Frage: Wie war die erste Zeit in Indien?
Leoni Nelkenstock: Die ersten fünf Monate war ich in Chetput im Bundesstaat Tamil in Südindien. Das ist ein Dorf, in dessen Umgebung etwa 14 000 Menschen leben. Die Bevölkerung ist sehr arm, die Menschen leben in sehr einfachen Hütten, manchmal auch nur in Verschlägen auf engem Raum zusammen. Ich lebte dort in einer Gemeinschaft der Missionshelferinnen, die aus momentan 13 Schwestern, davon noch vier Novizinnen, besteht. Meine Einsatzstelle war das St. Thomas Hospital & Leprosy Centre in Chetput. Die meisten Schwestern arbeiten im Krankenhaus. Lediglich eine Schwester und eine Novizin sind für das Patenschaftsprogramm für Schulkinder aus armen Familien und das Heim für ehemalige Leprakranke, das "Holy-Family-Home", zuständig, in welchen auch ich mitarbeitete.

Wie sah die Arbeit dort aus?
Morgens lernte ich von 7 bis 8 Uhr mit den Kindern des Patenschaftsprogramms Englisch. Mir waren die Schüler zwischen der ersten und achten Klasse zugeteilt. Ich sollte sie englische Wörter buchstabieren lassen oder sie ihnen diktieren, was meiner Meinung nach nicht sehr effektiv ist. Denn auch wenn die Kinder die Wörter fehlerfrei buchstabieren und schreiben können, wissen sie doch meist nicht deren Bedeutung und sind nicht in der Lage, auch nur einfache Sätze zu bilden oder zu verstehen. Aber Lernen sieht hier in Indien nun mal etwas anders aus als bei uns. Zumindest in den kostenlosen Governmentschools wird von den Kindern lediglich das Auswendiglernen, nicht aber das Anwenden des Gelernten auf neuartige Situationen erwartet. Um 8 Uhr ging ich dann ins Holy-Family-Home, wo ich meistens alleine arbeitete. Hier brachte ich den Bewohnern das Frühstück aus der Krankenhausküche und Trinkwasser aus einem Brunnen auf dem Krankenhausgelände. Dann fütterte ich einen blinden Bewohner, der nur noch ein Auge hat. Anschließend machte ich die Betten und brachte, wenn nötig, Bewohner ins Krankenhaus. Wenn dann noch Zeit bis zur Pause um zehn Uhr blieb, strickte ich Kopfbedeckungen und Schals für sie. Für den Rest des Tages waren meine Aufgaben sehr verschieden. Ich begleitete die Schwestern bei dem, was so anstand, zum Beispiel bei Hausbesuchen.

Wie leben die Bewohner des Heims?
Die Bewohner haben aufgrund ihrer Krankheit ein von Verachtung, Ausbeutung, Respektlosigkeit und sonstigen schweren Schicksalsschlägen geprägtes Leben. Leprakranke gelten hier noch wie in der Bibel als unrein und werden ausgestoßen. Man merkt ihnen deutlich an, dass ihnen in ihrem Leben sehr wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. In ihrem Verhalten äußert sich oft, dass sie einfach mehr Liebe, Fürsorge oder Ansprache benötigen. Ich würde ihr Verhalten wirklich tierhaft und sehr befremdlich beschreiben.

Und wo in Indien bist du jetzt?
Seit dem 1. Februar lebe ich in Jawadhi Hills in einer Gemeinschaft der Missionshelferinnen, die momentan aus drei Schwestern besteht. Diese leiten ein Heim sowie eine Schule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Und sie kümmern sich um behinderte Menschen in der näheren Umgebung, indem sie diese regelmäßig besuchen und ihnen dabei helfen, ein halbwegs menschenwürdiges Leben führen zu können.

Wie kann man sich die Erziehung dieser Kinder vorstellen?
Ziel ist, dass sie einst möglichst eigenständig leben, denn sie können nicht ewig dort bleiben. Wenn die Kinder nicht irgendwann wieder in ihre Familien zurück können, sieht ihre Zukunft hier in Indien sehr düster aus. So oft habe ich schon erlebt, dass behinderte Kinder, die ihren Familien nichts ,bringen', einfach nicht gewollt sind. Weil sich die Kinder nicht lange konzentrieren können, findet am Tag nur eine Stunde Unterricht statt, wobei es auch in dieser kurzen Zeit schwierig ist, die Kinder dazu zu bringen, dass sie mitmachen.

