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Neues vom Magier

Arcadi Volodos spielte im Großen Saal des Regentenbaus Kompositionen von Robert Schumann, Johannes Brahms und Franz Schubert.
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Auf der Lichtinsel: Arcadi Volodos spielte Schumann, Brahms und Schubert. Foto: Ahnert
Auf der Lichtinsel: Arcadi Volodos spielte Schumann, Brahms und Schubert. Foto: Ahnert
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Die Mätzchen hat seinerzeit Swjatoslav Richter angefangen: eine Viertelstunde zu spät auf die Bühne kommen, das Licht im Saal löschen lassen, dass niemand mehr in sein Programm schauen kann, und dann in einer matten, kleinen Insel des Licht am Flügel zu sitzen und die Welt und damit auch das Publikum zu vergessen (bei Richter war es noch eine Stehlampe).

Grigory Sokolov hat diese Maßnahme zum Stromsparen schon vor vielen Jahren übernommen - und jetzt also auch Arcadi Volodos. Offiziell soll's ja sein, damit das Publikum ungestörter seine Aufmerksamkeit auf die Musik fokussieren kann. Aber trauen die Herren ihrer eigenen Faszinationskraft so wenig, dass sie die Konkurrenz der Umgebung ausblenden müssen?

Arcadi Volodos hätte dazu ja nun wirklich überhaupt keinen Grund. Zum einen, weil man bei ihm bei etwas mehr Licht gut sehen könnte, dass ihm seine Musik ein ganz persönliches anliegen ist, weil er im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen aus seiner Liga über eine ausdrucksstarke Körper- und Mienensprache beim Spielen verfügt, die auch einiges über ihn aussagt.

Außerdem kann Arcadi Volodos sein Publikum durchaus unabhängig von der Lichtstärke faszinieren, auch wenn er es ihm nicht immer leicht macht. Etwa mit der Auswahl der Stücke wie jetzt, als er sein Recital mit Robert Schumanns Papillons op. 19 begann, zwölf Miniaturen, die wohl unter dem Einfluss des Romans "Flegeljahre" von Jean Paul entstanden sind. Die einzelnen Teile sind so kurz, dass sie ein Einschwingen auf die Musik, aber damit auch auch den Interpreten schwer machen. Der Beifall war - noch - etwas verhalten.

Dabei waren die Papillons wirklich glänzend gespielt mit sehr gut konturierendem Anschlag und differenzierten Klangfarben. Und es war erstaunlich, wie plausibel Volodos den Zyklus in seiner Spielhaltung in die Nähe des "Carnaval" rückte.

In den drei Intermezzi op, 117 von Johannes Brahms, einem der berühmten Spätwerke des Komponisten, fand Volodos eine ausgezeichnete Balance aus distanzierter Darstellung und persönlicher Wahrnehmungsgestaltung. War es in dem Es-dur-Intermezzo noch die sangliche Schlichtheit des Volksliedes, die unverstellt ihre Wirkung entfalten konnte, so nutzte Volodos bei den beiden anderen die Virtuosität, um Emotionen zu erzeugen, etwa die geradezu ungezwungen wirkende Herausstellung der melodischen Linien im Diskant im b-moll-Intermezzo oder in den komplizierten Mittelstimmen des cis-moll-Satzes. Und immer ließ er der Musik genügend Zeit zu atmen.

Seinen großen Namen verdankt Arcadi Volodos nicht zuletzt seinen Schubert-Interpretationen. Dieses Mal war es die A-dur-Sonate, die mittlere und subtilste der drei letzten. In seiner Grundeinstellung knüpfte er hier an die Brahms-Intermezzi an: Distanz und Nähe zugleich zu schaffen. Er gestaltete mit absoluter, nichts verschattender Klarheit, wobei er sich mit einem gelegentlich recht hart angeschlagenen Diskant gegen die Gefahr einer Romantisierung zu wehren schien, wurde spröde, wo die Nähe zu leicht wurde. Er arbeitete mit fein abgestimmten Klangfarben und gestaltete mit langem Atem absolut stimmige und spannende Übergänge. Das Andantino fand zu einer wunderbar meditativen Ruhe. In der zunächst einstimmigen Liedweise ging sogar bei Volodos ein bisschen der Sänger durch. Aber die rezitativischen Einbrüche machten dem rabiat ein Ende.

Im letzten Satz machte sich Volodos Schuberts Verliebtheit in das liedhafte Thema des Refrains zu eigen. Das Nicht-Aufhören-Wollen und -Können, die Irreführung des Hörers mit Scheinschlüssen, die Schubert von Robert Schumann den Vorwurf der "himmlischen Längen" einbrachte, nutzte Arcadi Volodos noch einmal, um mit Klangfarben die Neugier am Leben zu halten, Man hätte ja auf die eine oder andere Wiederholung verzichtet. Aber auf welche?

Drei Zugaben spielte Arcadi Volodos: das Minuet D 600 von Franz Schubert, "La Malagueña" des Kubaners Ernesto Lecuona und ein Siciliano von Antonio Vivaldi, das Johann Sebastian Bach unter BWV 596 bearbeitet hat.
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