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Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Wie hätte ein Wunschkonzert 1890 im Radio geklungen?

Ein ungewöhnliches Quartett bot ein ungewöhnliches Programm mit dem Bassbariton Daniel Kotlinski.
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Präsentierten Schlager aus der Zeit vor 120 Jahren: der Geiger Feng Ning, der Pianist Donald Sulzen, der Bassbariton Daniel Kotlinski und der Cellist Danjulo Ishizaka. Foto: Ahnert
Präsentierten Schlager aus der Zeit vor 120 Jahren: der Geiger Feng Ning, der Pianist Donald Sulzen, der Bassbariton Daniel Kotlinski und der Cellist Danjulo Ishizaka. Foto: Ahnert
Nehmen wir doch einmal an, es hätte so um 1890 schon das Radio gegeben - die erste Sendung wurde 1923 von Königswusterhausen bei Berlin in den Äther geschickt. Und nehmen wir weiter an, es hätte damals schon jede Woche ein Wunschkonzert oder eine Schlagerparade gegeben. Wissen wir, was damals gesendet worden wäre, was damals die großen Hits gewesen wären?
Seit Sonntagnachmittag wissen wir es: Es wäre eine Mischung gewesen aus großen Gefühlen und etwas Kitsch, aus bohrendem Seelenschmerz, vor allem russischem, der umso besser ist, je tiefer er bohrt, und schwärmerischer Öffnung, aus Liebesglück und Liebesleid. Wir hätten erfahren, wie das ist, wenn die Geliebte einen Anderen hat, oder dass auch wir bald in der Urne liegen - ein Hinweis, der in der heutigen Schlagerszene eher selten ist.
Oder anders gesagt: Wir hätten das Wunschkonzert gehört, das der Pianist Donald Sulzen, der Geiger Feng Ning, der Cellist Danjulo Ishizaka und der Bassbariton Daniel Kotlinski im Rossini-Saal angerichtet hatten. Das war ein Programm, das es so eigentlich nicht gibt, dessen Realisierung man schon aus historischen Gründen als durchaus mutig und verdienstvoll bezeichnen kann. Das war eine seltene Gelegenheit, Musik zu hören, um die Veranstalter schon aus besetzungstechnischen Gründen lieber einen Bogen machen. Was schade ist, weil man sich bei aller Seelenpein auch sehr gut darüber amüsieren konnte, wie sehr sich die Zeiten, nicht unbedingt die Geschmäcker, geändert haben.

Schleifspuren der Geschichte

Jules Massenets Meditation aus der Oper "Thais" ist so ein Fall. Die Oper selbst findet sich nur noch und auch nur selten auf den Spielplänen der Spezialisten. Aber diese Einlagemusik für Solovioline hat sich in einer Nische der Operngalas gehalten und wird gerne hervorgeholt, wenn der Konzertmeister zeigen will, dass er neben den Primadonnen und Startenören auch noch da ist. Wenn die Meditation allerdings so klar und ausgestellt musiziert wird wie von Feng Ning und Donald Sulzen, dann merkt man die relative Blutarmut und die Schleifspuren der Geschichte, und man fragt sich, warum sie immer wieder gerne gehört wird. Vielleicht liegt's ja nur an ein paar Intervallen, die die Seele anspringen.
Auch die anderen Instrumenentalsätze sind, ihrer Zeit angepasst, ausgesprochen dekorativ. Wann hört man schon mal Sergej Rachmaninoffs berühmte Vocalise cis-moll op. 34/14 nicht in der synthesizergeglätteten Fassung in der Fernsehwerbung, sondern in einer der Originalfassungen? Franz Liszts "Liebestraum" hat es noch nicht einmal in den Rang eines Zugaben stücks geschafft, trotz des Charmes der tiefen Saiten, auf denen sich Feng Ning bevorzugt aufhielt, ebenso wenig Peter Tschaikowskys "Nocturne", bei dem auch Danjulo Ishizaka mit den Klangfarben zauberte. Oder wann hört man Gabriel Faurés "Sicilienne" op. 78, sicher ein recht schlichtes Werk, aber mit viel Platz für emotionale Kurven. Mit Abstand am bekanntestes ist da zweifellos "Der Schwan" aus Camille Saint-Saëns' "Karneval der Tiere". Alle diese Stücke gewannen schon dadurch enorm, das die Musiker sie ernst nahmen.
Das Interessante an den Liedern von Rachmaninoff, Tschaikowsky, Glinka und Tosti - wann bekommt man die schon mal zu hören? - sind nicht die russischen und italienischen Texte, in denen es natürlich nicht nur um enttäuschte Liebe oder den letzten Urnengang ging, und die Daniel Kotlinski ohne jedes russische Knödeln durch eine höchst prägnante Artikulation nachvollziehbar machte. Und es war auch nicht die musikalische Faktur, denn das Klavier ist wirklich nur auf eine dienende Funktion beschränkt.

Das Wie war entscheidend

Der Reiz lag in der Ausführung und Besetzung. Zum einen, weil Kotlinski Lieder wie Tschaikowskys "Don Juans Serenade" oder Tostis "Tristezza" (das mit der Urne) mit wendiger Stimme und weiten Emotionen gestaltete. Und weil seine Stimme immer wieder auf den Klang des tiefen Cellos traf und sich mit ihm verband oder ihn kontrastierte. Das waren erstaunliche Erfahrungen.
Freilich, einer wäre bei dem Wunschkonzert nicht dabei gewesen: Astor Piazzolla. Der hätte noch 31 Jahre auf seine Geburt warten müssen. Mit den mitreißend tangofizierten "Adios Nonino", "Oblivion" und den schillernden "Cuatro estaciones portenas" zeigten Feng Ning, Danjulo Ishizaka und Donald Sulzen, dass die Unterhaltungsmusik auch aus einer ganz anderen Richtung kommen kann.
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