Was sind deine Aufgaben?
Ich muss sagen, diese eine Stunde Unterricht brachte mich anfangs ganz schön ins Schwitzen. Mir wurden zwei der älteren Jungs zugeteilt. Den einen von ihnen fragte ich beispielsweise jeden Tag aufs Neue, in welchem Land, Bundesstaat, Regierungsbezirk und Dorf wir leben sowie nach dem Namen des Premierministers. Jeden Tag hatte er es wieder vergessen. Bei dem anderen Jungen ist es mir nur äußert selten mit viel Mühe gelungen, ihn dazu zu bringen, überhaupt etwas zu tun. Die ganze Zeit lenkte er sich mit irgendetwas anderem ab. Und gleichzeitig musste ich die anderen Kinder im Blick haben, dass sie sich nicht selbstständig an den Unterrichtsmaterialien bedienten und diese verschleppen, essen oder kaputt machen. Mit der Zeit machten die Jungs aber kleine Fortschritte, die für mich so motivierend waren. Nach etwa drei bis vier Wochen hatten sie doch tatsächlich alle ihre Aufgaben erfolgreich erledigt und ich bekam neue Schüler zugeteilt, ebenfalls zwei ältere Jungs. Mit ihnen ist es aber deutlich einfacher. Ihnen schreibe ich ihre Namen in tamilischen Schriftzeichen vor und lasse sie anschließend abschreiben. Den restlichen Tag heißt es dann nur noch mit den Kindern spielen, singen, tanzen, Reis sortieren oder helfen, wenn die Lehrerin mit ihnen Yoga macht.

Was hat Dich in Indien bisher am meisten bewegt?
Am Anfang war es schon aufregend, in diese fremde Kultur zu kommen und sich hier einzuleben - mit dem Gedanken, das ganze nächste Jahr hier zu verbringen. Und auch die Menschen sind einfach so anders hier. Sie haben eine ganz andere Mentalität, andere Interessen, Sorgen und Gedanken und können einen einfach überhaupt nicht verstehen. Mir sind so viele überraschende und aufregende, aber auch so viele schreckliche und abstoßende Dinge begegnet. Trotz Vorbereitung auf dieses Jahr konnte ich mir doch gar nichts vorstellen.

Hast Du Heimweh?
Natürlich habe ich auch gerade am Anfang hier ganz viel vermisst: meine Familie, meine Freunde, meine Bekannten und einfach das Leben in Deutschland, mit meinen Hobbys und den vielen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung - etwas, was hier einfach nicht existiert. Außerdem habe ich mir oft gewünscht, nicht als einzige deutsche Freiwillige in meinem Projekt zu leben.

Was hast Du bis zu deiner Abreise aus Indien noch alles vor?
Mitte August werde ich wieder nach Hause kommen. Bis dahin habe ich noch einiges geplant, denn bis jetzt habe ich eigentlich noch gar nicht viel von Indien gesehen, abgesehen von Tagesausflügen in der näheren Umgebung an meinen freien Sonntagen. Ende April wird mich eine andere Freiwillige hier besuchen, anschließend werde ich noch mit zu ihr fahren. Sie lebt etwa zehn Stunden mit dem Zug von mir entfernt, nahe der Großstadt Coimbatore. Eine Gegend, in der überwiegend Tee angebaut wird - das habe ich hier noch nie gesehen. Dann würde ich gerne noch eine andere Freiwillige besuchen. Sie lebt im Bundesstaat Maharashtra in der Nähe von Bombay. Wir freuen uns schon sehr auf deutsche Gesellschaft und darauf, nochmal etwas mehr von Indien und von der Kultur kennenzulernen. Indien ist ja so groß und so unterschiedlich. Eventuell besucht mich auch noch eine Schulfreundin hier. Und meine letzten Wochen werde ich mit meinen Eltern verbringen. Ich zeige ihnen die Projekte, an denen ich gearbeitet habe und werde anschließend wahrscheinlich mit ihnen in den Nachbarbundesstaat Kerala reisen.

Gespräch: Sabine Herteux