil ihrer Patienten unter 18 Jahren im Vergleich mit anderen Allgemeinmedizinern relativ hoch und liege bei über 50 Prozent. "Doch im Hinblick auf die Altersstruktur der Bad Bückenauer Hausärzte wird es zwangsläufig in Zukunft zu einem Engpass kommen, auch in der pädiatrischen Versorgung", sagt Christina Wirth.


Keine neuen Patienten

Derya Stein (Oberleichtersbach) geht mit ihren beiden Kindern in ihre Praxis: "Ich mache alle Vorsorgeuntersuchungen bei Frau Dr. Wirth im Staatsbad. Nach Bad Kissingen zum Kinderarzt fahre ich nicht, denn mit zwei Kindern muss man sehr oft zum Arzt und das ist einfach zu weit." Tatsächlich kommen viele Eltern nicht mehr in die allgemeinärztliche, örtliche Versorgung mit ihren Babys hinein, wie zum Beispiel Julia Trompeter aus Römershag. "Mit Adele kam ich nicht bei den Hausärzten in Bad Brückenau unter. Sie nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Außerdem ist mir die kinderärztliche Betreuung sehr wichtig, so dass ich zu Dr. Khazim nach Hammelburg fahre. Das ist schon ein Aufwand. Aber ich versuche immer, dorthin zu fahren. Wenn meine Tochter nur ein wenig krank ist, dann gehe ich durchaus auch mal zu Dr. Conze und Dr. Mahlmeister nach Schondra", sagt Julia Trompeter. Auch bei der Stadt sieht man den Bedarf an kinderärztlicher Versorgung, versichert der zweite Bürgermeister Jürgen Pfister. In Zukunft werde das ein wichtiges Thema sein.
Alena Litau aus Bad Brückenau sagt: "Mit meinen Kindern bin ich seit über 13 Jahren in der Gemeinschaftspraxis Dr. Hagitte, Dr. Nelkenstock und Dr. Abert. Wir fühlen uns dort sehr gut betreut. Da wir oft kein Auto zur Verfügung haben, sind wir auch darauf angewiesen, in Bad Brückenau einen Arzt für die Kinder zu haben. Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass die Hausärzte die U-Untersuchungen der Kinder machen."
Einen kleinen Lichtblick gibt es: Cosmas Wildenauer hat die Nachfolge seines Vaters, des Allgemeinmediziners Wolfgang Wildenauer angetreten. So kommt ein weiterer, junger Allgemeinmediziner hinzu, der in seiner Ausbildung in einer Kinderarztpraxis in Würzburg tätig war. "Seitdem ich in der Praxis arbeitete, bemerken wir schon einen Anstieg an jüngeren Patienten, und wir haben auch noch Kapazitäten frei", erklärt er.
Er sehe ebenso die Schere der Bedarfsplanung der KV und kritisiert, dass sie nicht die räumliche Verteilung der Ärzte wiedergebe. Denn im Raum Bad Brückenau fehle seiner Meinung nach definitiv ein Kinderarzt. "Das war auch mein Ziel gewesen, die Lücken in der Kinderversorgung zu schließen, dementsprechend wurde die Praxis kindgerecht umgestaltet", erklärt er.
Barbara Schubert (Bad Brückenau) wird mit ihrer Tochter zu ihm wechseln: "Nach Bad Kissingen ist die mir die Fahrzeit zu lange, wenn Leni mal wirklich krank ist. Deshalb fahren wir nach Schondra in die Allgemeinarztpraxis Dr. Conze und Dr. Mahlmeister. Dort sind wir sehr zufrieden, nur die Wartezeit ist mir persönlich zu lange. Deshalb wechseln wir künftig zu Dr. Wildenauer, der direkt um die Ecke in Bad Brückenau praktiziert." Dr. Wirth appelliert: "Die Politik sollte rechtzeitig und vorausschauend reagieren und sich nicht mit aktuellen Statistiken zufriedengeben, die die Realität nicht widerspiegeln können."
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