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Bad Kissingen
Winterzauber

Überraschung aus Buenos Aires im Rossini-Saal

Die argentinische Sängerin Lily Dahab gastierte mit ihrer Band im Rossini-Saal in Bad Kissingen.
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Lily Dahab - ausdrucksstarke Stimme Argentiniens. Foto: Ahnert
Lily Dahab - ausdrucksstarke Stimme Argentiniens. Foto: Ahnert
Man hatte sich eigentlich nicht viel erwartet von der argentinischen Sängerin Lily Dahab und ihrer vierköpfigen Band - nicht weil man ihr nichts zugetraut hätte, sondern weil sie in Europa noch relativ unbekannt ist. Obwohl: Nach ihrem Gesangsstudium in Buenos Aires ging sie nach Madrid und Barcelona, wo sie erst einmal neun Jahre fest saß. Nicht weil sie keine terminlichen Perspektiven gehabt hätte, sondern weil die Musical-Produktion des "Glöckners von Notre Dame", in der sie die Zigeunerin Esmeralda sang, so erfolgreich war, dass sie neun Jahre ihre Veranstalter ernährte - und sie nicht aus dem Vertrag kam. Dann ging sie vor sechs Jahren nach Berlin - wohl auch der Liebe wegen - von wo aus sie ihre Karriere betreibt.

Behutsame Karriere

Und sie tut das mit guter, sinnvoller Behutsamkeit, mit der sie auf ihre großen Stärken setzt. "Huellas", zu Deutsch "Spuren", die sich nicht durch die Musik ziehen - die ist argentinisch und brasilianisch pur - sondern durch ihre heimatferne Seele, und damit das Programm, mit dem sie im Rossini-Saal gastierte, ist erst ihre zweite CD. Lily Dahab lässt sich Zeit, und das bekommt der Musik außerordentlich gut.

Auch wenn ihre Band - der Pianist, Keyboarder und Melodicaspieler Bene Aperdannier, der Lily Dahab in Berlin zum Jazz brachte, der Kontrabassist Andreas Henze, vielleicht der wirkungsvollste der vier Begleiter, der Percussionist Topo Gioia und der Gitarrist Jo Gehlmann - trotz des starken Anteils deutscher Herkunft durchaus südamerikanisches Feuer entwickeln kann, ist sie erstaunlich kammermusikalisch ausgerichtet, sucht - und findet - ihre Wirkung immer erst im Leisen und zieht die Dynamik nur an, wenn die emotionale Kurve dafür steht. Es geht da nicht um Latinolärm und rhythmisches Gehämmer, sondern um musikalischen Tiefgang.

Wandlungsfähige Stimme

Vor dieser Klangkulisse hatte Lily Dahab viel Platz und Luft, mit ihrer Stimme wirklich zu spielen. Sie hat ein enormes Spektrum an Klangfarben, das sie geschickt einsetzt und ausreizt. Man kann verstehen, dass eine große südwestdeutsche Zeitung ihre Stimme als "leuchtenden Honig" bezeichnete. Aber sie ist weit mehr als das. Auf jeden Fall kein Kunsthonig und immer wieder auch mal geräuchert oder gepfeffert. Lily Dahab ist nicht nur in der Intonation bestürzend sicher und stabil, sondern sie hat auch eine große Fähigkeit, emotionale Kurven zu gestalten, immer auch ein bisschen Heimweh nach Argentinien mitschwingen zu lassen - sie muss es ja nicht wirklich empfinden. Und sie schafft es mit ihrer Bühnenpräsenz beim Singen und mit ihrer Moderation - sogar schon mit einigen deutschen Brocken - das Publikum im Handstreich einzufangen.

Aber es ist auch das Programm. Denn sehr schnell merkt man als Zuhörer, dass die Musik Argentiniens und Brasiliens keineswegs so klischeehaft ist, wie sie in der Filterung der Massenmedien hierzulande dargestellt wird, sondern dass sie enorm viele Facetten hat. Tango, Samba oder Bossa Nova hören sich plötzlich ganz anders an, sehr frisch, sehr emanzipiert von den Schubladen, in die sie gerne gesteckt werden.

Eigenwillig repräsentativ

Natürlich dürfen die jungen und alten Klassiker nicht fehlen aus der Feder von Luis Alberto Spinetta, Antonio Carlos Jobim, Fito Paez und natürlich Astor Piazzolla. Einige Texte stammen auch von der Gruppe selbst, und alle hat Bene Aperdannier sehr genau in Lily Dahabs Stimme hinein arrangiert. Wobei ziemlich schnell deutlich wurde, dass es den beiden nicht nur auf die Musik, sondern auch auf die engagierten Texte ankam.

Ein Konzert, dessen Ende man bedauern konnte: Aber: Lily Dahab stammt aus demselben Stadtteil von Buenos Aires wie Papst Franziskus. Und ein Viertel weiter hat sich Lionel Messi als kleiner Knirps immer nach dem Fußballern bei der Oma von Topo Gioia mit Enchilladas gestärkt. Wenn das keine guten Vorzeichen für die weitere Karriere sind!
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