Das Hochrad reizt Ivan Sojc besonders. Darauf fühlt er sich frei, lebendig und in eine völlig andere Zeit versetzt. Souverän sitzt er im Sattel, die Hände hat er fest am Lenker. Leichtfüßig tritt er in die Pedale und fährt schwungvoll um die Kurve. Seine Augen strahlen. Jetzt ist er ganz in seinem Element. Seit er 14 Jahre war, zählt alles, was zwei Räder hat, zu seiner großen Leidenschaft. 230 Fahrzeuge nennt er inzwischen sein Eigen. Seine Sammlung gilt als die umfassendste Sammlung historischer Fahrräder in Deutschland. Im Deutschen Fahrradmuseum in der "Villa Füglein" im Staatsbad Bad Brückenau können Radelfans die seltenen Fahrräder bestaunen.
Auf 500 Quadratmeter stellt Ivan Sojc gemeinsam mit Mona Buchmann die seltenen Fahrräder aus. Hoch- und Dreiräder, Niederräder ("Safeties") und Sicherheitsräder mit Kettenantrieb - nichts wird ausgelassen und immer im zeitgeschichtlichen Zusammenhang erklärt. Die beiden Initiatoren des Museums sind stolz auf ihre Ausstellung: "Das ist ein einzigartiger Kulturbetrieb." Vor allem Sojc träumte schon immer davon. Er wollte dem Fahrrad ein Denkmal setzen. Gerade in der heutigen Zeit, in der die typischen, ursprünglichen Fahrradläden von damals längst sterilen Bike-Shops gewichen sind. Inzwischen herrsche ein neuer Typ von Fahrrad: "Heute ist das Fahrrad nicht mehr nur Verkehrsmittel, sondern auch Lifestyle-Produkt. Die alten Strukturen sind gebrochen", erklärt der Geschäftsführer Ivan Sojc.

Zusammenspiel der Sinne


Der gelernte Tischler ist schon in seinen jungen Jahren bewusst jede Strecke mit dem Fahrrad gefahren, der Umwelt zuliebe. Den Führerschein machte er erst mit 25 Jahren, und selbst dann setzte er sich lieber aufs Rad. Bayern, Deutschland, die Niederlande, Korsika und sogar Amerika erkundete er auf zwei Rädern. "Sehen, riechen, erfahren - das ist beim Fahrradfahren alles eins", schwärmt Sojc. Dass man auf dem Fahrrad einzig und allein durch seine eigene Körperkraft überall hinkommen kann, fasziniert ihn. Aber es geht ihm auch ums bloße Unterwegssein: "Im Flugzeug werde ich in zwei Stunden von der einen in die andere Welt katapultiert. Beim Fahrradfahren ist das Ankommen dagegen ganz bewusst."
Gesellschafterin Mona Buchmann, die einige Semester Architektur studierte, betrachtet das Fahrrad dagegen von einer ganz anderen - künstlerischen - Seite. Für sie ist es vor allem ästhetisch, ein Kunstwerk, sowohl in Form, Material und Verarbeitung. Außerdem begeistert sie noch eine ganz andere Sache: "Im Auto ist die Geschwindigkeit zu schnell für uns, wir haben keinen Bezug mehr zur Außenwelt. Auf dem Fahrrad ist unser Geist dagegen fähig, Veränderungen der Landschaft wahrzunehmen."

Touren auf Nostalgierädern


Ivan Sojc' Sammlerherz ist immer auf der Suche nach neuen historischen Ausstellungsstücken. Schnell brachte ihm das den Beinamen "Trüffelschwein der Fahrräder" ein. Glanzstück seiner Sammlung ist eine Original-Laufmaschine von 1820, sie ist das älteste Fahrzeug des Museums. Auch tausende von Einzelstücken hat Sojc gesammelt: historische Leuchten, Ritzeln, Reparatur-Sets, Fahnen von Fahrrad-Vereinen, zeitgenössische Reklame, Firmenschilder und zahlreiche Klingeln.
Mit Begeisterung bietet Ivan Sojc außerdem Hochradkurse und geführte Fahrradtouren auf Nostalgierädern der dreißiger bis fünfziger Jahre an. Dem Erlebnis mit und auf dem Fahrrad sind keine Grenzen gesetzt. Im Deutschen Fahrradmuseum geht es eben immer rund.

Öffnungszeiten und Wanderausstellungen


Das Deutsche Fahrradmuseum im Staatsbad ist geöffnet dienstags bis freitags 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr. Montag ist Ruhetag. Weitere Informationen Tel. 09741/ 938255 oder unter www.deutsches-fahrradmuseum.de
15 Jahre führten Ivan Sojc und Mona Buchmann in Schönhofen bei Regensburg das Fahrradmuseum "Radwerk". 2001 wurden sie auf die "Villa Füglein" aufmerksam. 2002 wurde der Kooperationsvertrag mit der Stadt geschlossen. 2004 öffnete das Museum als gemeinnützige GmbH seine Pforten. Seither hat das Museum rund 8500 Besucher pro Jahr.
Das Deutsche Fahrradmuseum bietet zwei Wanderausstellungen in anderen Museen, Firmengebäuden oder Einkaufszentren. "Mobile Kinderwelten" zeigt seltene, originalerhaltene Kinder- und Puppenwägen, Fahrräder, Dreiräder und muskelbetriebene Fahrzeuge. Bei der Ausstellung "Rad und Sport" reicht das Spektrum vom Rennhochrad von 1884 über das mit Holzfelgen ausgestattete dreißiger Jahre Berufsfahrer-Modell bis zur aerodynamischen Zeitfahrmaschine.
2004 war Bad Brückenau Gastgeber für die siebten Velocipediade, das Deutschlandtreffen für Freunden historischer Fahrräder. 2005 richtete die Stadt das Welttreffen aus. shx