Bad Kissingen
Schule

Neues Gymnasium in Bad Kissingen wächst

Im "Kissori"- Lernzentrum entsteht eines von nur drei reformpädagogischen Gymnasien in Bayern. Mittlerweile werden 19 Kinder in der 5. bis 7. Jahrgangsstufe unterrichtet.
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An jedem Schultag tragen die Schüler die Ergebnisse des Vortages in ein Lerntagebuch ein. Auf dem Foto geht Schulleiter Bernhard Löser die Eintragungen mit Erik und Antonia durch. Foto: Ralf Ruppert
An jedem Schultag tragen die Schüler die Ergebnisse des Vortages in ein Lerntagebuch ein. Auf dem Foto geht Schulleiter Bernhard Löser die Eintragungen mit Erik und Antonia durch. Foto: Ralf Ruppert
Schuhe aus und flüstern! Bereits am Eingang zum Kissori-Lernzentrum wird dem Besucher klar, dass er in keiner gewöhnlichen Schule ist. Hier sprechen alle leise, Kinder und Betreuer duzen sich, es geht so gut wie jeden Tag zum Sport ins Freie, die Lehrer heißen Lernbegleiter und arbeiten 45 Stunden in der Woche. Und trotzdem sollen in fünfeinhalb Jahren die ersten Schüler ein vollwertiges Abitur machen.
"Hier gehen alle mit Respekt und Liebe miteinander um", beschreibt die elfjährige Antonia die Atmosphäre. Sie hat den direkten Vergleich, weil sie vier Jahre Regel-Grundschule und ein Jahr Regel-Gymnasium hinter sich hat. "In meiner Klasse waren 31 Kinder, da war es schon laut", erinnert sie sich. Zudem hätten die Lehrer die Schüler unter Druck gesetzt: "Mir ging's in der alten Schule nicht gut", erzählt Antonia. Im vergangenen Jahr zog ihre Familie dann nach Bad Kissingen, im September wechselte sie ins Kissori-Gymnasium: "Hier wird man nicht unter Druck gesetzt, sondern hat seine eigene Zeit", freut sie sich.

Schule hat bereits 24 Angestellte
"Ich find's sehr gut hier, man kann sich oft aussuchen, was man macht", berichtet auch Erik. Der Elfjährige schätzt ebenfalls den respektvollen Umgang. Sein Lieblingsfach ist aktuell Deutsch, allerdings weiß er, dass er um alle anderen Fächer nicht herumkommt. Obwohl er Mathe nicht so gern macht, erzählt er begeistert von seiner aktuellen Geometrie-Übung.
"Die Regelschulen sind lehrerzentriert, viele Montessori-Schulen sind materialzentriert, und wir versuchen, kinderzentriert zu arbeiten", fasst Bernhard Löser die Philosophie der Schule zusammen. Er ist einer der beiden Schulleiter und kennt ebenfalls die Regelschule, arbeitete nach dem Mathe-Sport-Studium einige Jahre am Celtis-Gymnasium in Schweinfurt. Verbeamtung inklusive. Trotzdem kündigte er und wechselte ans Kissori-Lernzentrum, dessen Leitung er sich mit Richard Lutz teilt. "Wir machen beide alles", sagt Löser, auch wenn sein Schwerpunkt im Gymnasium liege, während Lutz als Volksschullehrer vor allem die Grundstufe im Blick habe.
24 Angestellte hat die Schule mittlerweile, viele Lernbegleiter waren bereits im Staatsdienst. "Wir arbeiten alle aus Überzeugung hier", sagt Löser über sein Team. Deshalb sei auch selbstverständlich, dass alle gegen 7.30 Uhr kommen und bis 16.30 Uhr bleiben. Nur durch diese 45 Stundenwoche sei das Betreuungsverhältnis von höchstens vier Schülern auf einen Lernbegleiter zu erreichen.
Der Unterricht dauert von kurz vor 8 bis kurz nach 16 Uhr. Grundsätzlich sind die Schüler relativ frei in der Gestaltung ihres Alltages, aber es gibt auch feste Regeln. So ist etwa jeden Mittwoch ein Thementag mit dem Besuch von Lernorten: Die Kinder füttern Tiere im Wildpark Klaushof, besuchen das benachbarte Seniorenheim oder präsentieren Ergebnisse in der Klinik Bavaria. Der Freitag steht im Zeichen eines gemeinsamen Wochenrückblicks der Schulfamilie, außerdem tragen die Kinder täglich in ihr Lerntagebuch die Ergebnisse des Vortages ein.

Tests aus der Regelschule
Auch wenn es keine Noten gibt, schreiben die Schüler freiwillig Jahrgangsstufentests für die Regelschulen. "Wir stehen sehr gut da", kommentiert Löser die bisherigen Ergebnisse. Auch zum Vorrücken aus der Unter- in die Mittelstufe ist ein Test notwendig. Damit sollen die Schüler auch auf spätere Prüfungen vorbereitet werden: Die Schule plant unter anderem für die 10. Jahrgangsstufe die Mittlere Reife. Das große Ziel bleibt aber das Abitur, für das die Kissori-Schüler acht Prüfungen an einer Regelschule ablegen müssen: vier schriftliche, vier mündliche, also mehr als "normale" Abiturienten, bei denen Leistungen aus zwei Jahren in die Gesamtnote einfließen.
Für das Kultusministerium ist das Kissori-Gymnasium eine "genehmigte Ersatzschule". Das bedeutet, dass die Bildungs- und Erziehungsziele der privaten Schule denen einer öffentlichen Schule entsprechen müssen. "Private Schulen bereichern das öffentliche Schulwesen", sagt Julia Lindner von der Pressestelle des Kultusministeriums. Sie könnten frei über pädagogische, religiöse oder weltanschauliche Prägungen, über Lehr- und Erziehungsmethoden, über Lehrstoff und Formen der Unterrichtsorganisation sowie die Aufnahme von Lehrern und Schülern entscheiden.

Überblick Laut Kultusministerium gibt es in Bayern 74 private Gymnasien (davon rund 50 in kirchlicher Trägerschaft) und 21 Freie Waldorfschulen. Ein dezidiert reformpädagogisches Konzept wie im Kissori-Gymnasium liegt nach Angaben des Ministeriums bei nur drei Gymnasien zu Grunde.

Schülerzahlen Im vergangenen Schuljahr besuchten 346 600 Schüler bayerische Gymnasien. Knapp zehn Prozent davon waren in einem privaten Gymnasium. Darüber hinaus wurden rund 5700 Schüler in den Jahrgangsstufen 5 bis 13 an Freien Waldorfschulen unterrichtet.

Gründung Im Dezember 2010 wurde die gemeinnützige Gesellschaft "Kissori Lernzentrum" gegründet. Im September 2011 nahm dann eine Grundschule, die sich unter anderem an der Päda gogik von Maria Montessori ausrichtet, die Arbeit auf. 40 Kinder werden aktuell im ehemaligen Jugendaktivhotel in der Salinenstraße unterrichtet. In der Vorstufe, also dem Kindergarten, werden weitere 20 Kinder betreut.

Konzept Zentrum des pädagogischen Konzeptes ist die Gruppen-Arbeitsmethode "Themenzentrierte Interaktion" (TZI) von Ruth Cohn. Zudem fließen Ideen der Pädagogen Maria Montessori und Célestin Freinet ein.


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