Dr. Rotraud Ries, Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums und Expertin für deutsch-jüdische Geschichte, schildert anlässlich des 70. Jahrestages der Deportation von Bad Kissinger Juden im Stadtsaal die Vorgänge von damals.
Gemeinsam mit Juden unter anderem aus Aschaffenburg, Würzburg, Bad Neustadt und Schweinfurt wurden die Bad Kissinger von den Nationalsozialisten auf engstem Raum in Eisenbahnwaggons gepfercht und nach Ostpolen verschleppt. Nach dreitägiger Fahrt unter menschenunwürdigen Bedingungen erreichten sie Lublin. Die letzten zehn Kilometer in das Durchgangsghetto Krasniczyn mussten sie zu Fuß zurücklegen. Es dauerte nun nur noch wenige Wochen und Monate bis sie in das Vernichtungslager Sobibor am Dreiländereck Polen-Ukraine-Weißrussland transportiert wurden.Der Ort an dem sie schließlich ermordet wurden.
"Unterfrankenweit versuchten viele Städte sich mit dem Prädikat "judenfrei" zu brüsten", sagt Ries. Um dieses Ziel zu erreichen, gingen die Bad Kissinger Verantwortlichen im Mai 1942 verstärkt gegen die letzten verbliebenen Juden - überwiegend Senioren - vor. 18 Männer und Frauen wurden über Würzburg in das Ghetto Theresienstadt in Tschechien und von dort aus weiter nach Auschwitz (Polen) gebracht. Einzig Emilie Schloss überlebte.
Ries zeigt einen Zeitungsauschnitt von 1942. "Bad Kissingen judenfrei", steht darauf zu lesen. Und weiter: "Wie vom Bürgermeister der Stadt mitgeteilt wird, hat am 20. Mai 1942 der letzte Jude Bad Kissingen verlassen." Von der ehemals über 300 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde sind bis 1942 143 Männer und Frauen aus Bad Kissingen weggezogen, 123 sind ausgewandert und 41 wurden deportiert. Damit hatte sich die Gemeinde aufgelöst.
Dr. Rotraud Ries beschreibt das Schicksal der Mainfränkischen und Bad Kissinger Juden sehr persönlich und eindringlich. Sie gibt den Opfern des Holocausts Namen und Gesichter, lässt sie zu Wort kommen und betont die menschlichen Schicksale hinter den Morden.
Für Historiker besteht, wie sie erläutert, bei der Rekonstruktion des Holocausts ein Problem: Es liege mehr auswertbares Material - beispielsweise Akten - von den Tätern vor. Zeitdokumente der Opfer gebe es im Vergleich dazu weniger. Deshalb werde oft das bürokratische, technische Vokabular der Täter übernommen, wodurch die Opfer eine gesichtslose Masse blieben. "Das versuche ich zu umgehen", sagt Ries.
Damit spricht sie einen Punkt an, der auch Oberbürgermeister Kay Blankenburg wichtig ist. Man müsse akzeptieren, dass es auch in Bad Kissingen Opfer der Shoah gegeben habe. Mittlerweile gebe es eine "Tradition des Erinnerns", hob er hervor. "Ich bin besonders stolz auf die Bürgerinitiative, die die Stolpersteine betreibt", weil sie klar mache, dass die Opfer Gesichter und Namen hatten und Bürger der Stadt gewesen sind.
Ferner sagt Blankenburg, dass das Gedenken mit aktuellen Ereignissen eng verzahnt und Antisemitismus nicht historisch abgehakt sei. Es sei "Aufgabe der Gesellschaft, neo-nationalsozialistischem Gedankengut eine Abfuhr zu erteilen".
Rabbiner Tuvia Hod erinnerte daran, dass Juden bereits früher in Europa verfolgt wurden und auch nach dem 2. Weltkrieg international viele Feinde haben. Zuvor legten Oberbürgermeister Blankenburg und der Rabbiner Tuvia Hod am jüdischen Gemeindehaus im stillen Gedenken einen Kranz nieder.