Die Realschüler der Klasse 10 b wissen es besser: In der Kurstadt gelebt hat einst die in Veitshöchheim geborene Lina Hofmann, Tochter des Viehhändlers Salomon Thalheimer und seiner Ehefrau Eva Lehmann. Und die war die Nichte der aus Rimpar stammenden Gründer des berühmten - und vor der Pleite renommierten - New Yorker Bankhauses. Auch Tochter Lina hatte es in Bankerkreise gezogen, 1911 heiratete sie den Bad Kissinger Bankier Louis Hofmann und lebte mit ihm in dessen Elternhaus in der Unteren Marktstraße 7 (heute 2). Beide waren gläubige Juden. Und daran, dass es sie gegeben hat, erinnern jetzt vor ihrem einstigen Wohnhaus zwei "Stolpersteine."

Solche und andere Lebensgeschichten haben die Realschüler in viel Detailarbeit recherchiert. Der Arbeitskreis Geschichte unter Leitung von Lehrer Andreas Reuter war schon vor einigen Jahren dabei, als Stolpersteine verlegt wurden, die ebenfalls an ermordete jüdische Bad Kissinger erinnern. Seit gestern sind es 51 "Schlusssteine" im Stadtgebiet. Dieses Wort benutzt der Künstler und Projektinitiator Gunter Demnig selbst gerne. Er zitiert damit den Enkel eines in den Nazi-Gaskammern umgebrachten Juden. "Der sprach nicht von Grabstein, nicht von Erinnerungsstein, sondern von Schlussstein." Mit der Verlegung hatte er einen Schlussstrich ziehen können unter ein Kapitel seiner Familiengeschichte, in der die Kapitel über die Altvorderen nur aus einem Namen auf der Liste der im KZ Auschwitz Ermordeten bestanden.

An drei Stellen in der Stadt hat Demnig gestern acht weitere Stolpersteine verlegt - im Beisein von Vertretern der Initiative aus Bürgern, etlicher Schüler und auch Verantwortlicher aus der Stadt Bad Kissingen. Vor dem Eingang an der Theresienstraße 1 erinnern zwei Stolpersteine an "Sanitätsrat Dr. med. Philipp Münz (1864- 1944)" und an seinen Sohn, den "Badearzt Dr. med. Alfred Münz (1897 - 1944)", die im KZ Theresienstadt bzw. KZ Auschwitz umkamen. Vor dem Eingang Theresienstraße 10 erinnern Stolpersteine an Gastronom Siegfried Bloemendal und Ehefrau Fanny sowie an die Kaufleute Manfred und Josef Bloemendal, die ebenfalls alle in Ausschwitz umgebracht wurden.

Die eingangs erwähnte Lina Hofmann verendete an den Folgen eines Krebsleidens - als Zwangseigewiesene in ein Jüdisches Altenheim in Würzburg, wo ihr zuvor die Gestapo die letzten Habseligkeiten abgenommen hatte. Ihr Mann Louis Hofmann, dem - schwerst erkrankt - die "Schutzhaft" durch die Nazis nicht erspart wurde, starb 1933 in einer Gefängniszelle im Theresienkrankenhaus und ist auf dem Jüdischen Friedhof in Bad Kissingen begraben.

Geschichten wie diese sind für Sigismund von Dobschütz,den örtlicher Projektleiter des Stolpersteinprojekts, Teil der Stadtgeschichte. Es freut ihn, wenn sie, wie an der Realschule, zeitgemäß weitergegeben werden.
Das sieht Oberbürgermeister Kay Blankenburg nicht anders, denn die Stolpersteine seine "ein Zeichen wider des Vergessens", das den Ermordeten ein Stück Individualität zurückgebe. Daher entsetzt es ihn,wenn es im Internet anonym heiße, es sei jetzt genug damit. Künstler Gunter Demnig, der sein Projekt 1993 begann, hat bis heute 35 000 Stolpersteine in 743 Kommunen verlegt und weiß: "Das Interesse ist gerade bei der Jugend sehr groß. Denn viele begreifen nicht, wie so etwas wie die systematische Ermordung von Juden im Land der Dichter und Denker geschehen konnte."