Die Staatsanwaltschaft Hanau rechtfertigt deren kompromissloses Vorgehen mit der Fürsorgepflicht gegenüber den Beteiligten.

Für Oberstaatsanwalt Thomas Geschwinde war das Vorgehen der Polizeibeamten bei der Durchsuchung von Pizzerien in Bad Kissingen, Oerlenbach, Eltingshausen und Münnerstadt offenbar in Ordnung. Es sei in dieser Form zwar nicht üblich, aber durchaus notwendig. Geschwinde: "Da kann man keinen Schutzpolizisten hinschicken, der freundlich klingelt, wie es normal ist." Federführend war bei dieser Aktion die Staatsanwaltschaft Hanau. Ihr Sprecher Geschwinde sagte, das Vorgehen sei ein "Teil eines großen Komplexes" gewesen. Er sprach auch von möglicherweise bandenmäßiger Begehensweise. Auch sei unklar gewesen, ob eventuell Waffen im Spiel waren, so Geschwinde.

Wie berichtet, hatten Staatsanwaltschaft Hanau und Kriminalpolizei seit längerem gegen mehrere Italiener und Deutsche ermittelt. Gegen sie besteht der Tatverdacht, aus Italien "Blüten" - 20, 50 und 100 Euro - in größeren Mengen aus den Fälscher Werkstätten der "Napoli Group" importiert zu haben. Dieses Falschgeld würde "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" bei der Aktion gefunden werden, heißt es im Durchsuchungsbeschluss. Außerdem erhofften sich die Fahnder Hinweise über die Herkunft der Falsifikate und die Veräußerungswege sowie auf weitere Mittäter. Schließlich suchte man auch nach schriftlichen Unterlagen. Im Landkreis Bad Kissingen erfüllten sich diese Erwartungen allerdings nicht.

Thomas Geschwinde rechtfertigte die Vorgehensweise mit der Fürsorgepflicht des Staates den Beamten gegenüber. Im Einsatz seien "eine ganze Menge, mehrere Dutzend" Kräfte des Landeskriminalamts aus München gewesen. Über das Ergebnis der Aktion konnte Geschwinde nichts sagen, die Auswertung laufe noch.

Auf die Frage, wer für den nicht unerheblichen Sachschaden aufkomme, sagte der Oberstaatsanwalt, gegebenenfalls werde der von der Justiz erstattet. Das werde sich im Laufe des Verfahrens noch ergeben.
Der Anklagevertreter stellte auch klar, dass sich der Verdacht in einigen Fällen nicht gegen die Inhaber der Pizzerien gerichtet habe, sondern gegen deren Angestellte. Keinesfalls aber dürfe der Eindruck entstehen, die Restaurants sollten von Gästen nicht mehr besucht werden.

In der Tat wurden die Beamten bei keinem der durchsuchten Objekte im Kreis fündig.

Der überfallartige Zugriff zu sehr früher Stunde wurde von vielen Anrainern gar nicht registriert. Theo Dollinger (Oerlenbach) sagte, in der Nacht, er sei im Bett gelegen, habe es "einmal gekracht". Er habe gedacht, "Jungfüchse" (Jugendliche) hätten einen Böller angezündet.

Hoffnungen erfüllten sich nicht


In Münnerstadt verhinderte der Hauseigentümer Schlimmeres. Ernst Glasauer setzte durch, dass er - unter Polizeischutz - aufschließen und den Raum als Erster betreten durfte. Das hat sich durchaus positiv auf den Zustand der Türe ausgewirkt.

Den Durchsuchungen waren umfassende und langwierige Observationen vorausgegangen. Ein mobiles Einsatzkommando hatte beobachtet, wie sich die Brüder Nicola und Trieste P. aus Hanau und Frankfurt mit ihrem italienischen Landsmann Ciro M. trafen. M. gilt als Abnehmer der Scheine. Das Trio hat dann einige Objekte in Hanau und Bad Kissingen angefahren, so die Polizei. Dabei habe es sich um Kontakte gehandelt, die Nicola P. bereits in einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Würzburg wegen Geldfälschung gehabt habe. Damals habe er Gaststätten in Bad Kissingen, Münnerstadt und Oerlenbach "nachweislich" mit Blüten beliefert. Deshalb wurde er auch zu sechseinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Diese Kontakte, so der Ermittlungsrichter weiter, scheine er nach wie vor zu haben. O-Ton: Auch bestehe der konkrete Verdacht, dass P. die Inhaber/Angestellten von drei Pizzerien (im Raum Bad Kissingen) nach wie vor beziehungsweise wieder (...) beliefere.

Das Trio aus Hessen hat sich nach den Ermittlungen der Polizei in den Restaurants in Bad Kissingen, Oerlenbach und Münnerstadt zehn bis 45 Minuten aufgehalten. Eine Übergabe sei nicht festgestellt worden.

"Unmittelbar vor dem Abschluss"


Darüber hinaus haben die Fahnder nach eigenen Angaben festgestellt, dass P. eine größere Menge Falschgeld - unter anderem an einen Abnehmer in Köln - vorbereite, beziehungsweise vorzeige und Bestellungen aufnehme. Das hätten Telefonate und P.'s Bewegungen ergeben. Sein älterer Bruder Trieste sei in die Transaktionen eingebunden.

Ende Mai habe sich Nicola P. erneut nach Bad Kissingen aufgemacht. Vom Ostring aus habe er um 20.30 Uhr seinen Sohn Raffaele angerufen. Dann habe er sein Handy ausgeschaltet und erst wieder um 21.56 Uhr aktiviert. Er machte sich auf den Heimweg. Die Kripo konnte den Verdächtigen in der Zeit nicht orten. Es könne jedoch gesagt werden, dass es P. möglich gewesen wäre, auch die hier als "Bunkerhalter" verdächtigen Lokalitäten in Münnerstadt und Oerlenbach aufzusuchen.

Aus Sicht der Kriminalpolizei, so der Durchsuchungsbeschluss, "diente diese Fahrt zur Abklärung der letzten Details des avisierten Falschgeld. Somit dürfte der Falschgeldhandel unmittelbar vor dem Abschluss stehen". Ob P. einen Kurier einsetzen oder die Blüten selbst aus dem Bereich Unterfranken nach Hanau beziehungsweise Frankfurt bringen wird, dürfte hierbei ebenfalls besprochen werden.