Bad Bocklet
Beruf

Traumberuf Altenpfleger: Mehr als Körperflüssigkeiten

Lisa Schmidt wird im Job psychisch und körperlich gefordert. Die Belohnung dafür bekommt sie jeden Tag von den Menschen, um die sie sich kümmert. Die Altenpflegerin erklärt, warum sie sich keinen anderen Beruf vorstellen könnte.
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Zeitzeugengeschichten hört Lisa Schmidt ständig in ihrem Alltag. Die 27-jährige Altenpflegerin genießt es, wenn sich die Menschen ihr anvertrauen und sich öffnen. "Für diesen Beruf muss man gemacht sein", sagt sie. Foto: Carmen Schmitt
Zeitzeugengeschichten hört Lisa Schmidt ständig in ihrem Alltag. Die 27-jährige Altenpflegerin genießt es, wenn sich die Menschen ihr anvertrauen und sich öffnen. "Für diesen Beruf muss man gemacht sein", sagt sie. Foto: Carmen Schmitt
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Neun Minuten braucht Lisa Schmidt, um abzuschalten. In den Stunden davor war sie Animateur, Frisör und Schauspieler. Mal die Tochter, mal der Ehemann, dann die Angestellte im Supermarkt. Sie hat sich schlagen und beschimpfen lassen. Nach ihrer Schicht setzt sie sich ins Auto, zündet sich eine Zigarette an, fährt nach Hause und lässt all das an ihrem Arbeitsplatz. Lisa Schmidt ist Altenpflegerin. Die 27-Jährige ist stolz auf das, was sie jeden Tag leistet.
Ihr Beruf ist ihre Berufung. Es erfüllt sie, anderen zu helfen. Inzwischen weiß sie: "Man muss auf Vieles gefasst sein."
"Die Pflege hat sich verändert", sagt Tanja Endreß. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Steinacher Pflegeheims "Pflegefamilie Endreß", wo auch Lisa Schmidt arbeitet. Heutzutage werden Angehörige solange wie möglich zu Hause gepflegt, erklärt sie. "Früher waren die Bewohner länger hier und die Pflege war körperlich nicht so anstrengend." Eine mühsame Arbeit, die nicht nur den Rücken belastet. "Man muss stark genug sein. Vor allem psychisch", sagt Lisa Schmidt. Sie musste das erst werden. Am Anfang, als sie vor zehn Jahren im Pflege-Geschäft anfing, hat sie noch von ihrer Arbeit geträumt.


Demenz geht an die Substanz

Die größte Herausforderung für sie: die Demenz. "Wenn nichts mehr ankommt, weiß man nicht, was gerade los ist." Gestik und Mimik: Die Altenpflegerin muss aus Feinheiten Signale deuten. Manchmal hilft es den Bewohnern, einfach da zu sein, manchmal tut ihnen Zuwendung gut, erzählt Lisa Schmidt. Ihr ist es wichtig, sich für die Menschen Zeit zu nehmen. "Ich kann mich auch mal zehn Minuten zu jemandem setzen." Und das ohne Druck. "Es ärgert mich, wie immer nur gezeigt wird, dass es den Menschen in Pflegeheimen schlecht geht." Je größer das Haus, desto größer der Zeitdruck für die Angestellten.


29 Betten, 18 Fachleute

Die Pflegefamilie Endreß in Steinach hat 29 Betten. Die Bewohner werden von 18 Fachleuten und Hilfskräften versorgt. "Wir liegen über dem Personalschlüssel", sagt Tanja Endreß. So will sie gewährleisten, dass freie Tage abgefeiert werden, nicht so viele Überstunden angehäuft werden und Zeit für die Menschen bleibt. Heute ist das Pflege-Team voll besetzt. Bis dahin war es kein leichter Weg.
Anfang des Jahres hat die stellvertretende Leiterin des Heims Unterstützung gesucht und Stellen ausgeschrieben. "Vor zehn Jahren hatte man auf eine Anzeige noch 20 Bewerber." Im Moment reagiere einer bis gar keiner auf eine Annonce. "Lange Zeit ist zu wenig ausgebildet worden", sagt Tanja Endreß. Ihr fällt es jetzt schon schwer, Hilfskräfte zu finden.
Vor fünf Jahren hat der Betrieb begonnen, selbst auszubilden. "Ansonsten hätten wir schon dicht machen können", sagt Tanja Endreß. Ab nächsten Monat sind drei Azubis bei der Pflegefamilie in der Ausbildung. "Man muss menschlich sein", sagt Lisa Schmidt. Viele ihrer Freunde arbeiten in einem Pflegeberuf. Wenn sie von ihrer Arbeit Beruf erzählt, wird sie immer wieder mit Klischees konfrontiert. "Oft verbinden die Leute nur Körperflüssigkeiten mit der Altenpflege."


Es ist ein schmaler Grat

Das findet sie schade. Für sie machen es Situationen aus wie diese: Eine demente Frau, die im Rollstuhl sitzt, ist oft aggressiv und wehrt sich. Mit einem Mal lehnt sie ihren Kopf an Lisa Schmidt und legt den Arm um sie. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die 27-Jährige bewegt. Emotionale Nähe zulassen und Distanz wahren. Gar nicht so leicht, besonders, wenn ein Mensch stirbt.
Lisa Schmidt ist gerade mit ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin fertig geworden. In ihrem Abschlusszeugnis hat sie einen Notendurchschnitt von 1,3. Jetzt will sie sich weiterbilden in den Richtungen Gerontopsychologie und Palliativpflege. Jeden Tag erlebt die 27-Jährige geistigen und körperlichen Verfall. "Es ist heftig, zu sehen, wie die Leute abbauen." Sie will den Menschen mit Würde gegenübertreten. Der Lohn: wenn sich die Menschen ihr öffnen.
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