Jetzt hat auch die Belegschaft die offizielle Bestätigung: Am Mittwoch, 31. Oktober gehen bei der Bayerischen Milchindustrie (BMI) an der Winkelser Straße endgültig die Lichter aus. Dann ist Quark aus Bad Kissingen endgültig Geschichte.

Im April 2011 hatte die Nachricht aus der BMI-Zentrale in Landshut in Bad Kissingen wie eine Bombe eingeschlagen: Die Quarkerei sollte 2012 geschlossen und die Produktion an den BMI-Standort Zapfendorf bei Bamberg verlegt werden - trotz schwarzer Zahlen und bester Qualitätsproduktion. Die Mitarbeiter - viele von ihnen schon lange Jahre dabei - waren ratlos und frustriert. Im Sommer wurden dann Interessensausgleichs- und Sozialplanverhandlungen geführt, die unter anderem das Ziel hatten, die Produktion bis zum Ende aufrecht zu erhalten.

Was wird aus den Mitarbeitern?


Und wie sieht die Situation heute aus? "Die Anlagen für die 40- bis 75-Gramm-Packungen sind abgebaut und nach Zapfendorf verlagert", sagt Betriebsratsvorsitzender Steffen Reitelbach. "Auch die 5- bis 10-kg-Eimer werden dort produziert. Die Maschinen stehen allerdings noch hier. Den Rest produzieren wir noch: Magerstufe, 20 und 40 Prozent, Frucht- und Kräuterquark in 150- bis 500-g-Packungen." Und das teilweise sogar in drei Schichten. Zumal in letzter Zeit noch ein Kräuterquark-Großauftrag von Lidl eingegangen ist.

Und was wird vor allem aus den Mitarbeitern? Immerhin waren es einmal 55. "Im Moment sind noch 35 da", sagt Reitelbach. Zwar hat die BMI allen einen Arbeitsplatz in Zapfendorf oder Würzburg angeboten, weil man auf das Knowhow der Kissinger offenbar nicht verzichten will. Und neun Kollegen haben dieses Angebot angenommen. Aber nicht jeder ist so flexibel, dass er so ohne weiteres seine Zelte in Bad Kissingen abbrechen kann. "Ich habe hier gebaut und will hier bleiben", meint Reitelbach - natürlich um den Preis, dass er sich beruflich neu orientieren muss. Denn freie Arbeitsplätze für Molkereifachleute gibt es in der Region nicht. Drei Kollegen sind alt genug, um über eine befristete Arbeitslosigkeit in den Vorruhestand gehen zu können - "auch wenn sie sich das früher anders vorgestellt haben". Die übrigen suchen noch nach Alternativen. Wer gar nichts findet, hat im Notfall auch nach dem 31. Oktober jederzeit die Möglichkeit, in den BMI-Betrieben Zapfendorf oder Würzburg unterzukommen: "Das hat die Geschäftsführung zugesichert."

Stadtwerke Bad Kissingen betroffen


Die Stimmung im Betrieb ist kurz vor der Schließung ziemlich zwiespältig. Einerseits sei es der Geschäftsleitung bis jetzt nicht gelungen, die Notwendigkeit der Schließung und der Verlagerung so zu begründen, dass die Mitarbeiter sie verstehen: "Man bekommt keine ehrlichen Antworten", meint einer von ihnen. Andererseits läuft der Laden immer noch reibungslos, wie Reitelbach betont: "Da ist noch ein unglaublicher Zusammenhalt, der über die Jahre gewachsen ist."

Wer dem BMI-Betrieb eine besonders dicke Träne nachweinen wird, sind die Stadtwerke Bad Kissingen. Denn die BMI ist einer ihrer größten Kunden. Allein der Wegfall des Abwassers ist so groß, dass Euerdorf seine Abwässer künftig auch problemlos in Bad Kissingen entsorgen könnte. Auch im Energiebereich war die BMI einer der größten Kunden. "Das ist eine absolut traurige Geschichte, die uns doppelt trifft", sagt Stadtwerkechef Manfred Zimmer. Zum einen waren die Winkelser wichtig bei dem Ausgleich von Verbrauchsspitzen: "Das war eine Vergleichmäßigung in bester Form, weil das Gas und auch der Strom rund um die Uhr benötigt wurde und nicht nur an kalten Tagen."

Gewerbesteuer für die Stadt fällt aus


Vor allem aber schlägt sich der Verlust in barer Münze nieder: 3,5 Millionen Kilowattstunden hat die BMI jährlich verbraucht und 7,5 bis 8 Millionen Kilowattstunden Gas - so viel wie 270 Haushalte. Dabei geht es Zimmer nicht um den Verkauf der Energie: "Stromkunde ist die BMI bei uns nie gewesen. Der Strom wurde für alle Betriebe von Landshut eingekauft." Das sei beispielsweise bei Steigenberger genauso gewesen und so gesehen sei der Weggang zu verschmerzen. Aber was Zimmer leidvoll spüren wird, ist der Verlust des Netzentgeltes für die Durchleitung: "Diese Netzentgelte sind verloren, und wir haben keine Chance, einen ähnlichen Kunden zu finden."

Auch der Kissinger Stadtsäckel wird die Schließung schmerzhaft spüren, denn der Verlust an Gewerbesteuer wird erheblich sein: "Wie viel das ist, kann ich Ihnen nicht sagen, ohne gegen das Steuergeheimnis zu verstoßen", sagt Gerhard Müller vom städtischen Steueramt.