LKR Bad Kissingen
Landwirtschaft

Neue Wege beschreiten

Bei Flurbereinigungen wird Besitz neu geordnet und die Landwirtschaft gefördert. Die Verfahren sind oft langwierig und kompliziert.
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Joachim Mair und Birgit Glanz inspizieren die Wege am Waldfensterer Forst.  Foto: Markus Klein
Joachim Mair und Birgit Glanz inspizieren die Wege am Waldfensterer Forst. Foto: Markus Klein
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Feuchte Frühlingsluft weht durch die raschelnden Blätter der Buchen und Eschen im Waldfensterer Forst. Joachim Mair vom Amt für ländliche Entwicklung (ALE) Unterfranken und die Landschaftspflegerin Birgit Glanz inspizieren die Zugangswege zu den Feldern. Teils weisen die Wege erhebliche Wasserschäden auf und sollen deshalb im Rahmen eines Flurneuordnungsverfahrens ausgebaut werden. Eine heikle Sache, handelt es sich doch um ein Schutzgebiet.
"Deshalb arbeiten wir von Anfang an mit den Naturschutzbehörden und dem Vogelschutz zusammen", sagt Mair. Der Wegeausbau ist von der ALE und den ansässigen Landwirten ausgegangen, damit sich die Bewirtschaftung wieder lohnt. Denn die Felder sind sehr klein: 176 Besitzer teilen sich 142 Hektar.
"Wir haben uns gewundert, dass diese kleinen Flächen überhaupt noch bewirtschaftet werden", bemerkt dazu Georg Scheuring vom Bauernverband. "Wirtschaftlich vernünftig funktioniert die Landwirtschaft ab einem Hektar. Besser sind zwei bis fünf." Kleinflächen sind typisch für die Region. Das liegt zum Teil an größeren Eingriffen. Der Bau der Autobahn 71 vor zehn Jahren etwa hat die Flur im Landkreis stark verändert und führte zu vier Neuordnungsverfahren mit insgesamt 2000 Hektar Fläche. Zwei davon laufen bis heute (Münnerstadt-Althausen und Poppenlauer 2).

Der Hauptgrund für die Kleinteilung in der Region ist aber ein anderer: "Das liegt an der fränkischen Realteilung", weiß Scheuring. Der Begriff bedeutet, dass anders als etwa in Norddeutschland Hof und Besitz unter allen Erben gleich verteilt wurden - und bis heute oft noch werden. So verkleinern sich die Flächen stetig weiter. In Flurbereinigungen werden deshalb Flächen zusammengelegt, um die Landwirtschaft funktionsfähig zu halten.


Zersplitterte Flur

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese rigoros durchgesetzt, um eine effektive Landwirtschaft zu ermöglichen. "Da wurde nicht viel gefragt, sondern einfach zusammengelegt. Heute haben wir da einen anderen Anspruch", sagt Dorit Bollmann, Pressesprecherin des ALE.

Die Besitzer, die Gemeinde und die Verbände sind heutzutage in Teilnehmergemeinschaften organisiert, dürfen mitentscheiden und auch klagen. Ziel ist es laut Bollmann, durch Tausch und Zugeständnisse eine "wertgleiche Abhandlung" zu erreichen. Das ist nicht immer einfach. "Wenn es ums Eigentum von hunderten Beteiligten geht, zieht sich das", sagt Bollmann. So sind von den im Jahr 1978 begonnenen Flurbereinigungsverfahren im Raum Burkardroth fünf noch immer nicht abgeschlossen (siehe Grafik). "Bei diesen Dimensionen kann man es nie allen recht machen", sagt Bollmann. Aber Kompromisse würden letztendlich immer gefunden.

Seit 1970 sind denn auch im Landkreis bereits 76 Verfahren erfolgreich durchgeführt worden. Allein in der Gemeinde Hammelburg wurden in den 70-er und 80-er Jahren in 13 Verfahren stolze 8000 Hektar Land neu geordnet.

Die historische Realteilung im Landkreis ist zwar eine landwirtschaftliche Herausforderung, hat aber auch ökologische Vorteile. Am Waldfensterer Forst haben sich etwa bedrohte Wiesenbrüter niedergelassen. Diese gilt es dort nun zu schützen und gleichzeitig die Landwirtschaft zu erhalten. Derzeit läuft dort ein Flurbereinigungsverfahren, bei dem auch das Wegenetz verbessert werden soll. t.


Kleine Wiesen, viele Arten

"Für die Landwirte ist wichtig, dass es dort endlich vernünftige Wege gibt", sagt Georg Scheuring vom Bauernverband. Denn die meisten sind vom Wasser beschädigt und erschweren den Bauern so den Zugang zu den Feldern. Die kleinen, wasserreichen Wiesen sind aber auch eine geeignete Brutstätte für gefährdete Arten, etwa den Kibitz und den Wachtelkönig. Die Landwirte halten sich an feste Mäh- und Düngezeiten, um die Arten zu schützen. Dafür bekommen sie finanzielle Unterstützung von der Bezirksregierung. Lange hat das die Landwirtschaft dort ermöglicht, doch die Klagen der Landwirte wegen der zunehmend schlechteren Zufahrtswege häuften sich. Im vergangenen Jahr wurde deshalb der Ausbau des Wegenetzes beschlossen.

Darin sieht Franz-Peter Ulmann von der Unteren Naturschutzbehörde in Bad Kissingen das Gleichgewicht nun gefährdet: "Vom Artenschutz her halte ich das für sehr bedenklich. Das hat doch bisher gut funktioniert dort. Wenn es jetzt neue Wege gibt, dann wollen Erholungssuchende die auch nutzen. Zwar darf man dort nicht fahren, aber viele halten sich nicht daran und stören die Tiere." Das sieht sein Kollege Thomas Keller von der Oberen Naturschutzbehörde in Würzburg ähnlich: "Die Gefahr besteht. Deshalb ist unser Ziel, möglichst viele Furten zu bauen, um die Wege für Pkw uninteressant zu machen."


Alles hängt am Wasser

Keller war bei den ersten Planungsgesprächen dabei. Wichtig sei es, das Wasser zwar von den Wegen weg, aber nicht von den Wiesen ab zu leiten, damit diese nährstoffreich bleiben. "Das ist technisch leistbar", sagt er. Beim Ausbau gelte es auch, die Buchen zu schützen. Den Eingriff in die Natur sieht er aber als "notwendiges Übel, um die langfristige Bewirtschaftung zu erhalten." Denn wenn sich die Landwirtschaft nicht mehr lohnt, dann liegen die Wiesen brach und die gefährdeten Vögel können ebenfalls nicht brüten. Das sieht auch Dieter Fünfstück vom Landesbund für Vogelschutz ähnlich: "Wir wollen nicht, dass die Felder brach liegen. Wir wollen aber auch keine intensive Nutzung. Denn die Wiesenbrüter sind massiv gefährdet."

"Dass es sich um ein sensibles Gebiet handelt, wissen auch die Eigentümer", sagt dazu der Waldfensterer Bürgermeister Waldemar Bug. "Die Gespräche verlaufen bisher auf sehr vernünftiger Basis." Joachim Mair vom Amt für ländliche Entwicklung (ALE) in Unterfranken leitet die Verhandlungen und setzt auf Diplomatie: "Wir haben von Anfang an mit den verschiedenen Behörden und Vereinen gesprochen. Der Wegeausbau ist aber letztlich im Interesse aller Beteiligten. Wir brauchen nur eine Feinabstimmung." Deshalb werden die Baumaßnahmen für das im Jahr 2014 begonnene Projekt auch frühestens im Juli 2017 beginnen.


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