Bad Kissingen
Theaterring

Schulkampf im Kurtheater

Grundschullehrerin Sabine Müller muss sich gegen Eltern ihrer 4. Klasse verteidigen, die sie loshaben wollen. Lutz Hübners Komödie "Frau Müller muss weg" war ein Riesenerfolg im ausverkauften Haus in Bad Kissingen.
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Grundschullehrerin Sabine Müller muss sich gegen Eltern ihrer 4. Klasse verteidigen, die sie loshaben wollen. Lutz Hübners Komödie "Frau Müller muss weg" war ein Riesenerfolg im ausverkauften Haus. Foto: Ahnert
Grundschullehrerin Sabine Müller muss sich gegen Eltern ihrer 4. Klasse verteidigen, die sie loshaben wollen. Lutz Hübners Komödie "Frau Müller muss weg" war ein Riesenerfolg im ausverkauften Haus. Foto: Ahnert
Lutz Hübner ist ein Phänomen im deutschen Theater. Zusammen mit seiner Ehefrau Sarah Nemitz hat der 1964 geborene Autor schon um die 40 Stücke geschrieben und war schon in einigen Jahren der meistgespielte Autor auf deutschen Bühnen, vor Brecht und Schiller und auch Shakespeare.
Grund ist sein absolut sensibles Gespür für die unmittelbare Gegenwart, die jeweils in der Luft liegenden brisanten Themen des Lebens in Deutschland.
Hinzu kommt die Fähigkeit, perfekt konstruierte, raffiniert durchdachte Handlungen und treffsicher geschriebene Dialoge zu konzipieren, die dem Zuschauer das Gefühl geben, als sei all dies ein mit versteckter Kamera aufgenommener, unvermittelter Blick in die Wirklichkeit.
Beim Gastspiel der Truppe des Euro-Studio Landgraf im Rahmen des Theaterrings im Kurtheater mit dem 2010 in Dresden uraufgeführten Stück "Frau Müller muss weg" ist dies der Kampf in den Klassenzimmern der 4. Jahrgangsstufe der Grundschule um die - zumindest aus Sicht vieler Eltern - lebensentscheidende Frage: Wer darf ins Gymnasium, wer nicht?
Ein Elternpaar, ein Vater und zwei Mütter sehen sich als Sturmspitze der Kampagne "Frau Müller muss weg", mit der sie die erfahrene Lehrerin aus dem Amt mobben möchten, da diese doch schuld sein muss, wenn ihre Kinder in diesem Kampf versagen. Ihre Vorwürfe speisen sich aus den nur manchmal richtigen Erzählungen der Kinder über die Strenge, psychische Labilität und Laxheit der Pädagogin in Sachen Disziplin und die Elternvertreter unternehmen es, ihr dies unmissverständlich klar zu machen. Das ist die Initialzündung für eine eigentlich sehr gründliche Auseinandersetzung mit all den Faktoren, die zu diesem Kampf führen.

Urkomisches Stück

Aber diese Auseinandersetzung macht der Dramatiker so geschickt an den sechs Charakteren und ihren jeweils privaten Geschichten, Arbeitslosigkeit, Wechsel des Wohnsitzes für die ganze Familie, eheliche Untreue, fest, dass sie spannend und höchst abwechslungsreich, und vor allem vergnüglich rüberkommt und so gar nichts hat von Dokutainment oder typisch deutschem "Problemstück". Denn die Beobachtung der Menschen in freier Wildbahn kann nicht nur bei der "Versteckten Kamera" urkomisch sein, sondern auch einfach so, in ihrem richtigen Leben.
Es ist ein großes Glück, dass sich Regisseur Kay Neumann bei seiner Inszenierung an diesen Grundsatz hielt, und nicht - wie bei der Verfilmung des Stücks geschehen - sein Heil in der Übertreibung gängiger Klischees von Eltern und Lehrern suchte und den Humor in einem Feuerwerk von Slapstick und drastischer Sprache. Er ließ dem Thema seine Ernsthaftigkeit und beließ seine Personen in der Welt des Wahrscheinlichen.
Und siehe da! Auch im Kurtheater amüsierte sich das Publikum, gab es viele Lacher und immer wieder Szenenapplaus. Denn Hübners Stück muss nicht aufgepeppt werden um zu wirken. Es braucht ein perfekt naturalistisches Setting und ein ausgezeichnetes Ensemble.
Für Ersteres zeichnete Ausstatterin Monika Frenz verantwortlich und sie hatte nicht nur an alles gedacht, was sich in einem heutigen "Klassenzimmer einer Grundschule in Dresden" so findet, sondern sich von Mindener Grundschülern sogar die Bilder für die Klassenzimmer-Pinnwand malen lassen.

