Bad Kissingen
Sommerinterview

Über die Jugend von heute

Der Heiligenhof in Bad Kissingen hat stets mehrere Jugendgruppen zu Gast. Leiter Steffen Hörtler erklärt, wie Konflikte beigelegt werden und welche Probleme es trotz guter Übernachtungszahlen gibt.
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Streiche gehören für Steffen Hörtler dazu.  Foto: Carmen Schmitt
Streiche gehören für Steffen Hörtler dazu. Foto: Carmen Schmitt
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Der Heiligenhof ist eine Bildungs- und Begegnungsstätte mit einer Jugendherberge, einem Seminarhaus und Ferienwohnungen. Steffen Hörtler ist nicht nur Leiter des Heiligenhofs, sondern auch ausgebildeter Pädagoge. Im Interview mit der Saale-Zeitung gibt er Einblicke in die Lebenswelt der Jugend, die wichtigsten Regeln und die Finanzierung der Einrichtung.
Außerdem erzählt er, warum der Heiligenhof ein großes Ehevermittlungsinstitut ist.


Mal ganz direkt: Wie frech sind die jungen Leute heutzutage?
Ich bin jetzt 18 Jahre in diesem Bereich tätig. In dieser Zeit hat sich vieles verändert, aber die Kinder sind heute noch genau so frech wie sie es vor 18 Jahren waren. Die Streiche, die man damals gemacht hat, sind Streiche, die im Haus immer noch Gang und Gäbe sind.

Was denn so?
Dass man die Türklinke mit Zahnpasta einschmiert, dass die Jungs die Mädchen necken und umgekehrt. Dass man einfach mal Blödsinn macht, dem Lehrer die Zimmertür zustellt. Alles das gehört hier dazu. Solange kein Schaden entsteht, muss man das ein Stück weit zulassen.

Gibt es manchmal Nachholbedarf in Sachen Erziehung?
Es gibt Gruppen, bei denen ist es einfacher und es gibt Gruppen, bei denen man mehr Einfluss nehmen muss. Ich hatte mal einen Lehrer, bei dem haben die Kinder Möbel aus dem Fenster geschmissen, und der Lehrer war der Auffassung, er findet das richtig. Schließlich wäre so ein Schullandheim dazu da, dass die Kinder ihre Aggressionen abbauen.

Was machen sie bei Problemfällen? Wie oft kommt so etwas vor?
Dass ich einen Schüler nach Hause schicken musste, kam in meinen 18 Jahren Berufsleben nicht einmal vor. Da sind es eher die Lehrer und Pädagogen, die sagen, dass der Schüler abgeholt werden soll. Das haben wir sehr sehr selten. Das kommt ungefähr einmal im Jahr vor. Wenn es Konflikte gibt, versuchen wir das im gemeinsamen Gespräch aufzuarbeiten. Wir finden dann eine kleine Arbeit - zum Beispiel kehren.

Wie war das bei Ihnen früher? Mussten sie auch kehren?
Ich bin eher ein Braver gewesen. Ich war ein wissbegieriger Schüler. Ich wollte wissen, wie die Natur und wie die Technik funktionieren. Zudem bin ich DDR-sozialisiert. Alles, was mich interessiert hat, ist sehr in das Militärische gegangen.

Hier geht es aber nicht zu wie beim Militär, oder?
Nein. Wir haben aber Regeln, die einzuhalten sind.

Was ist die wichtigste Regel?
Die wichtigste Regel ist ganz einfach Respekt vor dem anderen zu haben. Wir haben viele unterschiedliche Gruppen im Haus, und es funktioniert zusammen.

Wie wichtig ist das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppen?
Da gibt es deutliche Unterschiede - je nach dem, wo die Gruppen herkommen. Bei Gruppen, die eher aus der ländlichen Region kommen, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl deutlich größer wie bei Gruppen, die aus der Großstadt kommen. Wenn der Migrantenanteil relativ groß ist, sondern sich diese Kinder zum Beispiel eher noch einmal ab.

Wie wirkt man dem entgegen?
Das machen wir ganz entschieden bei uns im Programm mit Teambuilding und mit den erlebnispädagogischen Angeboten. Da haben wir einen ganzen Strauß voll Programmpunkten.

Woher kommen die meisten Gäste?
Im Schwerpunkt aus Osteuropa, aus Tschechien, Polen, Ungarn und Rumänien.

