Bad Kissingen
Trauer

Sternenkinder: Ein Foto zum Abschied

Bilder helfen nach einer Totgeburt beim Trauern. Via Internet können Eltern Fotografen verständigen, die in der Klinik Fotos von Sternenkindern machen.
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Abschied vom Sternenkind: Eine Erwachsenenhand berührt kleine, leblose Finger. Vom Aussehen her erinnert das Bild an ein Foto aus einem normalen Baby-Shooting.  Foto: Kai Gebel/Dein-Sternenkind
Abschied vom Sternenkind: Eine Erwachsenenhand berührt kleine, leblose Finger. Vom Aussehen her erinnert das Bild an ein Foto aus einem normalen Baby-Shooting. Foto: Kai Gebel/Dein-Sternenkind
Wenn ein Sternenkind geboren wird, läuft im Kreißsaal oberflächlich vieles ab wie immer. Es wird gewogen, gemessen und angezogen. Die Hebammen fotografieren es, machen einen Fußabdruck und schreiben seinen Namen auf ein Bändchen. "Es ist wie eine normale Geburt, nur dass wir keine Herztöne hören", sagt Ramona Kühlmann, leitende Hebamme im Leopoldina in Schweinfurt. Das Baby schreit nicht. Es wird still geboren, weil sein kleines Herz bereits im Mutterleib aufgehört hat, zu schlagen.

Die Hebammen zünden Kerzen an und geben den winzigen, leblosen Körper der Mutter. Zum Abschiednehmen, zum Trauern. "In den meisten Fällen wollen sich die Eltern das Kind anschauen", berichtet Kühlmann. Manche Eltern bleiben stundenlang mit ihren Kindern in einem abgeschotteten Zimmer, bis der Leichnam von der Pathologie der Klinik abgeholt wird. "Das Loslassen und Abschied nehmen fällt sehr schwer", sagt sie.

Seit ein paar Jahren haben Eltern die Möglichkeit, über das Internet einen ehrenamtlichen Fotografen in die Klinik zu bestellen, der schöne Bilder von ihrem toten Baby zur Erinnerung anfertigt. Das ist beispielsweise über das Portal "Dein-Sternenkind" möglich. Die Infoflyer zu der Seite werden laut Kühlmann im Leopoldina zusammen mit weiterem Infomaterial rund um das Thema Trauer an die Betroffenen weitergegeben.


600 Alarmierungen jährlich

Kai Gebel, ein Fotograf aus dem Darmstädter Raum, hat die Plattform 2013 ins Leben gerufen und seitdem stark ausgebaut. 550 ehrenamtliche Fotografen decken momentan nahezu das gesamte Bundesgebiet ab. Sie arbeiten unentgeltlich und nehmen laut Gebel teilweise stundenlange Anfahrten in Kauf, um Betroffenen beizustehen. "Ein Teil der Trauerbewältigung für Eltern kann sein, sich ein Bild zu nehmen und seine Liebe zu dem Kind einzugestehen", sagt er. Das Portal stößt bei den Trauernden auf große Resonanz. Die Fotografen werden momentan zu bis zu 600 Einsätzen jährlich alarmiert, Tendenz steigend. Laut Statistischem Bundesamt wurden zuletzt jedes Jahr zwischen 2300 und 2800 Babys in Deutschland tot geboren. Im Schnitt hat also jeder fünfte Betroffene das Bedürfnis danach, eine Fotografie von seinem Sternenkind zu behalten.


Trauerbegleitung in Bad Kissingen

In solchen Fällen bietet die Christian Presl-Stiftung in Bad Kissingen Trauerbegleitung an. Dass die Eltern im Kreißsaal mit dem Totgeborenen allein gelassen werden und die Möglichkeit haben, Fotos machen zu lassen, hält Sozialpädagogin Maritta Düring-Haas für wichtig. "Alles was verabschiedet werden muss, muss auch begrüßt werden", sagt sie. Das geschieht in diesen schweren Stunden.

Eltern bauen in der Schwangerschaft eine intensive Beziehung zu ihrem Kind auf. Verlieren sie es, benötigen sie eine Erinnerung - etwas, damit das Kind vor Augen bleibt. "Es geht nicht darum, dieses Ereignis zu vergessen. Es gehört zur eigenen Biografie", erklärt sie. Natürlich löse ein Foto immer wieder großen Schmerz aus. Das ändere sich aber im Lauf der Trauerbewältigung. "Der Schmerz kann sich mit der Zeit in Zuneigung zu dem Kind verwandeln", sagt Düring-Haas.

