Bad Kissingen
Überfällig

Spätes Debüt

Beim Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gab der Dirigent Franz Welser-Möst seinen Einstand.
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Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt hat es geklappt: Franz Welser-Möst gab mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sein Debüt im Großen Saal des Regentenbaus. Foto: Gerhild Ahnert
Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt hat es geklappt: Franz Welser-Möst gab mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sein Debüt im Großen Saal des Regentenbaus. Foto: Gerhild Ahnert
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kommt ja erfreulicherweise jedes Jahr zum Kissinger Sommer. Und dennoch war das Konzert am Sonntag Abend eine Premiere. Denn zum ersten Mal stand ein Dirigent am Pult, der beim Festival wirklich noch gefehlt hatte: der Österreicher Franz Welser-Möst, der sich bereits vor vielen Jahren in der internationalen Spitze festgesetzt hat, obwohl er einer der (meistens) Ruhigeren ist.
Und noch etwas war zwar nicht neu, kam beim Kissinger Sommer bisher aber nur drei Mal vor: ein Sinfoniekonzert ohne Konzert, will heißen: ohne Solist. Obwohl das nicht ganz stimmt. Denn beim ersten Werk des Abends saßen 43 Solisten auf dem Podium: bei Ludwig van Beethovens Streichquartett a-moll op. 132 in der Einrichtung für Streichorchester von Franz Welser-Möst. Denn der Unterschied zur Originalpartitur ist im Wesentlichen, dass auch die Kontrabässe beteiligt sind. Ansonsten könnte man das Werk in Vierergruppen üben.
Natürlich: Wenn Beethoven eine Streichersinfonie hätte haben wollen, dann hätte er auch eine komponiert. Was das Streichquartett bei der Bearbeitung verliert, ist die Individualität der Stimmen, die direkte Konfrontation, die Kontraste der Instrumente. Und oft verleiert es auch die Agilität der Interpreten. Das war bei den Münchnern nicht zu befürchten, denn es spielte wirklich jeder mit einer Intensität, als säße er in einem Streichquartett. Der Verlust der Individualität wurde kompensiert durch einen Gewinn an Allgemeingültigkeit des Ausdrucks, was vor allem den dritten Satz, den berühmten "Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit" in einen völlig anderen Status hob. Und der Gesamtklang gewann an Gewicht, weil die Fundamentierung durch die Kontrabässe nachhaltig gestärkt wird.
Franz Welser-Möst scheint ein Dirigent zu sein, der die Klarheit schätzt, und da war ihm dieses Streichquartett wohl gerade recht. Denn es braucht starke Konturierung wegen der Ähnlichkeit des Instrumentalklangs, aber auch, weil op. 132 strukturell enorm viel zu bieten hat. So zeigte Welser-Möst die starken Kontraste und die Brüche, die dieses Werk prägen, ohne die inneren Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. Und er betonte die herausgehobene Stellung des dritten Satzes, der bei ihm den Charakter eines geradezu erleichterten Chorals bekam, indem er die Aspekte des Tanzes in den anderen Sätzen anklingen ließ, insbesondere in dem ins Ironische gezogenen "Alla marcia". Und er arbeitete den Scheinschluss, mit dem Beethoven seine Zuhörer foppte, besonders deutlich heraus.
Peter Tschaikowskys 1. Sinfonie g-moll op. 13 gab's dann im Plenum. Und das kam sofort zur Sache: Flöte und Fagott stimmten das Hauptthema an, die Klarinette ein erstes Seitenthema, die Blechbläser ein weiteres. Da zeigte sich schon etwas der Dramatiker der späteren Sinfonien. Wo diese Reise hinführen sollte, zeigte Welser-Möst auch im dritten Satz mit einem wunderbar herausgespielten, plastisch phrasierten Walzer, dem ersten, den Tschaikowsky verwendete. Im letzten Satz wurde die Kreisstruktur der Sinfonie deutlich, denn da tauchte im etwas lärmigen Getriebe das Hauptthema des ersten Satzes wieder auf.
Ein bisschen wurde Tschaikowskys sinfonischer Erstling dabei aber auch ein Opfer der Welser-Möstschen Klarheit: Denn man merkte, dass er den gipfel der Kunst noch nicht erreicht hatte. Vieles hätte er später anders, intensiver, phantasievoller gestaltet. Aber er musste ja mal anfangen.
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