Wie läuft die Verständigung zwischen den unterschiedlichen Gruppen?
Das ist bei Kindern toll. Sie finden ganz schnell Formen, wie sie mit einander umgehen und wie sie kommunizieren können. Die finden sie mit Händen, Füßen und Englisch. Das können Kinder viel besser als wir Erwachsenen. Weil sie viel freier sind und mit viel mehr Fantasie kommunizieren.

Gibt es eine strikte Geschlechtertrennung im Haus?
Wenn ich um etwa Mitternacht nach Hause gehe, dann geht die Völkerwanderung los. Wir bringen die Teilnehmer schon so unter, dass Mädchen und Jungs ihren Trakt für sich haben. Aber auch das gehört dazu. Das ist im Haus Alltag. Da funktionieren wir wie ein großes Ehevermittlungsinstitut. Wenn sie wüssten, wer sich hier alles schon lieben gelernt hat... ich könnte ein ganzes Wochenende damit füllen.

Das hört sich ja alles sehr harmonisch an. Wo gibt es denn Probleme?
Wir haben das Problem, dass Bad Kissingen zwar eine wunderschöne Kurstadt ist, aber das es nicht sonderlich sexy für Kinder und Schulkinder ist. Da gibt es nicht diesen großen Anreiz.

Wie bietet man größere Anreize?
Wir haben in den letzten 13 Jahren erhebliche Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. Jetzt stehen wir vor einer Großbaumaßnahme, in die 2,3 Millionen Euro gesteckt werden. Ab März werden wir Unterfrankens modernste Bildungsstätte haben. Es wird nur noch Zimmer mit eigener Dusche und eigenem WC geben.

Woher kommt das viele Geld?
Das ist eine Besonderheit, die dieses Haus hat. Der Heiligenhof hat in seinem gesamten Bestehen noch nie eine institutionelle Förderung erhalten. Der Heiligenhof lebt von dem Geld, das ihm die Gäste bringen. Damit müssen wir wirtschaften. Aber wir haben die Möglichkeit, dass wir bei Umbaumaßnahmen Anträge an den Freistaat Bayern stellen können. Das haben wir gemacht. Daher bekommen wir eine Millionen Euro für den anstehenden Umbau. Es ist natürlich auch notwendig, dass Kreditmittel aufgenommen werden.

Was muss außer dem Umbau alles finanziert werden?
Im Außenbereich sind das der Hochseilgarten, die Bogenschießbahn, der Spielplatz, der Volleyballplatz und die Boote. Der zweite große Faktor ist die Verpflegung. Da hat unser Haus seit 1952 Bestnoten. Wir werden besonders für unsere "grüne" Küche gelobt.

Sie sprechen von Bestnoten. Gibt es eine offizielle Auszeichnung?
Darum habe ich mich noch nicht gekümmert. Aber die größte Auszeichnung ist das Wiederkommen der Gäste. Ich kann in diesem Jahr von einem völlig ausgebuchten Haus sprechen. Und das in Bad Kissingen.

Was macht Bad Kissingen falsch?
Im Jugendbereich beschweren sich die Gäste über die Kurtaxe. Das ist ein riesiges Problem.

Sie sagten, der Heiligenhof sei ausgebucht. Wo ist die Kurtaxe ein Problem?
Wir haben zum Beispiel einen der schönsten Zeltplätze Unterfrankens. Das ist zugleich einer der Zeltplätze, die am wenigsten frequentiert werden - wegen der Kurtaxe.

Ein schöner Zeltplatz ist nicht alles. Was macht für Sie eine moderne Jugendherberge aus?
Dass Kinder und Jugendliche alles das vorfinden, was ihren Alltag und ihre Lebenswelt bestimmt.

Zum Beispiel?
Dass sie überall WLAN haben. Das ist wichtig, und dass wir technisch überall auf dem neuesten Stand sind.

Apropos WLAN: Gibt es auch manchmal Handyverbot?
Das haben wir bei den kleineren Kindern. Das legt der Lehrer entsprechend fest. Sobald sie aber ein gewisses Alter haben, können sie das sowieso nicht mehr verhindern. Das müssen wir auf der einen Seite bieten, auf der anderen Seite wollen wir auch den Rahmen schaffen, Gemeinschaft erlebbar zu machen.


Die Fragen stellte Robert Huger.
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