Bad Kissingen
Erinnerungen

"Tante Kaiserin" kam zum Tee

Otto von Kapff wuchs im Sanatorium Dapper auf. Nach fast 75 Jahren kam er jetzt erstmals zurück an den Ort seiner Kindheit.
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Zu Besuch in der Kindheit: Otto von Kapff (85) mit (von links) Sohn Philipp, Ehefrau Ute und Tochter Cornelia im Dapper'schen Garten  Foto: Sigismund von Dobschütz
Zu Besuch in der Kindheit: Otto von Kapff (85) mit (von links) Sohn Philipp, Ehefrau Ute und Tochter Cornelia im Dapper'schen Garten Foto: Sigismund von Dobschütz
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Vor fast 75 Jahren hatte der Oberrealschüler Otto von Kapff mit seinen Eltern und zwei Schwestern die Kurstadt Bad Kissingen verlassen müssen. 1942 war Vater Wilhelm unerwartet gestorben, dem fünf Jahre zuvor - nach dem Tod des Gründers Carl von Dapper - als Oberarzt die Leitung des Sanatoriums in der Menzelstraße übertragen worden war. Erst zum diesjährigen Rakoczy-Fest kehrte der inzwischen 85-Jährige mit Ehefrau, Sohn und Tochter wieder an die Stätte seiner Kindheitsjahre zurück.
Was er als Kind niemals hatte tun dürfen, war ihm erst jetzt als Hotelgast im historischen Hauptgebäude des Privatsanatoriums erlaubt: Er durchschritt nicht nur die Tür, sondern übernachtete sogar in einem der Zimmer. "Früher war alles strikt getrennt, wir hatten keinen persönlichen Kontakt mit dem Sanatorium", erinnert sich Otto von Kapff.


Repräsentative Wohnung

Als Otto 1930 geboren wurde, lebten seine Eltern in einer herrschaftlichen Wohnung in Haus 4 auf dem weitläufigen Dapper'schen Sanatoriumsgelände. Vater Wilhelm von Kapff (1889-1942) arbeitete als Oberarzt bei Hofrat Carl von Dapper (1863-1937). Das repräsentative Mobiliar für die Wohnung (Kapff: "Dazu gehörte natürlich ein Flügel.") hatten sich die Eltern bei örtlichen Antiquitätenhändlern gekauft.
Die Wohnung musste standesgemäß eingerichtet sein, denn es kam doch gelegentlich vor, dass Gäste des Sanatoriums zum Tee kamen. An "Tante Kaiserin" erinnert sich der alte Herr besonders gern. Kaiser Wilhelms zweite Ehefrau Hermine hielt sich einige Male im Dapper zur Kur auf. Ottos Vater hatte im Winter 1928 im kaiserlichen Exil in Doorn (Holland) den mit ihm befreundeten Leibarzt vertreten. Prompt wechselte Prinzessin Hermine bei ihren Kissinger Kuraufenthalten vom Fürstenhof (1927) ins Dapper. Wenn sie dann mit der Kutsche ausfuhr, "durfte ich oben auf dem Kutschbock sitzen". Noch heute ist der Senior stolz auf sein Poesie-Album mit dem Eintrag der "Tante Kaiserin".


Mit Richard Strauss verwandt

Seit 1934 kam auch Richard Strauss häufig ins Dapper. Über die Münchner Brauerfamilie Pschorr war der Komponist mit Ottos Mutter verwandt. Wenn Strauss von der Mutter ins Haus 4 eingelassen wurde, begrüßte er sie immer mit "Frau Base", weiß der 85-Jährige noch genau.
Verschmitzt blitzen die Augen des Seniors, wenn er an seine Abfahrten im Dapper'schen Parkgelände mit seinem flotten "Holländer" denkt, ein durch Hebelkraft handbetriebenes vierrädriges Kinderfahrzeug. Vom rückwärtig am Berghang gelegenen Elternhaus ging es rasant den Weg abwärts, immer den elegant gekleideten Kurgästen ausweichend. "Das hat meine Mutter nicht gern gesehen und mich immer vor der Straße unten gewarnt."


Wegen Rudolf Heß zur Gestapo

Bis 1938 seien kaum Nazis als Gäste im Dapper gewesen, erinnert sich Otto von Kapff. Allerdings ließ sich NS-Reichsminister Rudolf Heß ab 1936 mehrmals wegen Schlaf- und Magenstörungen behandeln - mit unangenehmer Folge für die Familie. Nachdem Heß im Mai 1941 heimlich nach England geflogen war, wurde Wilhelm von Kapff von der Gestapo vorgeladen. Er wurde nicht nur nach Heß ausgefragt, sondern musste dessen Krankenakte aushändigen. "Meine Mutter war in großer Sorge."


Wendung durch Fleckfieber

Noch schicksalshafter war aber das Folgejahr: Nachdem im russischen Kriegsgefangenenlager in Hammelburg zwei Ärzte plötzlich an Fleckfieber gestorben waren, wurde Wilhelm von Kapff zur Untersuchung des Falles dorthin befohlen. Eine Schutzimpfung verweigerte man ihm, da diese nur Frontsoldaten vorbehalten war. Kapff vermummte sich am ganzen Körper und versuchte sich zusätzlich mit einem langen Regenmantel vor Ansteckung zu schützen. Zurück im Dapper verbrannte die Mutter die Kleidung, doch es war zwecklos. Nur zwei Wochen später starb der Dapper-Chef im Alter von 53 Jahren.
"Damit war unser Kissinger Leben vorbei." Mutter Carola zog "mit dem Sarg und drei Kindern" zu ihren eigenen Eltern nach Wald an der Alz (Landkreis Altötting), wo Vaters Leichnam beigesetzt wurde und seine Kinder aufwuchsen.
Der Hamburger Mäzen Hans von Ohlendorff, ebenfalls ein häufiger Gast im Dapper und zum Freund der Familie geworden, verschaffte später Otto von Kapff eine Lehrstelle im Hamburger Nobelhotel "Vier Jahreszeiten" und legte damit den Grundstein zu dessen Karriere in der internationalen Nobelhotellerie.
"Die Gastfreundschaft als Hotelier hat er in seinem Bad Kissinger Elternhaus gelernt", ist Sohn Philipp überzeugt. "Bad Kissingen hat ihn geformt", meint auch Ehefrau Ute. Denn seit 40 Jahren sammelt ihr Mann Trinkkurgläser aus ganz Europa. Inzwischen sind es 275 Stück.
"Ich habe gern hier gelebt", schwärmt der alte Herr von seinen Kindertagen im Dapper-Park, während er in den alten Gästebüchern des Sanatoriums die Eintragungen seiner "Tante Kaiserin" sucht. Schnell war der Zehnjährige mit dem "Holländer" auch rauf zur Botenlaube. Wieder blitzen die Augen: "Da haben wir ordentlich gespielt."


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