Wildflecken
Militär

Wie geht's raus aus Afghanistan?

Rund 1400 Soldaten aus 21 Nationen bereiten sich in der Rhön auf einen geordneten Rückzug vor. Bei der Übung "Crystal Eagle" wird aber weder geschossen noch marschiert.
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Das Nervenzentrum der Stabsarbeit befindet sich in einem Saal voller Computer.Fotos: Gerd Schaar
Das Nervenzentrum der Stabsarbeit befindet sich in einem Saal voller Computer.Fotos: Gerd Schaar
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Crystal Eagle (Kristall-Adler) heißt die militärische Großübung, die unter der Führung des Multinationalen Korps Nordost (MNK NO) gerade in der Wildfleckener Rhön-Kaserne läuft. Etwa 1400 Soldaten aus 21 Ländern wohnen, leben und üben dort. Geprobt wird vor allem die geordnete Übergabe von wichtigen Aufgabenbereichen an Afghanistans landeseigene Institutionen, wenn das westliche Militär im kommenden Jahr abzieht.

Nach wie vor
rechne man noch mit Sprengfallen, Überfällen und Hinterhalts-Attentaten aufständischer Afghanen, weist der polnische Kommandeur MNK NO, Generalmajor Boguslaw Samol, auf den vielfältigen Aufgabenbereich der Absicherungsmaßnahmen hin. Ihm zur Seite stehen der dänische stellvertretende Kommandeur Brigadegeneral Morten Danielsson und der deutsche Brigadegeneral Lutz Erich Niemann, Chef des Stabes.

Rollenspiele mit Komparsen

Kampfhandlungen werden virtuell an den Computern ausgetragen. Mit lebenden Komparsen werden Rollenspiele von afghanischen Zivilisten geprobt. Äußerstes Fingerspitzengefühl sei zum Beispiel nötig, um auf religiöse Fragen mit der gebotenen Rücksicht und viel Toleranz vor Ort im Ausland richtig zu reagieren.

Eine Übung wie Crystal Eagle ist im Grunde ganz einfach: Eine Gruppe Soldaten denkt sich Krisenszenarien aus, mit denen die anderen Soldaten vor Ort konfrontiert werden. Eine weitere Gruppe erarbeitet im Hintergrund angemessene Lösungen, mit denen diesen unangenehmen Überraschungen begegnet werden kann. Logistische Teilbereiche der militärischen Organisation stellen die Kampfmittel, Fahrzeuge und weitere Technik zur Verfügung. Das Ganze verzweigt sich in viele, für den Außenstehenden nahezu unüberblickbare Teilbereiche. Schiedsrichter werten die Vorgänge aus. Und zum Schluss gibt es die Manöverkritik.

Generalmajor Carsten Jakobsson, Kommandeur der ersten Panzerdivision aus Hannover, ist zufrieden mit den Übungsbedingungen in Wildflecken. "Die Division übt hier zu Beginn der Vorbereitungsphase für ihren Einsatz in Afghanistan 2014. Für uns ist das ein ganz besonders wichtiger Schritt, den wir können hier unter sehr realitätsnahen Bedingungen üben", bestätigt er. "So können wir uns optimal auf unseren Einsatz in Afghanistan vorbereiten", ist sich Jacobsson sicher. Er war aus Hannover mit 450 Soldaten seiner Panzerdivision angereist. Davon seien 200 Leute im Divisionsstab eingesetzt und die restlichen 250 Soldaten stellen die Randbedingungen für die Übung sicher.

Zufrieden äußert sich ebenfalls Generalleutnant Rainer Korff, einer der stellvertretenden Inspekteure des deutschen Heeres: "Wildflecken ist eine ausgezeichnete Lokalität, um solche Großübungen des MNK NO zusammen mit sehr vielen Nationen durchzuführen. Das Gefechts-Simulationszentrum ist der wichtige Kern, der die Übungsziele mit solch einem Stab erreichen lässt." Auch nach dem Einsatzende in Afghanistan werde die VN-Ausbildung in den gesicherten Standorten Hammelburg und Wildflecken weiter voran gehen.

"Hervorragende Bedingungen"

Das zweite Mal ist Major Vasilies Gracous, ein Lette aus Riga, in Wildflecken. "Ich habe vor einem Jahrzehnt dort und in Hammelburg meine Offiziersausbildung gemacht", verrät er. Er fühle sich sehr gut in der Rhön-Kaserne untergebracht und spricht von hervorragenden Übungsbedingungen. Nach einem Übungstag bleiben ihm nur wenige Stunden Freizeit. "Ich habe mir schon Bad Kissingen angesehen. Vielleicht schaffe ich es auch auf den Kreuzberg", hat Gracous den Tipp seiner Kameraden nicht vergessen.

Während der Großübung habe er viel gelernt und es seien etliche neue Freundschaften zu Kameraden aus anderen Ländern entstanden, bestätigt Gracous. In jedem Fall klappe die Verständigung auf Englisch, der von allen Teilnehmern beherrschten Dienstsprache. Stationiert ist Gracous im polnischen Stettin, dem Sitz des MNK NO. "Dort wartet schon meine Frau auf meine Rückkehr", freut sich der Major.

Eine Premiere hat die Brigade des NATO-Korps aus Österreich. Dieses Land ist nicht dem MNK NO angeschlossen. Brigadegeneral Christian Riener betont vor allem den Charakter der Friedenserhaltung im Auslandseinsatz, zum Beispiel demnächst bei seinem FKOR-Einsatz im Kosovo. Die Österreicher erhalten wichtige Informationen aus den Übungsszenarien zugespielt und können daraus ihr Lösungskonzept in eigener Regie entwickeln. Auch auf ihrer unteren Bataillonsebene werden die gestellten Aufgaben von den Österreichern umgesetzt.
Das Herz der in Stettin stationierten MNK NO besteht aus Polen, Deutschen und Dänen. Unter den 21 übenden Nationen traf man jetzt auch Tschechen, Kroaten, Rumänen, Türken und US-Amerikaner in Wildflecken an. Aus Deutschland kam die erste Panzerdivision der Bundeswehr, aus Österreich die vierte Panzergrenadier-Brigade, aus Polen die zehnte Panzerkavallerie-Brigade und aus der Slowakei das ABC-Bataillon. Ferner waren das multinationale Militärpolizei-Bataillon und das neunte polnische Aufklärungs-Regiment zur Stelle.

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