Ministranten holen sie am Wurmerich ab und leiten sie in die Kirche. Pfarrer Dominik Kesina ist mitten unter ihnen. Hunderte von Ortsbürgern säumen den unteren Bereich der Wurmerichstraße und heißen die Pilger mit Beifall und Blumen herzlich willkommen.

Bei solch großem Empfang wird es vielen Wallfahrern warm ums Herz. Vergessen sind die körperlichen Strapazen. Das Positive des Gemeinschaftserlebens und die Chance, einmal zur Besinnung zu kommen, rücken in den Vordergrund. Die Faszination der Vierzehnheiligenwallfahrt scheint ungebrochen.

"Ich mache die Wallfahrt aus Dankbarkeit und schätze das Erlebnis der Gemeinschaft", sagt Georg Kiesel (57), der die große Wallfahrtsfahne seit vielen Jahren trägt und schon 30-mal dabei war. "Ich bin im Arbeitsleben oft auf Montage unterwegs." Da tue es gut, auch einmal so auf der Straße zu sein. "Man kann sagen, dass die Vierzehnheiligenwallfahrt für mich eines der emotionalsten Erlebnisse war", ergänzt Christian Bömmel (34). Die körperliche Anstrengung habe er schlichtweg unterschätzt. Aber er habe Abstand von der Arbeit gewonnen. Der Faktor Zeit erhält eine ganz neue Dimension auf so einer Wallfahrt.


Zeit für sich und für den Glauben



"Zeit" lautete auch das Motto der diesjährigen Wallfahrt. Wallfahrsführer Michael Schäfer, der sein Ehrenamt seit zehn Jahren mit großem Engagement ausübt, hatte es mit seinem Mitarbeiterteam ausgewählt. Es zog sich als roter Faden auch durch die Eucharistiefeiern in der prachtvollen Basilika von Vierzehnheiligen und auf dem Rückweg in Aidhausen, sowie durch Gebete und Meditationstexte auf dem Weg. Der häufige Satz "Ich habe keine Zeit" stimme nicht, wurde verdeutlicht.

Die Lebenszeit auf Erden sei zwar begrenzt, aber es gehe darum, sie richtig zu verwenden: Zeit für sich selbst, für die Mitmenschen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Beten und Zeit für Gott. Dagegen seien viele Menschen auf einem Irrweg, wenn sie sagten: "Ich will alles - und möglichst sofort". Bei dieser "Instant-Mentalität" komme es zu unsolidarischem Verhalten.

Viel Zeit werde sinnlos verschwendet, das Leben komme zu kurz und Lebensangst entstehe. Theologische Erläuterungen durch den aus Nüdlingen stammenden Pfarrer und Wegbegleiter Wilhelm ("Willi") Mahlmeister, Gebete, Lieder und Meditationen waren wesentliche Aspekte der Erneuerung und Stärkung des Glaubens, der letztlich frei mache. "Freiheit und Liebe sind die Merkmale Gottes", sagte Mahlmeister. Auch für die großen Anliegen der Kirche und der Welt, wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, wurde gebetet. Die Kirche sei als "wanderndes Gottesvolk" in Bewegung und benötige neue Strukturen.