Ausgezeichnet besetzt

Und natürlich war die Landgraf-Truppe wieder ausgezeichnet besetzt. Alle haben sie eine solide Schauspielausbildung, haben an einigen Bühnen gespielt, aber fast alle sind auch schon lange, Sabine Müller seit 1971, feste Größen im deutschen Fernsehen.
Dass auch das Spielen auf der Bühne im echten Rampenlicht enorm großen Spaß macht, zeigten auch diese Fernsehstars an diesem Abend.
Schon einige Male auf der Bühne des Kurtheaters stand Wolfgang Seidenberg in Königsdramen und anderen sehr ernsthaften Stücken. Dass ihm die Darstellung des prolligen Hausmanns und arbeitslosen Fernmeldetechnikers Wolf Heider, des Elefanten im Porzellanladen bei den anfangs so angestrengt anständigen und bemüht ordentlichen Klasseneltern, viel Spaß machte, konnte er den ganzen Abend über mit großer Bühnenpräsenz in der Darstellung des Losers, der sich mit kleinen Love Affairs tröstet, vermitteln.
Iris Boss gab sehr überzeugend die ein bisschen unsichere, sensible Alleinerziehende Katja Grabowski, die sich nur aus Solidarität mit den anderen gemein macht, und deren gespielte Souveränität erst aufbricht, als sie erfährt, dass ihr Sohn Fritz, der Klassenbeste, von ADHS-Kind und Klassenclown Lukas Jeskow geschlagen wurde, ohne dass er ihr das erzählt hat.
Die Jeskows treten als einziges Paar auf; Katrin Filzen spielte Lukas' Mutter Marina mit ausgefeilter Körpersprache, ständig schwankend zwischen ihrer absoluten, bis zu völligem Ausschalten aller Kritik an ihm gehenden Liebe zu ihrem Sohn, ihrem Heimweh nach Köln, ihrem Aufmüpfen gegen ihren in den Osten zwangsversetzten Mann und ihren festen Vorstellungen von Anstand und Gutmenschentum. Thomas Martin zeigte sehr überzeugend ihren Ehemann Patrick als ebenso unsicheres und deshalb zu extremen Einschätzungen und Ausbrüchen neigendes Möchtegern-Mannsbild.
Zwischen den Leskows und den zwei Ossis Heider und Grabowski gibt es immer wieder Scharmützel, doch haben alle die typische Wessi-Managerin Jessica Höfel zu ihrer Klasseneltern-sprecherin gemacht. Andrea Lüdke versah sie mit glatter, straffer Effektivität und arroganter Skrupellosigkeit im Umgang mit der Handtasche und dem Privatleben der Lehrerin. Diese spielte Claudia Rieschel sehr eindrucksvoll in ihrer nachdenklichen Verletzlichkeit ebenso wie in ihrer selbstbewussten Souveränität.

Publikum restlos begeistert

Das Publikum war restlos begeistert von diesem ziemlich realistischen Blick in den heutigen Schulalltag, dessen tragikomisches Potenzial in der Aufführung dieser Truppe so hautnah rüberkam. Es gab langen, begeisterten rhythmischen Beifall, bis die Schauspieler einfach nicht mehr rauskamen nach diesem großartigen Abend.
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