Bei sechs Umstrukturierungen in rund 20 Jahren drohe eine Reformmüdigkeit der Familien, sagte er gestern beim 16. Tag der Infanterie in Hammelburg. Die Reformen hätten den Betroffenen einiges abverlangt, da viele Soldaten mehrfach den Standort wechseln mussten. "80 Prozent der Familien ziehen nicht mehr mit um, sodass auch schon von einer Armee der Pendler geredet wird", sagte Kirsch.
Das Äußerste abverlangt werde den Soldaten im Auslandseinsatz. 53 seien in Afghanistan gefallen, zumeist Infanteristen. Darüber hinaus hätten viele Schaden an Leib und Seele genommen. Die langen und immer wiederkehrenden Einsätze stellten vor diesem Hintergrund eine große Belastung für die Soldaten und ihre Familien dar. Nicht ohne Grund gebe es eine hohe Trennungsquote. Die Schaffung von 42 statt 39 Infanteriekompanien sei überfällig gewesen.
Die Betreuung der Verwundeten werde allmählich besser, aber eine zentrale Stelle fehle. "Eine posttraumatische Belastungsstörung ist sehr schwer zu erkennen", betonte der Verbandsvorsitzende. Ausdrücklich begrüße er die geplante Einführung von "Betreuungslotsen" an allen Standorten, der den Betroffenen durch den "Dschungel" der Anträge leite.

"Besteuerung falsches Signal"


Der Umbau der Bundeswehr sollte sich an der sicherheitspolitischen Lage und den Erfordernissen der Einsätze orientieren und nicht an den Sparzwängen des Bundes, so Kirsch. Der Paradigmenwechsel vom Wehrdienst mit dem "Staatsbürger in Uniform" hin zur Freiwilligenarmee habe ihn erstaunt.
Rund 15 000 Freiwillige pro Jahr benötige die Armee, um den Wegfall der Grundwehrdienstleistenden zu kompensieren. Bislang sei die Nachfrage auch recht groß, doch sei zweifelhaft, ob dies so bleibe, zumal auch viele den Dienst vorzeitig quittierten.
"Eine Besteuerung, selbst nur eines Teils der Bezüge, ist das falsche Signal", warnte Kirsch die Finanzpolitiker. Die Vergütung sei eine Art Taschengeld. Wenn davon noch etwas abgezogen werde, schmälere das den Charakter eines Dienstes an der Gesellschaft.

"Konkurrenz um beste Köpfe"


Generell müsse die Bundeswehr einiges tun, um als Arbeitgeber attraktiv für junge Leute zu sein. Angesichts sinkender Arbeitslosenzahlen, Fachkräftemangel und geburtenschwacher Jahrgänge entstehe ein harter Wettbewerb. "Die Konkurrenz um die besten Köpfe und geschicktesten Hände hat bereits begonnen", machte der Oberst deutlich.
Der Präsident des Bundes der Infanterie ging ebenfalls auf die Auslandseinsätze ein. "Gefallene. Dieses schmerzhafte Wort ist uns über Jahre erspart geblieben", sagte Generalleutnant Rainer Glatz. Die Infanterie stehe vor großen strukturellen Veränderungen. Daher sei Zusammenrücken und Zusammenhalten gefragt. Den Soldaten im Ausland und den Familien daheim gelte für die Last, die sie tragen, "Respekt und Anerkennung". Bundespräsident Joachmim Gauck habe festgestellt, dass die Bundeswehr im öffentlichen Bewusstsein nicht sehr präsent sei. Dies zu ändern, wolle der Bund der Infanterie seinen Beitrag leisten.
Brigadegeneral Günter Engel, Kommandeur der Infanterieschule, nannte den jüngsten Umbau der Armee die einschneidendste Reform in der Geschichte der Bundeswehr. Bei den Soldaten im Einsatz stehe die Infanterie immer an erster Stelle. "Sie sind meist im Brennpunkt, wo es am gefährlichsten ist", unterstrich der General.
Zum Tag der Infanterie strömten gestern rund 1000 Gäste aus dem In- und Ausland auf den Lagerberg, um sich über Neuerungen der Truppengattung zu informieren. Jäger, Gebirgsjäger und Fallschirmjäger führten vor, was Infanteristen alles leisten. Eine Ausstellung von Rüstungsfirmen informierte zudem über technische Innovationen bei der Ausrüstung der Armee.
Seit der Aussetzung der Wehrpflicht vor gut einem Jahr wird es für die Bundeswehr schwieriger, Nachwuchs zu gewinnen. "Früher stammten bis zu 40 Prozent der Soldaten aus den Reihen der Grundwehrdienstleistenden", machte Oberst Ulrich Kirsch deutlich.
Dieser Tag wird seit vorigem Jahr daher auch dazu genutzt, um Schüler über die Ausbildungsmöglichkeiten bei den Streitkräften zu informieren. So kamen am Donnerstag rund 560 junge Leute auf den Lagerberg. Die Soldaten stellten interessierten Schülern ihre Arbeit vor, erläuterten ihre Ausrüstung und standen Rede und Antwort.

Geteilte Meinungen


Manuel (16) meinte, er könne sich durchaus vorstellen, später einmal zur Bundeswehr zu gehen, konkrete Pläne habe er aber noch nicht. "Es gibt ein breites Angebot, man kann eine Ausbildung machen und studieren, außerdem bekommt man ein gutes Gehalt", so der Gymnasiast. Die Bundeswehr biete auch interessante Berufsfelder.
Omero (17) winkt hingegen ab. "Das ist nicht so mein Ding. Ich will nach dem Abitur studieren gehen", erklärt der Gymnasiast. Auch sein Freund Alex (17) kann sich nicht für die Bundeswehr begeistern. Die beiden wollen lieber Bauingenieur oder Wirtschaftsingenieur werden.
Dietmar (22) weiß noch nicht so genau, was die berufliche Zukunft so alles bringt. Erst einmal möchte er seine Ausbildung beenden. "Wenn ich zur Bundeswehr gehen würde, dann müsste es irgendwas mit Schwimmen sein, vielleicht Kampftaucher", meint der Berufsschüler.