Gabriela Amon, Klinikseelsorgerin am St. Elisabeth-Krankenhaus, begleitet die Beisetzungen von Sternenkindern auf der Himmelswiese im Parkfriedhof. "Es ist oft so, dass Eltern von der Beerdigung noch ein Foto machen lassen", berichtet sie. Vereinzelt werden auch Bilder von den Babys im Sarg aufgenommen. Entscheidend für ein Foto sei oft, wie versehrt das Kind ist. "Manchmal ist es der Frau lieber, das Ultraschallbild zu behalten, als noch alles heile war", sagt Amon. Trauern ist individuell. Als Andenken könnten genauso ein Spielzeug, eine Decke oder ein Namensschildchen genommen werden. Für die Betroffenen sei es nur grundsätzlich wichtig, eine Erinnerung in den Händen zu halten. Manchmal ist ein Foto eben das Einzige, was bleibt.


Schmerz der Eltern trifft auf Hilflosigkeit Außenstehender

Ein Kommentar
Es gehört zum schlimmsten, was Eltern zustoßen kann. Hochschwanger, spürt die Mutter plötzlich keine Bewegung des Babys mehr in ihrem Bauch. Das Kind stirbt, bevor es überhaupt geboren wurde . Als ob der Schicksalsschlag, der Schmerz und die Trauer nicht schlimm genug wären, wird die junge Frau später in ihrem Dorf auf der Straße von Bekannten geschnitten. Menschen, die sonst für ein freundliches "Guten Morgen. Na, wie geht's dir?", auf dem Weg zum Bäcker stehen geblieben sind, wechseln jetzt peinlich berührt die Straßenseite. So groß der Schmerz der Mutter auf der einen Seite ist, so groß ist die Hilflosigkeit der Außenstehenden auf der anderen Seite. Der Situation auszuweichen oder Ratschläge nach dem Motto "Kopf hoch, das Leben geht weiter", zu geben, sind für die Betroffenen allerdings wie ein Schlag ins Gesicht.

Dass da ein Baby gestorben ist, das eigentlich leben sollte, befremdet die Menschen. Und es berührt sie unangenehm, weil es sie daran erinnert, dass das Schicksal sie ebenfalls so hart treffen könnte. Das Thema wird also gemieden und dadurch zum Tabu. Dabei wäre es doch für die Eltern so wichtig, dass sich ihr Umfeld wie bei anderen Trauerfällen verhält: authentisch und rücksichtsvoll - "Es tut mir leid, was euch passiert ist", zu sagen. Es ist angebrachter, sein Beileid aufrichtig auszudrücken und vielleicht zu signalisieren, dass man als Hilfe zur Verfügung steht.

Außenstehende sollten akzeptieren, dass die Situation schwer ist und dass sich daran so schnell nichts ändert. Der Tod des Kindes gehört zur Biografie der Eltern. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass neben die Trauer über den Verlust irgendwann die Zuneigung tritt, das Baby wenigstens kurz gekannt zu haben.



Infos zu Fehl- und Totgeburten

Fehlgeburt Bei Aborten wird zwischen Früh- und Spätaborten unterschieden. Von einem Frühabort spricht man, wenn eine Frau den Embryo bis zur 14. Schwangerschaftswoche verliert. Fehlgeburten in der frühen Phase der Schwangerschaft kommen häufig vor, ab der 32. Schwangerschaftswoche liegen die Überlebenschancen eines Kindes bei mehr als 90 Prozent.

Totgeburt Stirbt ein eigentlich lebensfähiger Säugling kurz vor, während oder kurz nach der Geburt, wird von einer Totgeburt gesprochen. Im Leopoldina ereigneten sich 2015 zehn Totgeburten, dieses Jahr waren es bislang acht. Insgesamt kommen in der Klinik aktuell rund 1500 Kinder zur Welt. Hier entbinden traditionell viele Eltern aus dem Kreis Bad Kissingen. Eine Entwicklung, die durch die Schließung der Geburtsstation am St. Elisabeth-Krankenhaus noch einen Schub erfahren hat.

Bestattung Für Kinder unter 500 Gramm Körpergewicht haben Eltern ein Bestattungsrecht. Nehmen sie das nicht wahr, werden die Babys von den Kliniken beigesetzt. Für größere Säuglinge besteht eine Bestattungspflicht der Eltern. In Bad Kissingen findet einmal im Quartal eine Bestattung für Sternenkinder auf der Himmelswiese statt.


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