Nüdlingen
Besitz

Wald liegt im Dornröschenschlaf

Seit fast 30 Jahren wird in den Waldstücken der Waldkörperschaft Haard kein Holz mehr eingeschlagen.
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Ewald Kiesel bedauert, dass der Körperschaftswald in Haard weiterhin nicht gepflegt und genutzt wird. Immer mehr Totholz sammelt sich mittlerweile an.  Foto: Heike Beudert
Ewald Kiesel bedauert, dass der Körperschaftswald in Haard weiterhin nicht gepflegt und genutzt wird. Immer mehr Totholz sammelt sich mittlerweile an. Foto: Heike Beudert
Die Waldkörperschaft Haard umfasst rund 16 Hektar Wald. Früher war dies ein klassischer Niederwald, in dem die Anteilseigner nach einem äußerst komplizierten Berechnungs- und Einschlagsystem Brennholz machen konnten. Doch fast 30 Jahre wird dort überhaupt kein Holz mehr eingeschlagen. Die Waldflächen sind sich selbst überlassen. Wenn der Ehrenobmann des örtlichen Bauernverbandes, Ewald Kiesel, den Wildwuchs betrachtet, tut es ihm im Herzen weh.
Problem war und ist, dass es durch die Erbteilung im Laufe der Zeit immer mehr Anteilseigner gegeben hat. Einige davon wissen bis heute nicht, dass sie hier überhaupt alte Rechte besitzen; Erbengemeinschaften halten Anteile, deren Miterben in alle Welt verstreut sind. Mittlerweile sind zwar zwei Drittel der Anteile an die Gemeinde verkauft worden. Die Kommune sieht dennoch keine Möglichkeit zu handeln, so Bürgermeister Harald Hofmann.
Anfang des Jahrzehnts hatte Ewald Kiesel in vielen, vielen Stunden Kleinarbeit versucht, alle Anteilseigner zu finden, um die Waldkörperschaft aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Er hat dabei viel Licht ins Dickicht der unklaren Anteilsverhältnisse gebracht.


Eine Sisyphusarbeit

Ewald Kiesel betont rückblickend, die Suche nach den Anteilseignern habe einer Doktorarbeit geglichen. Auslöser für die Suche waren fällige Zahlungen an die Berufsgenossenschaft, die nicht mehr geleistet wurden, weil es irgendwann auch keinen Verantwortlichen mehr gegeben hatte. Schulden bauten sich auf.
Ewald Kiesel sah sich 2013 als BBV-Ortsobmann und als Anteilseigner in der Pflicht zu reagieren. Nachdem Ewald Kiesel mit Hilfe einer Vollmacht die Grundbücher durchackert hatte, standen 2013 insgesamt 327 Beteiligte und 41 Erbengemeinschaften fest, die ein Holzrecht in der Waldkörperschaft hatten. Es war ein in Jahrhunderten entstandener Fleckerlteppich; aber endlich hatte man 2013 eine Übersicht über die Nutzungsrechte und konnte die Sache angehen.
Der Gemeinderat fasste daraufhin den Beschluss, Anteile von den Rechtlern abzukaufen, um den Wald langfristig wieder zu bewirtschaften.


Erben in aller Welt

50 Cent gab und gibt es es für den Quadratmeter. Die Gemeinde übernahm 2013 die fälligen Notarkosten für die Übertragungen und die Rückstände aus der berufsgenossenschaftlichen Versicherung, um die Sache in die Gänge zu bringen. Das Angebot an Kauf-Angebot an die Anteilseigner steht bis heute. "Ich habe damals sofort verkauft", erklärt Ewald Kiesel.
Auch viele andere taten es ihm gleich. Heute gehören 75 Prozent der Waldrechte der Kommune. Der Rest verteilt sich nach Angaben Kiesels auf 18 Beteiligte, wovon acht Erbengemeinschaften sind. Vor allem die Erbengemeinschaften sind ein Problem. Denn hier alle Erben zu finden, die einem Verkauf zustimmen, scheint so gut wie unmöglich. Die Erblinien verlaufen sich, so Ewald Kiesel, teilweise bis nach Südafrika und Amerika.


100-Prozent-Anteil nötig

"Man kann nichts machen", meint dazu Nüdlingens Bürgermeister Harald Hofmann. Er verweist darauf, dass der Gemeinderatsbeschluss weiterhin Gültigkeit hat und die Gemeinde Rechtsanteile aus Waldkörperschaften kauft. Es käme auch jetzt immer wieder einmal vor, dass die Kommune Anteile erwerben kann, so Harald Hofmann.
Die Versicherungsbeiträge an die Landesberufsgenossenschaft werden jetzt regelmäßig von der Gemeinde bezahlt. Dort, wo die übrigen Anteilsbeteiligten noch auffindbar sind, fordert die Gemeinde deren Anteil ein, "wenn es sein muss, auch wegen zwei Euro", betont Harald Hofmann. Zur Not komme auch der Gerichtsvollzieher. Die Höhe der Rechnung spiele keine Rolle. Es gehe um eine Gleichbehandlung.


Weiterhin keine Pflege

Die Waldbewirtschaftung aber ruht derweil weiter. Die Gemeinde will erst aktiv werden, wenn ihr 100 Prozent der Anteile gehören, erklärt Hofmann. Denn für Holzeinschlag, für jede Investition in den dazu nötigen Wegebau bräuchte es momentan die Genehmigung aller Anteilseigner - oder es müsste ein Vorstand gewählt werden. Den gibt es aber schon lange nicht mehr.
Lediglich in besonderen Fällen müsse die Gemeinde aktiv werden, dann zum Beispiel, wenn wegen eines Borkenkäferbefalls vom Amt für Landwirtschaft und Forsten die Auflage zum Einschlag käme, erklärt Harald Hofmann.
Das Amt für Ländliche Entwicklung, meint Ewald Kiesel, hätte unter Umständen die Möglichkeit, über eine Waldflurbereinigung eine Regelung herbeizuführen.
Doch von dort hat Ewald Kiesel die Auskunft erhalten, dass von Seiten der Behörde wegen der Verhältnismäßigkeit, der Aussicht auf Erfolg und des großen Zeitaufwandes keine eigenen Schritte eingeleitet werden. Bei solchen Waldflurbereinigungen müsse man sich fragen, ob sie wirtschaftlich sind, betont auf Anfrage Horst Büttner vom Amt für Ländliche Entwicklung in Würzburg. Projekte mit schwierigen Besitzumständen stehen deshalb nicht unbedingt auf der Prioritätenliste.


Schnelle Lösung nicht in Sicht

Vielleicht werde es ja irgendwann vom Gesetzgeber einmal die Handhabe geben, solche uralten, nicht mehr zu entwirrenden Rechtsverhältnisse schnell aufzulösen, überlegt Bürgermeister Harald Hofmann.
So richtig rechnet er aber nicht damit - vielleicht in 100 Jahren sinniert er. Das Dickicht wuchert also weiter.

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